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Influencer A – oder Wie viel Instagram sind ein Kilo?

Kolumne: Das Leben als Ernstfall

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Mein erstes Mal. Es kam überraschend. Für mich zumindest. An einem lauwarmen Abend im vergangenen Sommerurlaub. Auf einer Liege, Dachterrasse. Neben dem Pool unseres Hotels auf Ischia. Da hat mein Kumpel ihn mir gezeigt – seinen Instagram-Account. Mein Trigger-Moment. Faszinierend, wie er täglich von seinen Lieblingsstars und Kindheitshelden, die er abonniert hat, mit Fotos, Videos und Insta-Stories aus deren Privatleben versorgt wird. Und alle Beiträge lassen sich sofort kommentieren, man kriegt zuweilen sogar Antwort. Auf Du und Du mit The Rock, Arnold Schwarzenegger oder „Deadpool“ Ryan Reynolds.

Also habe ich nicht lange gezögert und bin auch der Community beigetreten. Eine Milliarde User weltweit können sich nicht verbrowsen. Zunächst habe ich wahllos irgendwelche Promis abonniert – und wundere mich stets aufs Neue über ein, wie mir es vorkommt, zuweilen so ausgeprägtes Bestätigungsbedürfnis. Denn was auf diesem digitalen Jahrmarkt der Eitelkeiten teilweise abgesondert wird, ist aberwitzig. Als Beispiel sei hier eine RTL-Moderatorin, nennen wir sie Nazan E., angeführt, die nahezu Tag für Tag Fotos von sich in lasziven Posen, gerne bauchfrei und mit wechselnden Outfits rausschickt, oft mit Verweis auf ihre nächste Sendung. Und die Kommentare der Fans haben dann meist den Gehalt von drei bis vier roten Herzchen oder Sätzen wie „Du bist so schön“.

Doch mediale Geltungssucht ist beileibe kein Prominenten-Phänomen. Ein ehemaliger Kollege von mir, den der Algorithmus, bei dem man mit muss, zielsicher von meinen WhatsApp-Kontakten zu meinen Follower-Vorschlägen bei Instagram gelotst hat, ist auch so ein Kandidat. Als begeisterter Läufer postet er nahezu jede seiner Streckenzeiten, als ob die ganze Welt nach dem Karriereende von Usain Bolt genau auf diese Informationen gewartet hätte. Gerade war er übrigens in den Alpen im Urlaub, natürlich nicht ohne Fotos seiner Brotzeiten zu teilen. Ganz ehrlich, ich warte schon darauf, dass er auch Aufnahmen seiner Kotzeiten verschickt – so als Vorher-Nachher-Montage. Like? Nee, lass mal!

„Ganz ehrlich, ich bin kein Digital Native und komme mir manchmal (...) selbst mit 38 Jahren schon unglaublich alt vor.“

Florian Ferber, Reporter

Ganz ehrlich, ich bin kein Digital Native und komme mir manchmal bei diesen viralen Auswüchsen im world wide web, zwischen Twitter-Trump und Tollwut-Trollen, zwischen YouTuberities und Facebookisierung, selbst mit 38 Jahren schon unglaublich alt vor. Auch wenn Reinhard Mey bereits 1974 sang, dass über den Clouds die Freiheit wohl grenzenlos ist.

In manchen Momenten stelle ich mir dann meinen in diesem Jahr verstorbenen Großvater (93) vor, für den es schon unbegreiflich war, dass ich ihn als Student in Münster „von so weit weg“ mit meinem Nokia-Knochen anrufen konnte. Dabei befanden wir uns im selben Bundesland. Ich male mir hin und wieder aus, wie ich versuche, ihm Instagram zu erklären. Er würde mich als Kind vom Bauernhof, das er war, vermutlich nur verdutzt anschauen und fragen: „Wie viel Instagram sind ein Kilo?“ Und wenn ich mit ihm über Influencer sprechen würde, hätte er mir vermutlich seinen Impfpass gezeigt. Ja, es gab auch ein Leben vor Katzenvideos.

Aber die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen und letztlich ist doch irgendwie jeder Teil des Social-Media-Irrsinns – es sei denn, man haust als Eremit im Funkloch. Jede Seite hat zwei Medaillen, um abermals Fußball-Philosoph Mario Basler zu zitieren. Apropos, ich muss Schluss machen. Nazan E. hat ein neues Foto gepostet.

Zur Person

  • Florian Ferber ist Redakteur der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter f.ferber@om-online.

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