Hirschfeld plädiert für mehr Gelassenheit in Debatte um Nazi-Straßennamen
Der Professor spricht sich gegen vorschnelle Emotionalisierung und Skandalisierung von Patronen aus.
Redaktion | 27.06.2025
Der Professor spricht sich gegen vorschnelle Emotionalisierung und Skandalisierung von Patronen aus.
Redaktion | 27.06.2025

Arbeiten die Vergangenheit auf: Professor Dr. Michael Hirschfeld (Zweiter von rechts) mit Mitgliedern des Heimatbund-Vorstands, Dr. Torsten W. Müller (links), Präsidentin Manuela Honkomp und Schatzmeister Bernd Tepe. Foto: Oenbrink
Weniger moralisch motivierten Überprüfungszwang und einen differenzierteren Blick bei der Bewertung von mutmaßlich belasteten Straßennamen forderte jetzt Professor Dr. Michael Hirschfeld. Der Vechtaer Historiker griff die aktuell insbesondere in Cloppenburg und Vechta laufenden Debatten um in der NS-Zeit wirkende Persönlichkeiten beim 341. Historischen Nachmittag des Heimatbund-Geschichtsausschusses auf. Das berichtet der Heimatbund Oldenburger Münsterland. Vor über 50 interessierten Zuhörern sprach sich Hirschfeld auf Gut Welpe demnach gegen vorschnelle Emotionalisierung und Skandalisierung von Straßenpatronen aus. Vielmehr gelte es, zunächst den zeitlichen Kontext und die Motivation für die Benennung einer Straße zu erschließen sowie den gesellschaftlichen Wandel in der Bewertung von Leistungen von einer Generation zur nächsten zu reflektieren. Brüche und Widersprüchlichkeiten könnten durch Zusatzschilder und QR-Codes kenntlich gemacht werden, wie es jetzt in Vechta im Fall der Felix-Oberborbeck-Straße geschehen solle, nachdem ihr Namensgeber unter Verdacht gekommen war, ein „Profiteur des NS-Regimes“ gewesen zu sein. Als 1982 die Benennung dieser Straße nach dem als Motor des städtischen Kulturlebens der frühen Nachkriegszeit bekannten Musikpädagogen erfolgte, sei diese vom Lokalredakteur der OV als „längst verdiente Ehrung“ gefeiert worden. Zwar habe schon damals ein SPD-Ratsherr die Anbringung eines Zusatzschildes vorgeschlagen, allerdings um Passanten die Verdienste dieses Straßenpatrons vor Augen zu stellen. Der an diesem Beispiel verdeutlichten Veränderung der Bewertung einer Persönlichkeit im Laufe der Jahrzehnte gewann Hirschfeld auch Positives ab. Sachlich geführte Diskussionen dienten gleichzeitig der Vergewisserung des historischen Gedächtnisses. Zudem sei seit den 1990er Jahren im Rahmen des massiv gestiegenen Stellenwerts an Erinnerungskultur bei gleichzeitiger Ausweisung immer neuer Baugebiete der Bedarf an lokal oder regional bedeutenden Namensgebern für Straßen massiv angestiegen. Vielerorts seien verstorbene Bürgermeister, Pfarrer oder auch Heimatforscher auf Straßenschilder gehoben worden. Lokale Helden, wie beispielsweise der bei den Vechtaer Katholiken stark verehrte Dominikaner Titus Horten, seien dadurch erst verspätet mit einem Straßennamen geehrt worden. Eine feierliche Enthüllung eines Straßenschilds sei 2007 zu Ehren des Dichters Rolf Dieter Brinkmann erfolgt. An diesem Beispiel demonstrierte der Referent die Wichtigkeit einer Lobby gepaart mit dem richtigen Zeitgeist als Erfolgsgaranten für eine Ehrung einer Person im öffentlichen Raum. Vergleichsweise unspektakulär sei dagegen die Gräfin Jutta von Ravensberg kurz vor dem Ersten Weltkrieg als erste lokale Größe und dazu als erste Frau auf einem Straßenschild gelandet. Lediglich in der NS-Zeit habe es, so der Referent, zum guten Ton gehört, lebenden Politikern, allen voran Adolf Hitler, eine Straße zu widmen. Die Umbenennung der Großen Straße zu seinen Ehren sei am 1. Mai 1938 öffentlichkeitswirksam am „Nationalen Feiertag des deutschen Volkes“ inszeniert worden. Zwar seien alle nach NS-Größen benannten Straßenschilder gleich 1945 entfernt worden, aber viele Kommunen hätten sich aus Vorsicht bei neuen Straßenbenennungen der frühen Nachkriegszeit für Flurbezeichnungen statt für Personen entschieden, wie Hirschfeld an Beispielen aus der Region festmachte. Heimatbund-Präsidentin Manuela Honkomp verabschiedete im Rahmen des Historischen Nachmittags zugleich Professor Hirschfeld nach 10 Jahren an der Spitze des Geschichtsausschusses. Der Historiker habe sich mit Energie und Herzblut in die Arbeit des Heimatbundes für das Oldenburger Münsterland eingebracht. Seinen Enthusiasmus habe Hirschfeld auf unzählige Geschichtsinteressierte im Oldenburger Münsterland übertragen, eine Vielzahl an Sammelbänden herausgegeben sowie unzählige Aufsätze veröffentlicht. „Wir lassen Sie ungern ziehen“, gab sie ihrem Bedauern über die Entscheidung Ausdruck. Hirschfeld selbst griff mit Blick auf die ihm vom Heimatbund kürzlich als Ehrengabe verliehene Uhr die Kostbarkeit der Lebens- und Schaffenszeit auf. Die Zeit gehe unaufhörlich weiter. Er bleibe aber der Regionalgeschichte treu und wolle in nächster Zeit unter anderem Projekte zur Geschichte des Strafvollzugs in Vechta und zum kirchenpolitischen Wirken des aus Cloppenburg stammenden Erzbischofs Heinrich Wienken im Dritten Reich und der DDR mit vorantreiben.Sachlich geführte Diskussionen dienten der Vergewisserung des historischen Gedächtnisses
Hirschfeld nach 10 Jahren an der Spitze des Geschichtsausschusses verabschiedet
Zum Thema Nazi-Straßennamen
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