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Kaltes Berlin

Kolumne – Auf ein Wort: Der Flashmob von Herbert Grönemeyer auf dem Berliner Adventsmarkt vermittelt mit dem Lied "Kaltes Berlin" ein Gefühl und eine Botschaft zugleich.

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Kurz vor Weihnachten erleben Menschen auf einem Adventsmarkt in Berlin eine Überraschung. Sie sind umgeben vom Duft nach Glühwein, Bratwurst und gebrannten Mandeln. Und plötzlich steht völlig unerwartet Herbert Grönemeyer vor ihnen und singt einen Song, der nicht nur zur Weihnachtszeit ein Lebensgefühl trifft: "Kaltes Berlin" heißt dieses neue Grönemeyer-Lied. Es war in diesem Jahr "mein" persönliches Weihnachtslied, mit dem ich auch in das neue Jahr hineingehe.

Nicht nur in Kirchen, auch in vielen Wohnzimmern stehen immer noch die Weihnachtsbäume und Krippen. Das Lied könnte einladen, Weihnachten noch einmal anders nachklingen zu lassen. Es wäre mir zu platt, Herbert Grönemeyer als Lichtgestalt zu präsentieren. Er ist ein Popstar, das ist keine Frage. 1981 ist er in der Rolle des Leutnant Werner im Kinofilm "Das Boot" als Schauspieler bekannt geworden. Grönemeyer hat mit Liedern über "Bochum", "Currywurst" oder
"Männer" große Erfolge gefeiert.

Keiner dieser Hits klingt besonders weihnachtlich – bis auf einen: "Gebt den Kindern das Kommando" von 1986. Das Lied war gegen die Berechnungen der Macher und die Mächtigen gemünzt, aber auch gegen die Logik der Kalten Krieger. Ein politisches Lied, das hört man gleich. Auch die Weihnachtsgeschichte hat ihre hochpolitische Seite. Besonders das Lukas-Evangelium hat das wunderbar in Szene gesetzt. Der Kleine in der Krippe ist die göttliche Gegenfigur zu den Machthabern seiner Zeit. Dieser Krippenknirps legt sich mit den Größten an.

"An Weihnachten haben wir die Menschwerdung des Gottessohnes gefeiert. Aber es geht auch um unsere eigene Menschwerdung, alle Jahre wieder."

An Weihnachten haben wir die Menschwerdung des Gottessohnes gefeiert. Aber es geht auch um unsere eigene Menschwerdung, alle Jahre wieder. Dazu gehören auch die Erfahrungen der Dunkelheit und Nacht. Grönemeyer ist auch persönlich durch die Nacht gegangen. "Der Weg" heißt ein Song, der mich persönlich besonders berührt hat. Er besingt darin den letzten Weg seiner Frau Anna, die an Brustkrebs verstorben ist. Und jetzt fragt er sich: Ist das auch das Ende meines Weges?

Im Interview hat Grönemeyer erzählt, dass er nicht besonders bibelfest ist. Aber er hat Nächte in einer Kirche in Bochum verbracht, wo er aufgewachsen ist. Womöglich ist ihm dabei die Frage durch den Kopf gegangen, ob es hinter dem Vorhang noch weitergeht. Zu seinem Song gehört ein Video mit starken Bildern. Am Ende ist auch ein Vorhang zu sehen. Kehren wir noch mit Grönemeyer in unsere Hauptstadt zurück. Wie kalt ist es in Berlin, in Deutschland, in unserer Region?

Bei Grönemeyer heißt es: "Die kalte Luft duftet nach Kuchen und Wein, alle zusammen allein." Zusammen allein? Die Botschaft, die von Weihnachten ausgeht, klingt im Original ganz anders. Sie lautet: Ihr seid nicht allein! Nehmen wir diesen Sound doch einmal mit ins neue Jahr. Und mischen wir uns mit diesem Sound unter das Volk, wie Grönemeyer bei seinem Flashmob.


Zur Person

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Akademiedirektor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail hier.

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