Immer wieder samstags
Kolumne: Das ganz normale Leben – Was passiert, wenn der Südoldenburger selber handwerklich tätig wird, will ich wirklich keinem wünschen.
Christian Bitter | 13.05.2021
Kolumne: Das ganz normale Leben – Was passiert, wenn der Südoldenburger selber handwerklich tätig wird, will ich wirklich keinem wünschen.
Christian Bitter | 13.05.2021

Unter Banausen kursiert nicht erst seit der Pandemie ein ebenso schlichter wie treffender Flachwitz: "Es klingelt und da steht ’n Handwerker vor der Tür". Handwerker finden das selbstredend überhaupt nicht witzig. Alle anderen hingegen hauen sich auf die Knie vor Lachen und verstehen den Hintergrund der kleinen Posse: Wer Handwerk will, muss lange warten – nicht nur wegen der zahlreichen Lockdowns und Abstandsregeln. Die Branche hat so viel zu tun wie seit Jahrzehnten nicht. Die Auftragsbücher sind bis unters Dach voll, das Volk baut dank niedriger Zinsen ohne Unterlass, das Material ist knapp und gute Gesellen der zahlreichen Zünfte sind kaum noch zu finden. Es gibt so gut wie keinen Nachwuchs, und anständig anpacken will offenbar auch keiner mehr. Übrig bleibt die bekannte Klage: Facharbeiter, also solche, die wirklich im Schweiße ihres Angesichts arbeiten, werden händeringend gesucht. Selbst Ausbildungswillige melden sich bei Elektro-, Tischlerei- und Maler-Fachbetrieben nur noch sporadisch und wirkliche Experten wandern nach ihrer Lehre in die besser zahlende Industrie ab. Folglich kann es sich die Branche leisten, gut gemeinte Anfragen zu ignorieren oder bizarre Kundenwünsche („Ich hätte so gern vor der zweiten Impfe die Küche gemacht“) einfach in die Warteschlange zu stellen. Jegliche Konkurrenz schließlich macht’s auch nicht besser, gute Leute fehlen schlichtweg überall und außerdem haben wir Corona. "So scheppern jeden Samstag ab 9 Uhr 3.200 Stichsägen, Winkelschleifer und Schlagbohrmaschinen." Was also tut der praxisorientierte Südoldenburger auf seinem Hof, in seinem Garten, seiner schnieken Wohnung? Er wandert maskiert in den nächsten Baumarkt, kauft sich schlechtes Werkzeug und verdrießt seine Nachbarn, weil er immer wieder samstags den jüngst erworbenen Maschinenpark hochfahren muss. Gut, dass alle Welt an und für sich ein geborener Fachmann ist, ein Fachmann, der rundweg alles kann. So scheppern jeden Samstag ab 9 Uhr 3.200 Stichsägen, Winkelschleifer und Schlagbohrmaschinen, was freilich vor der längst gewohnten wochenendlichen Geräuschkulisse aus Häckslern, Heckenscheren und Honda-Rasenmähern zu vernachlässigen ist, Schwamm drüber. "Dann zieh doch auf die Alm, Du Misanthrop", riet mir daraufhin ein guter Freund aus alten Tagen. Keine schlechte Idee. Aber wo ist hier eine Alm in der Nähe? Am Hang der Dammer Berge?
Zur Person
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