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KZ-Wächter steht mit 94 vor Anklage

Einem ehemaligen KZ-Wachmann (94) droht 75 Jahre nach der Ermordung von mindestens 70 Häftlingen der Prozess. Er soll den Todesmarsch durch Cloppenburg beaufsichtigt haben.

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 Der dänischen Häftling Jens Martin Sorensen illustrierte  in seinem Buch „I tysk kz-lejr. Tekst og tegninger fra Versen - Neuengamme“ die Zwangsarbeit der unterernährten „Moorsoldaten“, die jeden Morgen mit dem Spaten auszogen.

 Der dänischen Häftling Jens Martin Sorensen illustrierte in seinem Buch „I tysk kz-lejr. Tekst og tegninger fra Versen - Neuengamme“ die Zwangsarbeit der unterernährten „Moorsoldaten“, die jeden Morgen mit dem Spaten auszogen.

Dem ehemaligen KZ-Wachmann Karl Friedrich Berger (94) droht 75 Jahre nach der Ermordung von mindestens 70 Häftlingen der Prozess in Deutschland. Nach Ermittlungen der Generalsstaatsanwaltschaft in Celle soll der ehemalige Mariensoldat im März 1945 einen Todesmarsch von rund 3000 Häftlingen aus dem Emsland-Lager Meppen-Dalum über Cloppenburg und Bethen nach Hamburg-Neuengamme beaufsichtigt haben.

Wer zusammenbrach, wurde mit dem Gewehrkolben geschlagen

Die brutale Gewalt der Wächter gegen die entkräfteten „Moorsoldaten“ hat der Lehrer Aloys Niemeyer in seiner Bether Dorfchronik geschildert. Wer zusammenbrach, wurde mit dem Gewehrkolben geschlagen. Gefangene, die nicht mehr aufstehen konnten, tötete ein SS-Wächter mit Genickschüssen. Berger bestreitet alle Vorwürfe und will nie eine Waffe getragen haben. Sollte es angesichts seines hohen Alters zu einem Prozess kommen, dürfte das Verfahren in Osnabrück eröffnet werden.  

Den Ermittlern spielt ein später Fund in die Hände. Die Gefangenen sollten im März 1945 mit zwei Schiffen, der „Cap Arcona“ und der „Thielbeck“, außer Landes geschafft werden. Doch alliierte Piloten hielten die Häftlingsschiffe auf der Ostsee für Truppentransporter und bombardierten sie. Tausende Häftlinge ertranken oder verbrannten. Bei der Bergung der Wracks nach dem Krieg wurden jedoch unversehrte Karteikarten gefunden. Einer der erhaltenen Namen: Karl Friedrich Berger, Soldat des Marine-Inselbataillons 354.

Historischer Platz: Am Dorfrand von Bethen lagerten in der Karwoche 1945 rund 3000 Gefangene eines Todesmarsches. Foto: GerdesHistorischer Platz: Am Dorfrand von Bethen lagerten in der Karwoche 1945 rund 3000 Gefangene eines Todesmarsches. Foto: Gerdes

Von Langeoog war er im Januar 1945 zur SS in die Emslandlager abkommandiert worden. Deutsche Ermittler reichten den Fund an die US-Behörden weiter. Berger war nach dem Krieg unbehelligt nach Kanada ausgewandert und zog 1959 in die USA, wo er in Tennessee lebte und eine Rente aus Deutschland bezog – auch für die Zeit seines Wehrmachtseinsatzes. Ein Gericht in Memphis/Tennessee ordnete im Februar dieses Jahres wegen seiner Verwicklung in nationalsozialistische Verbrechen seine Ausweisung an.

Im Prozess könnten die Erinnerungen der Augenzeugen an den grausamen Treck durch Bethen eine Rolle spielen. Rund 3000 Gefangene und etwa 400 Wächter sah Aloys Niemeyer am 27. März 1945 auf das Dorf zukommen. Es war die in der Karwoche. „Anfänglich glaubte ich an eine Wallfahrt“, schreibt er in seiner Chronik „Unsere Heimat in Zweiten Weltkrieg“. Dann erkannte er die begleitenden Wachposten in Uniform mit umgehängten Karabinern. Zitat: „Es waren keine Pilger, es waren Gefangene – übermüdet, einige taumelten haltlos in den Reihen, das Haupt kahlgeschoren, die Gesichter bleich und eingefallen, vom Hunger und von Entbehrungen grausig gezeichnet.“

Tödlicher Irrtum: Bomberpiloten hielten die Cap Arcona“ für einen Truppentransporter. Tausende Gefangene starben in der Ostsee.Tödlicher Irrtum: Bomberpiloten hielten die „Cap Arcona“ für einen Truppentransporter. Tausende Gefangene starben in der Ostsee.

