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Hitler, Kreuzkampf, Eierwurf: Historische Ereignisse in der Münsterlandhalle

Bis heute prägt die Markthalle Cloppenburgs Geschichte. In nur wenigen Monaten wurde die selbsttragende Holzkonstruktion gebaut – offenbar ohne einen Baustatiker zu Rate zu ziehen.

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Richtfest im Jahr 1929: Die Holzkonstruktion der Münsterlandhalle trägt sich bis heute selbst.   Foto: Sammlung des Architekten Albert Wüstefeld

Richtfest im Jahr 1929: Die Holzkonstruktion der Münsterlandhalle trägt sich bis heute selbst.   Foto: Sammlung des Architekten Albert Wüstefeld

In diesem Sommer wird die Münsterlandhalle 92 Jahre alt. In all den Jahren spielten sich dort denkwürdige Ereignisse ab, darunter Wahlkampfreden, Demonstrationen, Abibälle und Konzerte. Von Anfang an war die Halle für ebensolche Veranstaltungen ausgelegt – und obendrein auch für Viehauktionen, die seit jeher dort stattfinden.

Welche weiteren Geschichten die Halle in Zukunft schreiben wird, ist unklar. Denn seit mehr als 6 Wochen ist die Markthalle wegen Mängeln an der historischen Dachkonstruktion geschlossen. Die Stadt steht in den kommenden Monaten vor einer schwierigen Entscheidung: Will sie die Halle sanieren oder soll sie einem Neubau weichen?

Wie zweckmäßig die Halle eigens für die Viehauktionen gebaut wurde, zeigt sich an den Einzelfundamenten ihrer hölzernen Stützpfosten. Sie ragen 30 Zentimeter aus dem Boden heraus, damit Feuchtigkeit und Kot der Tiere das Holz nicht angreifen, schreibt Bauingenieur Ludwig Middendorf in seinem 2021 erschienen Artikel "Zwischen Viehauktion und Veranstaltung" über die Geschichte der Münsterlandhalle. Noch heute nennt der Cloppenburger Volksmund die Halle wegen der zahlreichen Viehauktionen auch "Schweinehalle". 

Die Münsterlandhalle in den 1930er Jahren.  Foto: Nachlass H. HochgartzArchiv StadtgeschichteDie Münsterlandhalle in den 1930er Jahren.  Foto: Nachlass H. Hochgartz/Archiv Stadtgeschichte

Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, wie schnell die Halle damals gebaut werden konnte. 1928 hatte der Magistrat der Stadt beschlossen, den Bau einer großen Markt-, Auktions-, und Veranstaltungshalle zu planen. Nur 21 Tage dauerte es vom Baubeginn bis zur Grundsteinlegung am 27. August 1929. Und schon im Sommer 1930 konnte die erste Tierschau in der frisch gebauten Münsterlandhalle stattfinden. Dabei musste der Architekt Albert Wüstefeld zwischendurch noch umplanen und drei Mitteltragwerke hinzufügen, da die Halle zu klein geraten war, wie Middendorf schreibt. Sonst wäre sie wohl noch früher fertig geworden. Schließlich war sie 53,10 Meter lang, 30,60 Meter breit und bis zu 8 Meter hoch.

Wohl kein Statiker am Bau beteiligt

Ein Grund für den zügigen Baufortschritt war, dass es damals keine langwierigen Genehmigungsverfahren gab, erklärt Middendorf. Und offenbar war an dem Bau auch kein Baustatiker beteiligt. So sei in dem Verzeichnis der am Bau beteiligten Handwerker und Planer kein Ingenieur für Baustatik aufgeführt. „Die Bemessung der Konstruktion und die Festlegung der Holzstärken war allein Sache des Architekten und des Zimmermanns“, schreibt Middendorf. Architekt Wüstefeld und Zimmermann Bernhard Gerken hatten die benötigten Holzstärken der selbsttragenden Konstruktion wohl lediglich geschätzt – wie es bei Holzkonstruktionen damals offenbar üblich war, vermutet Middendorf.

Nun stand die Halle und es dauerte nicht lange, bis sich ein historischer Besuch abzeichnete: Adolf Hitler hielt am 14. Mai 1931 eine Wahlkampfrede unter dem Dach von Wüstefelds Holzkonstruktion. Der Besuch hatte "große Menschenmassen aus dem Gau Weser-Ems und weit aus Westfalen hierher geführt", heißt es in der Festschrift "500 Jahre Stadt Cloppenburg". Eine bekannte Aufnahme zeigt Hitler, wie er die Halle an diesem Tag aus einem der bis heute erhaltenen zwei Nordeingänge verlässt. Am 26. Mai 1932 hielt der spätere Diktator im Rahmen der Landtagswahlen eine zweite Rede in der Münsterlandhalle. Auch Heinrich Himmler habe an dem Tag in der Halle eine Rede gehalten, heißt es. 

Adolf Hitler verlässt die Münsterlandhalle nach einer Wahlkampfrede am 14. Mai 1931 aus einem der zwei bis heute erhalten gebliebenen Nordausgänge.   Foto: picture allianceAP PhotoAdolf Hitler verlässt die Münsterlandhalle nach einer Wahlkampfrede am 14. Mai 1931 aus einem der zwei bis heute erhalten gebliebenen Nordausgänge.   Foto: picture alliance/AP Photo

Trotz des hohen Besuchs konnten die Nationalsozialisten nicht viele Cloppenburger von ihren menschenverachtenden Ideen überzeugen.  Das zeigte sich wenige Jahre später beim sogenannten Kreuzkampf. 7000 Menschen aus dem christlich geprägten Raum Cloppenburg kamen am 25. November 1936 in der Markthalle zusammen, um gegen einen Erlass der Nationalsozialisten zu demonstrieren, die Kreuze in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden zu entfernen.

Später sollte Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg entfachen, der über 60 Millionen Menschen das Leben kostete. Die Markthalle überstand den Krieg nur knapp: 1941 sei die Halle bei einem Bombenangriff beschädigt worden, schreibt Bauingenieur Middendorf, "ging aber, Gott sei Dank, nicht in Flammen auf".

Die Markthalle im Jahr 1957, aufgenommen aus der Luft.   Foto: Nachlass H. HochgartzArchiv StadtgeschichteDie Markthalle im Jahr 1957, aufgenommen aus der Luft.   Foto: Nachlass H. Hochgartz/Archiv Stadtgeschichte

Nach dem Krieg folgten viele weitere denkwürdige Versammlungen in der Markthalle. Eine besondere war der Besuch des späteren Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass, der dort am 14. September 1965 vor 3000 Besuchern eine Wahlkampfrede für Willy Brandt (SPD) hielt – und von Mitgliedern der Jungen Union mit Eiern beworfen und ausgepfiffen wurde. 

  • Info: Die ganze Geschichte der Münsterlandhalle hat Ludwig Middendorf für das Jahrbuch 2021 des Heimatbundes für das Oldenburger Münsterland geschrieben. Erhältlich ist es in der Geschäftsstelle des Heimatbundes selbst (Bahnhofstraße 82 in Cloppenburg) oder im örtlichen Buchhandel, www.heimatbund-om.de, ISBN-Nr. 978-3-941073-30-2

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