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Nazijäger

Kolumne: Auf ein Wort – Unklar ist, wie man selbst in der NS-Zeit gehandelt hätte. Heute ist aber sicher, welche Verantwortung man hat und wie man sich positionieren sollte.

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Nach den Herren Thiel und Boerne, Tatort Münster, am vergangenen Sonntag habe ich das Fernsehgerät weder aus-, noch ein anderes Programm eingeschaltet. Es folgte unglaublich schwere Kost: Nazijäger, 90 Minuten blanker Horror. Hamburg, die Schule am Bullenhuser Damm, 20 Kinder werden nach medizinischen Versuchen getötet, um eben diese Versuche am Menschen zu vertuschen. Warum konnten die Täter nicht 'Nein' sagen? Warum konnten sie nicht einfach nur Mensch sein: Da mache ich nicht mit?

Ich denke an das Tagebuch meines Vaters, Jahrgang 1921, das mich teilweise schwer erschüttert hat. Er schreibt: "Am 1. Mai 1945 verkündete das Oberkommando der Wehrmacht den Tod Hitlers. Um 10.30 Uhr kam das Unfassbare per Funkspruch zu uns an Bord! Der Führer ist tot! Man hätte es sich denken können, aber man dachte nicht, niemals. Der Führer war fehlerlos. Er war für mich unsterblich. Wie wollten wir jetzt noch siegen?"

Mein Vater hat nie mit mir über den Krieg gesprochen. Alles, was ich weiß, erzählt sein Tagebuch, das mir erst nach dem Tod meiner Eltern ausgehändigt wurde. Wie gerne hätte ich mit ihm über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen, ihn gefragt, was der Krieg mit ihm gemacht hat. Er lehnte stets sehr bestimmt ab. Mein Vater war als junger Mann ein glühender Nazi, aber er ist kein Nazi geblieben. Als er die ersten Bilder von Konzentrationslagern sah, nach und nach die Gräuel der Nazizeit aufgedeckt wurden, begann die Umkehr von seinem Lebensirrtum.

"Warum seid ihr nicht gegen die Judenverfolgung aufgestanden?"Jörg Schlüter

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Mutter, gebürtige Hamburgerin, Anfang der 1960er Jahre. In meinem jugendlichen Elan klagte ich sie an: "Warum seid ihr nicht gegen die Judenverfolgung aufgestanden?" "Wir wussten nichts von Konzentrationslagern, ehrlich." Ich glaubte ihr, entgegnete aber: "Es hätte euch doch auffallen müssen, dass die Judensterne auf den Straßen immer weniger wurden!" Seufzen, Kopfschütteln, Schweigen.

Im warmen Wohnzimmer 2022 scheint es so einfach, 'Nein' zu sagen. Wäre ich von 1933 bis 1945 der Christ geblieben, der ich heute bin? Ich hoffe es! Aber ich weiß auch, wie sehr ich das Leben meiner Familie liebe! Wie würde ich mich entscheiden, wenn das Liebste mit Lager, Folter oder Tod bedroht wird? Wie wahrhaftig ist mein Glaube?

Heute muss in Deutschland keiner um seine Freiheit fürchten

Darum macht es mich zornig, wenn heute Querdenker und Spaziergänger sich leichtsinnig äußern, dass die Bundesrepublik auf dem Weg sei, ein totalitärer Staat zu werden. Was für ein Unsinn! Es macht mich zornig, wenn sich irgendwelche Coronaleugner mit verfolgten Juden vergleichen. Niemand von diesen Verirrten muss in unserem demokratischen Land um seine Freiheit und um sein Leben fürchten.

Warum überschreiten wir Menschen Grenzen, die wir nicht überschreiten dürften? Wohl auch deshalb, weil es Scharlatane und Ideologien gibt, die die Sinne vernebeln, die Gedanken in eine verkorkste Richtung lenken, das Gewissen betäuben oder gar außer Kraft setzen. Wie gut, dass die Heilige Schrift Orientierung gibt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wer ist denn mein Nächster? Der, mit dem ich in meiner Stadt wohne!


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher.
  • Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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