Die Menschen seien „wie Bestien“ behandelt worden. „Da war ein Gefangener etwas aus der Reihe getreten. Ein wütender Mensch mit einer KPO-Armbinde sprang im gleichen Augenblick mit seinem dicken Knüppel herzu und schlug ihn über den Kopf, dass er zusammenbrach.“ Die entsetzten Dorfbewohner hätten protestiert, als die ersten Kolonnen wie eine Viehherde auf die benachbarte Wiese getrieben worden seien. Bald lagerten 20 bis 30 Trupps bei Bauern auf dem Hof oder in den kleinen Weiden. Tote wurden in den Straßengraben geworfen „wie ein Stück Mehl“.

Ein Posten habe ein Stückchen Holz genommen und in die Nasenlöcher gebohrt, um so den Tod festzustellen. Daran erinnert sich auch Regina Purk (geb. Bockhorst), damals acht Jahre alt. Auf der Bether Kreuzung seien drei Gefangene mit Genickschüssen getötet worden: „Wir waren starr vor Entsetzen“. „Schämt Euch!“ habe Josefa Naber gerufen, damals 34 Jahre alt. Die Bether Bauern hätten große Mantelkessel voll Kartoffeln für die Ausgehungerten gekocht, „gaben das letzte Stück Brot her“, schreibt Niemeyer. Viele hätten die Mieten mit Möhren und Steckrüben aufgebrochen und unter die Menge geworfen. „Wie die Tiere stürzten sie sich auf die Bissen“. Selbst die Strünke vom blauen Kohl seien mit Gier verzehrt worden.

Die Bewohner kochten "Muckefuck" für die gefangenen

Die Mutter von Regina Purk, Frieda Bockhorst, und Oma Maria Gerdes hätten Ersatzkaffee gekocht, den „Muckefuck“, schnell drei Kühe gemolken, damit die Getränke nahrhafter wurden. Auch Kartoffeln wurden gekocht. Aber für alle. Das sei die Bedingung gegenüber den Aufsehern gewesen. Mit den gekochten Kartoffeln seien die Häftlinge „beworfen“ worden. Anders wäre die Verteilung aus hygienischen Gründen nicht möglich gewesen. Die Weide habe als Lagerplatz und für die Notdurft gedient.

Auch Schuhmachermeister Josef Pohlmann erinnert sich. „Genauso war es“. Allerdings ist nach seiner Erinnerung die Zahl der Aufseher zu hoch gegriffen. Die Gefangenen blieben fünf Tage in Bethen. Am 31. März, dem Karsamstag, wurden sie weiter nach Bremen-Farge getrieben, dann zum KZ-Auffanglager Sandbostel und zurück nach Neuengamme, wo sich das KZ-Stammlager der Emsland-Lager befand. Viele schafften es noch in die Lübecker Bucht, verloren dann aber ihr Leben beim Untergang der „Cap Arcona“


Fakten:

  • Rund 30.000 Menschen sind von 1933 bis 1945 in den Emslandlagern ums Leben gekommen – durch Erschöpfung, Unterernährung und direkte Gewalt.
  • Die KZs enstanden ab 1933 in Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum. Vier Jahre später kamen Aschendorfermoor, Brual-Rhede, Walchum und Oberlangen dazu. 
  • 1938 wurden weitere Lager in Wesuwe, Versen, Fullen, Groß Hesepe, Dalum, Wietmarschen, Bathorn und Alexisdorf eingerichtet. 
  • 70.000 Menschen wurden inhaftiert, darunter auch die Frauen des Warschauer Aufstandes, Homosexuelle und politische Gefangene wie Carl von Ossietzky. 
  • Über 100.000 Soldaten aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien, Polen und Italien wurden hier gefangen gehalten, als 1939 die Wehrmacht drei Lager als Kriegsgefangenen-Lager übernahm.

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