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Landkreis Vechta fordert vom Land Niedersachsen 500.000 Corona-Impfdosen

Die Kreisspitze empfindet die Zuteilung als unfair. Wie viele Dosen kommen, hängt von der Einwohnerzahl ab. Im Lohner Impfzentrum aber kann sich jeder anmelden; im Landkreis wohnen muss er nicht.

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Die Vertreter der Krankenhäuser unterstützen die Forderungen des Kreises nach mehr Impfdosen: (von links) Ulrich Pelster, Michael Haskamp, Dr. Tobias Hoge, Oliver Peters und Daniel Scheper. Foto: Kühn

Die Vertreter der Krankenhäuser unterstützen die Forderungen des Kreises nach mehr Impfdosen: (von links) Ulrich Pelster, Michael Haskamp, Dr. Tobias Hoge, Oliver Peters und Daniel Scheper. Foto: Kühn

Mit der Öffnung der landesweiten Hotline für die Vereinbarung der Corona-Impftermine am Donnerstag wurde es nun endgültig offensichtlich: Es geht nicht alles nach Plan bei der Pandemie-Bekämpfung. Es knirscht also mächtig im Gebälk.

Grund genug, für den Landkreis Vechta, eine Pressekonferenz einzuberufen, denn „wir und die Städte und Gemeinden im Kreis sind die ersten Ansprechpartner, wenn es schiefläuft“, meint Landrat Herbert Winkel (CDU). Der Kreis hat jetzt einen Brief an das Land geschrieben und fordert darin von Sozialministerin Carola Reimann (SPD) mehr Transparenz und mehr Kommunikation ein. Kern des Schreibens: die Forderung nach mehr Impfdosen. Erhält der Kreis bislang die Zahl der Impfdosen berechnet an der Einwohnerzahl, will er nun „eine faire und gerechte Vergabe“ der knappen Impfstoffe erreichen, so Winkel. Der Weg: Es müsse der „Einzugsradius“ eines Impfzentrums betrachtet werden. 500.000 Dosen müsse es dann für den Landkreis geben, betont Winkel.

Hintergrund: Das Impfzentrum, das die Bürger mit Impftermin aufsuchen wollen, können diese sich selbst aussuchen. Da das Zentrum in Lohne sehr verkehrsgünstig liegt, wollen dort auch Bürger aus Nachbarlandkreisen geimpft werden, erklärt Winkel. Bei der aktuellen Zahl der Impfterminbuchungen kommt lediglich die Hälfte aus dem Landkreis Vechta, aus den Kreisen Osnabrück und Diepholz jeweils 20 Prozent, 10 Prozent aus weiteren Orten. Das treibt die Zahl der in Lohne benötigten Impfdosen nach oben. Deshalb will der Kreis Vechta nicht nur seine 140.000 Einwohner mit mindestens 280.000 Impfdosen berücksichtigt wissen, sondern unter Anwendung des „Einzugsradius“ die für das Zentrum berechneten 500.000 Impfdosen.

Christian Ewald ist Leiter des Impfzentrums in Lohne. Foto: KühnChristian Ewald ist Leiter des Impfzentrums in Lohne. Foto: Kühn

Dabei will man  zudem, dass die „vergleichsweise hohe Zahl an Alten- und Pflegeheimen im Kreis Vechta“, berücksichtigt wird, sagt Winkel. Dort würde bislang ein Großteil der bisher zugeteilten, rationierten Impfdosen verimpft. Die Folge: Da laut den Vorgaben des Landes etwa die große Gruppe der Betagten über 80 Jahre zuerst geimpft werden muss, haben ebenfalls priorisierte Gruppen weiter auf ihre Impfung zu warten.

Sehr betroffen davon ist das medizinische Personal der Krankenhäuser im Kreis und die Mitarbeiter der Rettungsdienste. Wenn die Impfungen in den 3 Krankenhäusern im Kreis Vechta in der kommenden Woche beginnen, steht aufgrund des begrenzten Impfstoffs schon jetzt fest, dass nur 70 Prozent der Krankenschwestern, Ärzte und Pfleger geimpft werden können. „Da wird dann von den Krankenhäusern noch einmal eine Priorisierung innerhalb der priorisierten Gruppe verlangt“, klagt Dr. Tobias Hoge, Chefarzt der Inneren Medizin am St. Elisabeth-Krankenhaus in Damme. „Wie soll ich den Mitarbeitern eigentlich erklären, warum sie zu den 30 Prozent, und nicht zu den 70 Prozent gehören? Wir machen doch alle unsere Arbeit auf den Covid-Stationen oder den Intensivstationen.“ Insgesamt sind 1.000 Mitarbeiter in den Krankenhäusern zu impfen, hat die Kreisverwaltung errechnet.

