Harald Grosser ist mit zwei Muttersprachen aufgewachsen
Weil sein Vater Schlesier war, wurde zu Hause Hochdeutsch gesprochen. Zudem lernte Harald Grosser "Seeltersk" bei den Verwandten.
Astrid Fertig | 21.03.2021
Weil sein Vater Schlesier war, wurde zu Hause Hochdeutsch gesprochen. Zudem lernte Harald Grosser "Seeltersk" bei den Verwandten.
Astrid Fertig | 21.03.2021

Liebt "Seeltersk": Der Saterfriese Harald Grosser im "Treffpunkt", dem Vereinslokal des Tennisvereins Saterland, das er führt. Auch dort wird Saterfriesisch gesprochen. Foto: Fertig
Vor dem Hintergrund, dass gut die Hälfte aller 6500 Sprachen weltweit vom Aussterben bedroht ist, hat die Unesco im Jahr 2000 den Internationalen Tag der Muttersprache zur Förderung sprachlicher Vielfalt ausgerufen. Eine Sprache, die heute nur noch von etwa 1500 Menschen gesprochen wird, ist Saterfriesisch. Es ist die letzte verbliebene Variante des alten Ostfriesisch. Erhalten hat sie sich, weil das Saterland durch seine Lage im Moor über lange Zeit isoliert war. Seit 1999 in Deutschland die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen in Kraft trat, genießt Saterfriesisch besonderen Schutz und Recht auf Förderung. Harald Grosser bezeichnet sich selbst als Saterfriesen. Wenn ihn jemand fragt, woher er kommt, nennt er nicht nur das Saterland als Wohnort, sondern verweist außerdem darauf, dass die Gemeinde 1991 als "kleinste Sprachinsel Europas" ins Guinness-Buch der Rekorde kam. Dann erzählt er von seiner Mutter, Gretchen Grosser. Sie hat sich sehr für den Erhalt von "Seeltersk" eingesetzt, selbst geschriebene Geschichten auf Seeltersk veröffentlicht und literarische Werke in die Regionalsprache übersetzt. Mit seiner Mutter, die 2019 starb, redete Harald Grosser allerdings nur in den letzten Jahre Saterfriesisch. Auch mit seinen 3 Geschwistern fing er damit erst als Erwachsener an. "Saterfriesisch ist ein Schatz, den leider zu wenige zu würdigen wissen." Das lag daran, erzählt der 59-Jährige, dass bei ihm zu Hause Hochdeutsch gesprochen wurde, weil sein Vater Theo aus Schlesien stammte. Doch tagsüber wurden die Kinder von Großeltern und Großtanten betreut. Und die Verwandten unterhielten sich alle auf Saterfriesisch. So wuchs Harald Grosser ganz klassisch zweisprachig auf. Bis heute benutzt er Hochdeutsch und Saterfriesisch gleichermaßen und gleichberechtigt. Er kennt überall Saterfriesen – an der Tankstelle, bei der Bank und im Supermarkt. Allerdings sind nur wenige von ihnen jüngere Menschen. Beim Tresen seiner Kneipe "Treffpunkt", dem Vereinslokal des Tennisvereins Saterland in Ramsloh, hängt ein Schild "Hier wäd uk Seeltersk boalt". Als er in den 80er-Jahren Fußballtrainer war, sprach Grosser seine Mannschaften ebenfalls auf Seeltersk an. "Einige guckten dann verstört", erzählt er, "aber für andere war es ein kleines Wunder". Dennoch glaubt er nicht, dass die Sprache überlebt. "Weil es zu Hause nicht mehr gesprochen wird", begründet er seine Überzeugung. "Es nur in der Schule kennenzulernen, reicht nicht." Er weiß nicht, ob seine ehemaligen Jugendspieler die Sprache an ihre Kinder weitergeben. Aber für ihn, sagt Harald Grosser, sei Saterfriesisch ein Schatz – den leider nicht genug Menschen zu würdigen wüssten.
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