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Himmel und Erde

Gästebuch: Essen ist auch Erinnerung. Kaum beiße ich hinein, kommen sie wieder an den Tisch: Oma, Opa, meine Eltern, Tante Lucie. Und mit ihnen diese Gerichte, die heute fast verschwunden sind.

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Ich stehe mittags in einem der Orte hier im OM, wo man noch schönes regionales Essen bekommt. Heute gibt es Fischstäbchen mit Spinat. Die nette Bedienung hinter der Theke lächelt: „Das hast du bestimmt lange nicht mehr gehabt.“ Sie hat recht. Ich schneide das erste Fischstäbchen durch und bin plötzlich wieder 8 Jahre alt.

Essen ist irgendwie auch Erinnerung. Kaum beiße ich hinein, kommen sie alle wieder an den Tisch: Oma, Opa, meine Eltern, Tante Lucie. Und mit ihnen diese Gerichte, die heute fast verschwunden sind. Wie war das noch mit Omas „Himmel und Erde“? Ein Gematsche, würde man nüchtern sagen. Kartoffeln aus der Erde, Äpfel vom Himmel. Für uns Kinder war das eine Geschichte auf dem Teller. Wir rührten alles durcheinander, bis nicht mehr zu erkennen war, wo der Himmel aufhörte und die Erde begann. Und dazu diese schönen dicken Bockwürste von Moors gegenüber. Nicht die aus dem Glas, sondern richtige Würste. Und wenn wir was aufs weiße Tischtuch kleckerten, waren 10 Pfennig in die Fleckenkasse fällig.

Neben „Himmel und Erde“ gab es Frikadellen. Große, handfeste Dinger, außen dunkel, innen saftig. Und dazu – Rosenkohl. Oh Gott, Rosenkohl. Dieses bittere, kleine Kugelgemüse mochte wirklich nur unsere Tante Lucie. „Ist gesund“, sagte sie in diesem Ton einer Lehrerin, die keine Widerrede duldete. Opa dagegen hatte ganz andere Vorlieben. Er wollte sein Punkebrot mit Grötte – dick, fett, ohne jedes schlechte Gewissen. Mindestens vier Scheiben. Und er sagte jedes Mal dasselbe: „Ich weiß, ich habe heute Abend Bauchschmerzen.“ Er war konsequent. Erst genießen, dann jammern, dann einen Schnaps.

„Diese Gerichte waren mehr als Rezepte. Sie waren Ausdruck einer Zeit. Einer Generation, die Krieg und Entbehrung erlebt hatte. Da wurde verwertet.“

Der Sonntag war etwas ganz Besonderes. Dann gab es Schweinebraten und diese einmalige Soße. Vorweg Hühnersuppe, so richtig vom Huhn, das tatsächlich einmal ein Huhn war und der Hühnermagen noch in der Suppe schwamm. Und als Nachtisch: Herrenspeise. Mit ordentlich Alkohol darin, eingebettet in Vanillecreme und Blockschokolade. Wir Kinder durften „nur mal probieren“. Die Erwachsenen hingegen nahmen sich richtige Portionen. Danach: Sofa, Mittagsschlaf, Ruhe im Haus, und wehe, wir machten Krach. Diese Gerichte waren mehr als Rezepte. Sie waren Ausdruck einer Zeit. Einer Generation, die Krieg und Entbehrung erlebt hatte. Da wurde verwertet.

An einigen Orten bekomme ich hier im Oldenburger Münsterland heute noch einen ordentlichen Eintopf. Noch gibt es Orte, in denen mittags Handwerker neben Rentnern sitzen, wir die Fußballergebnisse von Bevern bis Lohne diskutieren und es Fischstäbchen mit Spinat gibt. Aber „Himmel und Erde“? Das finde ich kaum auf einer Speisekarte. Vielleicht, weil niemand mehr „Gematsche“ bestellen möchte. Manchmal braucht es aber kein Superfood, keinen Foodtrend. Manchmal reicht ein Teller, der nach Kindheit schmeckt.


Zur Person:

  • Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser. Er verkörpert das Vechtaer Original „Straßenfeger“ im Karneval.
  • Der Kontakt zum Autor ist möglich unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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