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Man denkt immer, man hätte noch Zeit

Kolumne: Besucht eure Großeltern, solange ihr es könnt. Setzt euch zu ihnen, hört zu, seid einfach da.

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Man denkt immer, man hätte noch Zeit. Solange die Großeltern ans Telefon gehen, solange man sich sagt, dass man es am nächsten Wochenende schafft, solange das eigene Leben laut genug ist, um die leisen Dinge zu überhören.

Im Mai 2025 ist meine Oma gestorben, und mit ihr ist diese trügerische Gewissheit verschwunden. Plötzlich gab es kein „Später“ mehr, kein „Bald komme ich vorbei“, sondern nur die Erkenntnis, dass ich sie nicht oft genug besucht habe. Nicht, weil sie mir je etwas vorgeworfen hätte, sondern weil mir erst jetzt klar wird, wie wenig es gebraucht hätte: ein Nachmittag, ein gemeinsamer Kaffee, ein Gespräch über Alltägliches, das heute unendlich wertvoll wäre.

Zurückgeblieben ist mein Opa. Ein Mann, der sein Leben lang gegeben hat und der nun seine Abende meist allein verbringt. Der Fernseher läuft, nicht aus Interesse, sondern weil Stille manchmal schwer auszuhalten ist. Viel zu selten klingelt das Telefon, viel zu selten steht jemand vor der Tür, viel zu selten fragt jemand, wie es ihm wirklich geht.

„Wie wenig es braucht, um einem Menschen so viel zu geben. Wie viel Nähe in einem einfachen Besuch steckt. Wie groß die Einsamkeit sein kann, wenn man selbst nicht mehr laut nach Gesellschaft fragt.“

Aufgrund eines Trauerfalls habe ich mich dazu entschlossen, Silvester in diesem Jahr entspannt zu Hause zu verbringen. Also bin ich zu meinem Opa gefahren. Wir haben uns entschieden in die Stadt zu fahren, um etwas zu essen. Nichts Besonderes, dachte ich. Wir saßen am Tisch, haben gegessen, geredet, geschwiegen. Und vor allem viel zusammen gelacht. Und dann habe ich seine Augen gesehen, wie sie gestrahlt haben, nur weil jemand da war. Irgendwann liefen ihm die Tränen über die Wangen. Nicht aus Traurigkeit, sondern aus Dankbarkeit. Dieser Moment hat mich wachgerüttelt.

Wie wenig es braucht, um einem Menschen so viel zu geben. Wie viel Nähe in einem einfachen Besuch steckt. Wie groß die Einsamkeit sein kann, wenn man selbst nicht mehr laut nach Gesellschaft fragt.

Unsere Großeltern haben uns großgezogen, sie haben uns gehalten, als wir klein waren, haben uns Zeit geschenkt, ohne auf die Uhr zu schauen. Mit Oma und Opa verbindet jeder eine ganz persönliche Geschichte. Und wir sagen heute oft, wir hätten so viel zu tun, so viele Termine, so wenig Raum. Dabei ist die Wahrheit eine andere: Es kann schneller vorbei sein, als man denkt. Irgendwann bleibt nur noch das „Hätte ich doch öfter“, und dieser Satz tut weh.

Besucht eure Großeltern, solange ihr es könnt. Setzt euch zu ihnen, hört zu, seid einfach da. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Liebe. Denn für sie bedeutet es alles.


Zur Person

  • Charlotte Arkenau ist Volontärin der OM-Medien.
  • Der Kontakt zur Autorin ist möglich unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de

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