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Lastrups Ortsgeschichte ist jetzt „erfahrbar“

Das Tourismusprojekt „Lebenslinien Lastrup“ bietet fünf unterschiedliche Radrouten an. 44 Stationen und QR-Codes führen interaktiv durch Gemeinde und Bauerschaften.

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Katharina Kaiser und Johannes Knuck stehen vor dem St.-Elisabeth-Stift. Es ist eine der 44 Info-Stationen, die auf den fünf Routen zu finden sind. Foto: W.  Stelljes

Katharina Kaiser und Johannes Knuck stehen vor dem St.-Elisabeth-Stift. Es ist eine der 44 Info-Stationen, die auf den fünf Routen zu finden sind. Foto: W. Stelljes

Auf den „Lebenslinien Lastrup“ können Einheimische wie Gäste ab sofort mit dem Rad eintauchen in die Vergangenheit der Gemeinde und ihrer Bauerschaften. Bei den „Lebenslinien“ handelt es sich um fünf Radrouten unterschiedlicher Länge, entwickelt von Mitgliedern des Heimatvereins in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Dorferneuerung.

Katharina Kaiser, Sozialkoordinatorin in Lastrup und Ansprechpartnerin für touristische Angelegenheiten, und Johannes Knuck, Abteilungsleiter Tourismus beim Verbund Oldenburger Münsterland und zuständig für die Vermarktung, haben das Ergebnis jahrelanger Planung nun getestet, quasi von Amts wegen. Kaiser lebt seit 2019 in der Gemeinde, ein unterschiedlicher Blick also auf das neue Angebot.

Die kürzeste der fünf Routen ist der „Entdeckerpfad“. Er führt durch Lastrup und ist mit einer Länge von knapp 5 Kilometern „eher ein ausgedehnter Spaziergang“, so Kaiser. Die „Nordrunde“, die „Lastruper Sagenroute“ und die „Flur- und Höfe-Tour“ sind zwischen 9 und gut 16 Kilometer lang und verbinden Lastrup mit den angrenzenden Bauerschaften.

Brink-Bewohner: „Ein recht buntes Völkchen“

„Auf nach Norwegen“ ist mit knapp 37 Kilometern die längste Route und erschließt den Süden und Osten der Gemeinde. An den fünf Routen liegen insgesamt 44 Info-Stationen. Start und Ziel sind frei wählbar, sagt Kaiser. „Man kann bei jeder Station einsteigen.“

Kaiser und Knuck entscheiden sich für einen Mix aus Route 1 und Route 5, sprich: Ortskern plus Norwegen. Die erste Station: Auf dem Brink, Lastrups älteste Siedlung auf einer Anhöhe am Ortsrand. Neben dem ehemaligen Spritzenhaus steht unter alten Eichen eine Info-Tafel mit einem Text und vier Fotos. Daneben ein QR-Code und zwei Telefonnummern der Gemeinde, wahlweise für Hochdeutsch oder Plattdeutsch. Knuck testet Letzteres und hört eine vertraute Stimme: Moderator Ludger Abeln erzählt, dass der Brink lange Zeit „so etwas wie eine eigene Welt“ war und die Bewohner als „ein recht buntes Völkchen“ galten, das fast ausschließlich die Lastruper Ortsfeuerwehr stellte. Den Brink kannte er, sagt Knuck, „aber nicht die Geschichte dahinter“.

Mitten im Ort erinnert eine Info-Tafel an „Pingel Anton“, eine Kleinspurbahn, die von 1902 bis 1953 dampfend zwischen Cloppenburg und der oldenburgischen Landesgrenze pendelte. Ältere Lastruper kennen den Bahnhof noch als Kneipe, sagt Knuck. In Sichtweite eine weitere Tafel, die die spannende Vita von Anton Witte in Erinnerung ruft: „Eine typische Südoldenburger Unternehmergeschichte, dieser Gründergeist, gerade auch bei widrigen Verhältnissen“, so Knuck. Er ruft mit dem Smartphone die Audio-Datei auf und erfährt, warum der Gründer der Maschinenfabrik AWILA wiederholt ins Gefängnis musste. Witte hatte die von den Nationalsozialisten geforderte Umstellung auf kriegswichtige Güter „rundheraus abgelehnt“.

