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In der Werkstatt werden alte Zeiten lebendig

Der 86-jährige Schuhmachermeister Franz Abeln aus Molbergen hat viele Veränderungen und Entwicklungen im Ort und im Handwerk miterlebt. Als „Schuster Franz“ ist er vielen ein Begriff.

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Noch einmal an alter Wirkungsstätte: „Schuster Franz“ hat sich fürs Foto wieder an seinen Werktisch gesetzt. Foto: Schrimper

Noch einmal an alter Wirkungsstätte: „Schuster Franz“ hat sich fürs Foto wieder an seinen Werktisch gesetzt. Foto: Schrimper

Es sind nur wenige Quadratmeter, doch sie erzählen Geschichte und Geschichten. Hier, im hinteren Teil eines Hauses an der Kirchstraße in Molbergen, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Es ist die Werkstatt von Franz Abeln, 86 Jahre alt, und den meisten Molbergern sicher vor allem als „Schuster Franz“ bekannt. Als langjähriges Mitglied der Kolpingsfamilie, der Feuerwehr, des Schützen- und des Sportvereins und einst als Aushilfsküster ist Abeln kein Unbekannter. Mehr noch: Man darf ihn mit Fug und Recht als Molberger Original bezeichnen.

Auch in der Werkstatt ist vieles noch im Originalzustand erhalten: An der einen Wand reihen sich auf mehreren Regalbrettern fein säuberlich unzählige Paare Leisten – das heißt: hölzerne Formstücke – aneinander. In der anderen Ecke stehen historische Nähmaschinen, unter deren Nadelstichen einst Lederschuhe entstanden und repariert wurden. Dort, wo sich einst Bauern aufwärmten, während sie darauf warteten, dass das Geschirr für ihr Vieh ausgebessert wurde, thront wieder Schuster Franz auf einem kleinen Schemel. Noch einmal hat er seine Schürze angelegt – allerdings nur fürs Foto. Die Nähmaschinen rattern nicht mehr. Denn Ende 2019, im 90. Jahr seines Bestehens, war Schluss für das traditionsreiche Schuhgeschäft, das Franz Abelns Vater ab 1929 aufgebaut hatte. Zu erzählen gibt es aber noch genug. Wer auf einen Cappuccino bei dem 86-Jährigen einkehrt, hat während des Gesprächs das Gefühl, in einer sehr persönlichen Dorfchronik zu blättern. Aber wo beginnen?

Auf Feld und im Moor mitgeholfen

Als Kind musste Abeln, wie es damals üblich war, mithelfen, Kartoffeln aufzusammeln und im Moor Torf zu stechen, mit dem geheizt werden sollte – nicht selten, ohne bei der Arbeit gehörig von stechenden Insekten heimgesucht zu werden. „Bevor man 18 war, kam man nirgends hin“, blickt er mit einem schmunzelnden Ausdruck des Bedauerns zurück. An Tanzvergnügen sei da nicht zu denken gewesen.

Auch die Kriegsjahre sind Abeln noch sehr präsent. Als sein Vater 1940 einzogen wurde, habe der Betrieb geruht. Kurz vor Kriegsende habe der Wehrmachtsverband Division Großdeutschland in Dwergte noch die Stellung gehalten, „obwohl die Tommys (die britischen Soldaten, Anm. d. Red.) schon in Molbergen waren und an der Kirche die weiße Fahne hing“, erinnert sich der 86-Jährige. Bei den letzten Gefechten um Molbergen seien damals zwölf deutsche Soldaten getötet werden. „Die wurden an einem Abend um halb zehn beerdigt. Da war ich als elfjähriger Messdiener dabei.“

1949 in die Lehre gegangen

Seiner Mutter und ihm sei es damals untersagt worden, den Weg über Dwergte zu nehmen. Deshalb sei man durchs Moor gegangen, um Schutz zu suchen. Später hätten sich die Tommys für einige Wochen bei Familie Abeln in der Werkstatt und im Laden einquartiert. „Wir hatten eines der schönsten Häuser“, so der 86-Jährige. Die Briten seien „sehr freundlich“ gewesen, hatten aber auch „viel Angst“.

1949 ging Franz Abeln bei seinem inzwischen zurückgekehrten Vater in die Lehre, um das Schuhmacherhandwerk von der Pike auf zu lernen. Zum Unterricht ging es nach Feierabend nach Oldenburg. Von Molbergen mit dem Rad nach Cloppenburg und dort aus mit dem Zug nach Oldenburg. Am nächsten Tag um sieben Uhr musste der Lehrling wieder in der Werkstatt stehen. 1952 folgte die Gesellen- und 1960 die Meisterprüfung. 1973 übernahm er das Geschäft vom Vater. „Heute läuft alles übers Internet“, bedauert der 86-Jährige mit Blick auf den Einzelhandel. Gute Lederschuhe seien immer weniger gefragt. „Heute ist alles nur noch aus Plastik.“ Längst vorbei die Zeiten, in denen das Schuhgeschäft ebenso wie die benachbarte Fleischerei sonntags nach dem Hochamt geöffnet hatte, damit auch Menschen von weiter weg ihre Besorgungen und Erledigungen machen konnten. Gegen die übermächtige Konkurrenz aus dem Internet habe man sich irgendwann nicht länger zur Wehr setzen wollen, so Abeln. 2002 hatte er das Geschäft an seinen Sohn Ralf, einen Schuhkaufmann, übergeben.

"Wir hatten nicht mal einen Stuhl, wo wir sitzen konnten. Wir mussten draußen stehen.“

„Schuster Franz“ Abeln

Die Entwicklung seines Heimatortes Molbergen sieht Abeln mit gemischten Gefühlen. Viele der alten Häuser seien nicht mehr da. Dafür sei umso mehr neu gebaut worden. „Früher war es gemütlicher“, findet der 86-Jährige. Auch das allererste Feuerwehrhaus im Ort hat der Molberger noch miterlebt. Dort sei es um die Gemütlichkeit allerdings eher schlecht bestellt gewesen. „Wir hatten nicht mal einen Stuhl, wo wir sitzen konnten. Wir mussten draußen stehen.“ Zahlreiche Veränderungen hat Abeln über die Jahre mitgemacht – sei es im Handwerk oder in der Ortsentwicklung. Die Verbundenheit zu seiner Heimat ist aber geblieben. „Ich freue mich, dass ich dieses Alter erreicht habe und gesund bin“, sagt der 86-Jährige, der noch immer mit Begeisterung dem Kartenspiel nachgeht und stets für einen Klönschnack zu haben ist.

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