Geschichte zwischen Klischees und Zwiebelfischen
Gästebuch: Der Beruf des Setzers – eine einzigartige Welt, die mit einer wahnsinnig rasanten Technikentwicklung dem Niedergang bis zum Untergang geweiht war.
Otto Höffmann | 07.10.2023
Gästebuch: Der Beruf des Setzers – eine einzigartige Welt, die mit einer wahnsinnig rasanten Technikentwicklung dem Niedergang bis zum Untergang geweiht war.
Otto Höffmann | 07.10.2023

Was ist ein Klischee? Ein Klischee existiert als etwas geistig oder sprachlich Schablonenhaftes. Es wirkt abgenutzt und abgedroschen. Der Begriff stammt aus dem Französischen und leitet sich ab von „cliche", was Abklatsch bedeutet. Das französische Wort bezeichnete ursprünglich die gleichnamige Druckform, das deutsche Wort Abklatsch den damit hergestellten Probeabzug. Und schon sind wir bei unserer wohlvertrauten altehrwürdigen Münsterländischen Tageszeitung, oder einfach MT. Und das ist kein Klischee. Es sind gerade erst ein paar Tage her, als die Verlagsleitung eine langjährige MT-Mitarbeiterin in den verdienten Ruhestand verabschiedete. Das war ein Artikel mit Foto in der Heimatzeitung wert. Denn es waren immerhin fast 45 Jahre, welche die Lebensarbeitszeit der Geehrten ausmachten. Viel ist passiert in der Zeit. Die Setzer (das waren diejenigen, welche die Buchstaben setzten), trugen noch graue Kittel und saßen in der Mittagspause vor dem Verlagsgebäude und schauten den Autos zu, die vor ihnen auf der Lange Straße, der heutigen Fußgängerzone, entlang fuhren. Sie als Vertreter der schwarzen Zunft stellten etwas Besonderes dar. Schließlich erblickte ihr Beruf vor mehr als 600 Jahren das Licht der Welt, als Johannes Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand. Eine einzigartige Welt, die mit einer wahnsinnig rasanten Technikentwicklung dem Niedergang bis zum Untergang geweiht war. Ein kleiner Teil des früheren Lebens wird liebevoll erhalten in der Museumsdruckerei Hoya, gar nicht weit von uns. Fahren Sie dahin. Es lohnt sich. "Was ist ein Zwiebelfisch? Fragen über Fragen, die doch zu keinem Ergebnis führen werden." Dort erfährt man, was in der Druckersprache „Klischee“ bedeutet. Oder Matern, Zwiebelfisch, Doppelmittel oder Text. Für die Nachfahren hier eine kleine Nachhilfe. Was bedeutet „gautschen"? Gautschen ist ein bis ins 16. Jahrhundert rückverfolgbarer Drucker- beziehungsweise Setzerbrauch, bei dem ein Lehrling (ja, so hieß das früher) nach bestandener Abschlussprüfung im Rahmen einer Freisprechungszeremonie in ein Holzgefäß untergetaucht und auf einen nassen Schwamm gesetzt wurde. In seiner ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der Begriff „Gautschen“ den ersten Entwässerungsschritt nach dem Schöpfen des Papiers, das Ablegen des frisch geschöpften Papierbogens vom Sieb auf eine Filzunterlage. Damit muss man heute jemanden am Newsdesk vor seinem PC nicht mehr kommen. Zur gastronomischen Geschichte Berlins gehört das Lokal „Zwiebelfisch" am Savignyplatz in Charlottenburg. Hier diskutierten schon Rudi Dutschke und SDS-ler über den richtigen Weg, die Arbeitermassen mitzureißen. Und Otto Schily, Rechtsanwalt und Ex-Bundesinnenminister, hatte seinen festen Platz zum Schachspielen. Doch was ist ein Zwiebelfisch? Wo schwimmt er, wie schmeckt er, wie sieht er aus? Fragen über Fragen, die doch zu keinem Ergebnis führen werden. Denn natürlich, was in diesem Zusammenhang auch nicht anders zu erwarten war, ist der Zwiebelfisch kein normaler Fisch und kann heutzutage auch nicht mehr verzehrt werden. Er stammt nämlich aus der Drucker-und Setzersprache. Zwiebelfische nennen Schriftsetzer einzelne Buchstaben innerhalb eines Textes aus einer anderen Schrift oder einem anderen Schriftschnitt, beispielsweise ein fettes e in einem in normaler Stärke gesetzten Wort. Der Begriff stammt aus dem Bleisatz. Laut Lexikon soll der Begriff doch auf eine Fischart zurückgehen, und zwar den Ukelei. Dieser galt als minderwertiger Fisch und wurde lange vor unserer Zeit zum Synonym für minderwertige Ware. Ein Zwiebelfischhändler galt auf dem Markt in der Frühneuzeit als wenig angesehen. Eine schlecht und unaufmerksam arbeitende Setzerei wurde analog als Zwiebelfischbude bezeichnet. So etwas gab's bei der MT (das sei versichert) auch zu Bleisatzzeiten nie, um das einmal endgültig als Abschlussfazit klarzustellen.
Zur Person:
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