R-Code scannen und schon gibts weitere Informationen. Foto: W. StelljesR-Code scannen und schon gibts weitere Informationen. Foto: W. Stelljes

Auf ihrem weiteren Weg passieren Kaiser und Knuck mit dem Hotel „Knipper“ die älteste Kneipe im Ort sowie den kleinen See im Kunst- und Kulturpark, „klassischerweise ein Regenrückhaltebecken mit Freizeit- und Erholungswert“, weiß Knuck, der seine Bachelorarbeit über dieses Projekt geschrieben hat.

Zwischen Kneipe und Park liegt das St.-Elisabeth-Stift und damit die Wirkungsstätte des Vaters von Özlem Türeci, der hier als Chirurg arbeitete. Özlem Türeci, die zusammen mit ihrem Mann Ugur Sahin die Firma BioNTech gründete und den Corona-Impfstoff entwickelte, ist vermutlich die erste Person, die Auswärtigen einfällt, wenn die Rede auf Lastrup kommt und es nicht gerade um Sport geht.

Ziemlich genau auf der Grenze von Lastrup und Hamstrup liegt eine Station, an der Knuck, der in Hamstrup aufgewachsen ist, schon „tausend Mal vorbeigefahren“ ist, ohne anzuhalten: eine Pumpstation, die an die Erdölförderung in der Gemeinde erinnert. Knuck scannt mit seinem Handy den QR-Code. Es rumpelt und rauscht. Dann Pferdegalopp, ein bisschen Wilder Westen. Nein, kein Dallas, kein Houston, so der Sprecher, aber eben doch genug schwarzes Gold, um Anfang der 1960er Jahre 400 Menschen in Lohn und Brot zu bringen. Die nächste Station, die alte Schule von Hamstrup, ist heute ein Dorfgemeinschaftshaus, wie so viele andere ehemalige Schulen auch. „Jeden Sonntag um 12 Uhr wird hier geläutet“, sagt Knuck. „Und wenn jemand gestorben ist, wird schon um Viertel vor zwölf geläutet.“ Insiderwissen. Gern hat Knuck in Jugendtagen auch den einen oder anderen mit dem Satz irritiert, dass er am Wochenende zu einem Geburtstag nach Norwegen muss – mit dem Fahrrad. Es ist eine Sache von nicht einmal 10 Minuten. „Hier liegt alles um die Ecke“, sagt Kaiser, die vor allem die Ruhe des Lebens auf dem Lande schätzt.

Norwegen, die südlichste Bauerschaft der Gemeinde Lastrup mit rund 60 Einwohnern, verdankt seinen außergewöhnlichen Namen vermutlich der Tatsache, dass die Grafschaft Oldenburg im 17. Jahrhundert von dem dänischen Königshaus regiert wurde, zu dessen Herrschaftsgebiet auch Norwegen gehörte. So jedenfalls steht es auf der Info-Tafel. „Ein Hauch von großer Geschichte“, findet Knuck, der hofft, dass dank der „Lebenslinien“ das „zarte Pflänzchen für Radtourismus“ nun auch in Lastrup kräftig sprießt.
Kaiser wird in den nächsten Tagen noch die einzelnen Stationen auf Komoot einpflegen. Spätestens zum Projekt „Stadtradeln“ im Mai soll dann alles fertig sein und auch Auswärtige animieren, eine Runde durch Lastrup zu drehen.

Katharina Kaiser vor Station 28, einer Pumpstation im ehemaligen Erdölfördergebiet. Foto: W.  Stelljes Katharina Kaiser vor Station 28, einer Pumpstation im ehemaligen Erdölfördergebiet. Foto: W. Stelljes

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