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Liudmyla Tsariuk und Hanna Panchenko aus der Ukraine wollen ihren Landsleuten helfen

Noch bis vor wenigen Wochen bangten sie in Kiew um ihr Leben. Nun sind Liudmyla Tsariuk und Hanna Panchenko in Cloppenburg. Sie wollen auf ihre Weise traumatisierten Kindern helfen.

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Helfen ihren Landsleuten: Luidmyla Tsariuk (links) und ihre Tochter Hanna Panchenko. Die Kuscheltiere sind Hilfsmittel in der Therapie – die traumatisierten Kinder sprechen oft zuerst mit den riesigen Teddys, bevor sie sich Erwachsenen anvertrauen. Foto: Götting

Helfen ihren Landsleuten: Luidmyla Tsariuk (links) und ihre Tochter Hanna Panchenko. Die Kuscheltiere sind Hilfsmittel in der Therapie – die traumatisierten Kinder sprechen oft zuerst mit den riesigen Teddys, bevor sie sich Erwachsenen anvertrauen. Foto: Götting

In den Kellern ihres Wohnquartiers bangten sie noch vor wenigen Wochen um ihr Leben. Als in der ukrainischen Hauptstadt Kiew die Bomben und Raketen der russischen Armee einschlugen, bebten Böden und Wände, die Menschen wurden von schierer Panik erfasst.

Luidmyla Tsariuk (54) und ihre Tochter Hanna Panchenko (30) erinnern sich mit Schaudern an diese grauenhaften Stunden. „Du kannst nichts mehr essen. Körper und Seele sind so gestresst, dass man alles wieder erbricht. Selbst ein Schluck Wasser bleibt nicht drin, weil man psychisch völlig fertig ist“, erzählt Luidmyla Tsariuk, die vor ihrer Flucht in Kiew als Business-Trainerin und Consultant (Beraterin) gearbeitet hat.

Krieg hat das friedliche Leben in der Metropole zerstört

Der Krieg hat das Leben in der friedlichen Metropole und für die Menschen radikal verändert. „Man denkt nicht mehr an die Zukunft und man plant nur noch für die nächsten 2 bis 3 Stunden“, erzählt die studierte Wirtschaftspsychologin, die in Kiew auch für deutsche Unternehmen gearbeitet hat.

Immer wieder hatten Luidmyla Tsariuk und ihre Tochter Hanna Panchenko die Hoffnung, dass der bewaffnete Konflikt ein Ende findet. Doch daraus wurde nichts, und sie flüchteten Ende Mai aus ihrer Heimat. Zurück ließen sie ihre voll ausgestatteten Wohnungen. Ihren Hund hat Luidmyla bei Verwandten untergebracht, und Hannas Mann kämpft inzwischen in der ukrainischen Armee.

"Wenn der Krieg einmal zu Ende ist, werden sehr viele Verletzte und psychisch Kranke in die Städte und Dörfer der Ukraine zurückkommen." Liudmyla Tsariuk

Die Flucht führte die zwei Frauen über das polnische Krakau, Berlin, Hannover bis nach Fürstenau im benachbarten Artland, wo sie sich rund 2 Wochen aufhielten. Die Möglichkeit, auf ihrem Weg ein bestimmtes Ziel einzuschlagen, war nicht immer gegeben, berichten sie. Der Weg hätte auch ebenso in Holland oder Spanien enden können.

Heute sind sie froh, mit Hilfe des DRK-Kreisverbandes zunächst in einer Notunterkunft in Lastrup und jetzt in einer festen Wohnung in Cloppenburg untergekommen zu sein. Doch der Krieg verfolgt sie auf die eine oder andere Weise auch bis in die friedlichsten Ecken des Oldenburger Münsterlandes. Da ist zum Beispiel der Probealarm an jedem ersten Samstag im Monat. Pünktlich um 12 Uhr heulen in der Region die Feuerwehrsirenen – ein Geräusch, das die beiden Frauen aus der Ukraine beim ersten Mal bis ins Mark erschütterte. Luidmyla Tsariuk bekennt sich zu ihrem Trauma, das sie sich in den Kellern von Kiew zugezogen hat: „Mir wird schlecht, wenn ich Sirenen höre“. Auch ihrer Tochter ging es nicht viel anders. Als ihnen die genauen Umstände von Helfern des Roten Kreuzes erklärt wurden, konnten sie sich entspannen.

Hanna Panchenko hat bereits Erfahrung in der Arbeit mit Kindern

Ähnliche Erfahrungen gibt es mit knallenden Türen, die an Explosionen erinnern, oder mit lautstarken Lkw oder Agrarfahrzeugen, die sich wie vorbeirollende Panzerkolonnen anhören.

Und genau diese bitteren und leidvollen Erfahrungen, die Mutter und Tochter an Leib und Seele erfahren mussten, wollen sie nun gegen den Krieg und seine Folgen einsetzen. „Die Deutschen haben uns geholfen, obwohl sie uns doch gar nicht kannten. Dafür sind wir sehr dankbar. Wir wollen uns jetzt an dieser Hilfe beteiligen und damit etwas zurückgeben“, zeigen sich beide entschlossen. Dafür bringen sie nicht nur die sprachlichen Voraussetzungen mit. Luidmyla ist Wirtschaftspsychologin und Expertin auf dem Gebiet der Quantenpsychologie, ihre Tochter hat in der Ukraine schon als Psychologin im therapeutischen Bereich mit Kindern gearbeitet. Sie wollen sich jetzt vornehmlich um die traumatisierten Kinder, aber auch um Erwachsene kümmern, und werden dabei vom DRK und vom Landkreis Cloppenburg unterstützt.

Musik, Kunst und Tanz sollen Kindern Ventil für ihre Angst bieten

„Es ist leicht gesagt und schwer getan. Aber wenn der Krieg einmal zu Ende ist, werden sehr viele Verletzte und psychisch Kranke in die Städte und Dörfer der Ukraine zurückkommen. Deshalb müssen wir jetzt die Zeit in Deutschland nutzen, damit wir Flüchtlinge selbst wieder fit werden und nach unserer Rückkehr in der Heimat helfen können“, beschreibt Luidmyla ihr Konzept.

Sie wollen sich mit Musik, Kunst, Tanz und Sport den Kindern nähern und ihnen ein Ventil für ihre Angst bieten. Die Aufgabe ist ebenso komplex, wie die Traumata der Kinder unterschiedlich sind. Einige Kinder schreien und lärmen, andere malen und schweigen, wieder andere klammern sich permanent an ihre Eltern.

Doch Luidmyla und Hanna haben den Krieg selbst am eigenen Leib erfahren – und so wird die Hilfe für andere auch zu einer Art Therapie für die eigenen Seelen.

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