Der „Unmut des medizinischen Personals“ steigt, weiß Michael Haskamp, pflegerische Abteilungsleitung in Damme. Gerade wenn man sehe, dass einige Landkreise bei der Impfung der Mitarbeiter in den Krankenhäusern viel weiter seien. Das wisse auch der Landkreis, so Erster Kreisrat Hartmut Heinen, der wie Winkel den „Fortschritt“ anderer Kreise daraus ableitet, dass dort die wegen kleinerer Ü80-Gruppen nicht verwendeten Impfdosen schon für die nächste priorisierte Gruppe – das medizinische Personal in den Krankenhäusern – verwendet wird. Dass sich die Mitarbeiter in den Krankenhäusern in Vechta beklagen, dass sie woanders schon längst geimpft wären, sei absolut verständlich, so die Kreisspitzen, aber erklärbar aus den Zuteilungen für den Kreis: „Alle Probleme hängen am knappen Impfstoff“, sagt Winkel bedauernd.

Aber es gibt nicht nur Negatives zu berichten. Laut Ewald und dem medizinischen Leiter des Impfzentrums in Lohne, Dr. Frank Hammersen, haben rund 1.000 Menschen der Hochrisikogruppen inzwischen ihre 2. Impfung erhalten, sind also absehbar vollständig geschützt. Am 2. Februar wird der Kreis die 3. Lieferung des Vakzins von Biontech erhalten. Rechnerisch können 1.170 Personen geimpft werden, gibt Ewald an. „Es werden dann wieder 4 mobile Impfteams im Einsatz sein“, sagt Ewald. Und auch im Impfzentrum kann es losgehen. Das Land hat angekündigt, dass bereits 564 Termine vergeben sind.

Ewald schaut auch zurück: Bis Freitag (29. Januar) waren 3.055 Impfungen durchgeführt, davon 2.266 Erstimpfungen. 2.100 Impfungen erhielten Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Aktuell könne man in Lohne 720 Impfungen am Tag durchführen, sei aber so aufgestellt, das 1.200 Impfungen möglich wären.

Unter dem bestehenden Gewirr der Weisungen und Verordnungen von Land und Bund leiden insbesondere die, die mit hunderttausenden Anrufen verzweifelt und vergeblich versucht hatten, einen Impftermin für ihr regionales Impfzentrum bei der Landeshotline zu vereinbaren. Da bei der Hotline niemand zu erreichen und eine Terminvereinbarung daher nicht möglich war, „erhielten wir viele böse Anrufe, warum es mit dem Impfen nicht klappt“, sagt Winkel.

Die Verwaltungsspitzen von Kreis und Impfzentrum machten ihre Forderungen deutlich: (von links) Herbert Winkel, Hartmut Heinen, Christian Ewald und Dr. Frank Hammersen. Foto: Kühn Die Verwaltungsspitzen von Kreis und Impfzentrum machten ihre Forderungen deutlich: (von links) Herbert Winkel, Hartmut Heinen, Christian Ewald und Dr. Frank Hammersen. Foto: Kühn 

Brach am Donnerstag die Landeshotline unter rund 700.000 Anrufen zusammen, war am Telefon des Impfzentrums „so viel Ansturm zu verzeichnen, dass auch unsere Telefonanlage kurzzeitig ausfiel“, berichtet Christian Ewald, Leiter des Zentrums in Lohne. 67 Anrufer in der Stunde mussten die vier Telefonkräfte des Impfzentrum-Telefons entgegennehmen. Bereits am Morgen hätten Impfwillige vor den Türen des Zentrums gestanden, und begehrten Einlass, berichtet Ewald. Alle mussten wieder weggeschickt werden, denn Impfungen gibt es erst, wenn das Land – über die Impfhotline – einen Termin für die Impfung angeboten hat.

Die Engpässe bei der Impfstofflieferung, Unklarheiten bei der Terminvergabe für die Senioren und anhaltende Diskussionen über die Impfreihenfolge „sorgen für völliges Unverständnis in der Bevölkerung“, meinte Winkel. Mit Schuldzuweisungen Richtung Landesverwaltung und Sozialministerium hielten sich Winkel und Heinen jedoch zurück. Nur leise Kritik fügte Heinen an: „Vielleicht hätte man die Terminvereinbarung besser bei den örtlichen Kommunen angesiedelt.“ Von über 80 Jahre alten Bürgern eine Online-Anmeldung oder den Hotline-Anruf zu verlangen, dass das nicht gut gehen würde, das hätte man beim Land wissen können.

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