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Namen sind wie Schall und Rauch – oder doch eher Nomen est omen?

Kolumne: Welchen Namen ihr Erstgeborenes bekommt, das war für die Kindesmutter glasklar. Doch hatte sie dabei einen schwerwiegenden Einwand außer Acht gelassen.

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Es war des Bauern aus Bösel allererstes Enkelkind, das an diesem Wintersonntagabend in den frühen 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte. Was fehlte, war der Name.

Der Kindesmutter, ihrem Vater in tiefer Verehrung zugetane Tochter, war klar, es konnte nur der Name des Großvaters sein. Die Großväter sterben vor den Vätern. Also sind sie zunächst dran, vor allem, wenn der allererste Enkel in die Namensgemeinschaft aufgenommen werden soll. Das würde den frischgebackenen Opa doch freuen.

Am Tag nach der Geburt machte sich dieser auf den Weg nach Friesoythe, um voller Stolz seinen Enkel zu sehen. Er sprach sonst eigentlich nicht viel, der Bauer aus Bösel. Aber in diesem Moment übermannten ihn dem kleinen Menschenkind gegenüber die Gefühle, und er ließ den Tränen freien Lauf. Mein Gott, das Leben geht weiter. Ich habe einen Enkel.

„Sein Gesicht wurde hart, seine Tochter spürte, dass sie etwas Falsches gesagt hatte.“Otto Höffmann

Dann die Gretchenfrage, die hier aber nichts mit der Religion zu tun hatte. „Wie soll das Kind denn heißen,“ fragte der gerührte Opa. „Also ich habe gedacht“, sagte die Tochter, „Papa, weil es dein erster Enkelsohn ist, soll er deinen Namen tragen. Er soll Bernd heißen“, schaute die frischgebackene Kindesmutter ihren Vater freudig erwartend an. Des Bauern aus Bösels Miene verfinsterte sich. Er schwieg und schaute ernst.

Sein Gesicht wurde hart, seine Tochter spürte, dass sie etwas Falsches gesagt hatte. Doch sie wusste nur nicht, was und warum. Sie hatte es doch nur gut gemeint und dem verwitweten Vater eine Freude machen wollen. Dann kam es mit schweren Worten über die Lippen des Großvaters: „Hast du vergessen, wer in Sibirien verhungert ist?“

Unter diesen Blicken war kein Wort mehr nötig. Es war der Bruder der Kindesmutter und Sohn des Großvaters, der mit unschuldigen 18 Jahren noch 1944 in den mörderischen Feldzug nach Russland geschickt wurde, um von Bösel aus den Bolschewismus zu besiegen. Von Verbrechern missbraucht. Um sein Leben betrogen. Seine Kameraden hatten die Botschaft vom Hungertod überbracht. Für das Vaterland gefallen, mit Ehre auf dem Feld. Davon wollte der Vater von Stund an nichts mehr hören.

Die Kindesmutter erfüllte natürlich den Auftrag

Auch 5 Jahre nach dem Kriegsende war das nicht vergessen und hatte sich dem Vater in der Tiefe seines Herzens eingebrannt. Die Kindesmutter erfüllte natürlich den Auftrag, und so erhielt das erste Enkelkind des Bauern aus Bösel nicht den Namen seines Großvaters. Das Kind wurde selbstverständlich nicht gefragt. Wie auch und warum auch, ist doch nur ein Name. Und den bestimmen die Eltern. Oder wie hier der Großvater.

Das Kind war später froh, zumindest den Namen eines Opfers zu tragen. Damit ging es ihm weitaus besser als vielen anderen einige Jahre zuvor. Eltern hatten diesen Jungs den Namen des „größten Führers aller Zeiten“ („Gröfaz“) gegeben, was später nur noch durch Verharmlosung und Verniedlichung zu ertragen war, wie mancher Adi sich immer wieder erinnerte.

Namen sind wie Schall und Rauch, sagen die einen. Nomen est omen, sagen die anderen. Die einen sagen so, die anderen sagen so.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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