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Europäischer Tag der Logopädie: Fachkräftemangel erreicht Bösel

Sonka Briese musste bereits zwei Praxen schließen, weil der Nachwuchs fehlt. Helga Prante ist zwar noch an drei Standorten vertreten, aber die Logopädin schildert drastische Probleme.

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Sprache, Sprechen, Stimme und Schlucken: Logopädinnen und Logopäden behandeln Störungen dieser vier Systeme. Symbolfoto: dpa/Kalaene

Sprache, Sprechen, Stimme und Schlucken: Logopädinnen und Logopäden behandeln Störungen dieser vier Systeme. Symbolfoto: dpa/Kalaene

Helga Prante ist auf der Suche – nicht nach den richtigen Worten, die kennt sie als Logopädin – sie sucht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und mit ihr suchen viele Praxen nach Verstärkung, denn der Fachkräftemangel hat die Therapieberufe fest im Griff. Auch in Bösel kommt am 6. März, dem europäischen Tag der Logopädie, keine Feierlaune auf.

"Die Politik hat verschlafen."Helga Prante, Logopädin

Dort ist Helga Prante seit 2007 mit einer Praxis vertreten, auch in Cloppenburg und Garrel hat die Selbstständige Standorte. Sie kann erklären, warum die Situation so angespannt ist: "Die Politik hat verschlafen. Wir haben den Fachkräftemangel schon vor 10 Jahren auf uns zukommen sehen." Eine Schulgeldfreiheit für Logopäden gelte in Niedersachsen indes erst seit August 2019. Auch die Deckelungen der Krankenkassen seien vorher zu gering gestiegen.

"Die Veränderungen kamen zu spät", meint auch Sonka Briese. Die Logopädin musste Ende des vergangenen Jahres wegen Nachwuchsmangel ihre Praxis in Bösel schließen. „Wer entscheidet sich für eine Ausbildung, die Geld kostet und bei der die Verdienstmöglichkeiten danach verhältnismäßig schlecht sind?“ Das monatliche Schulgeld von 400 bis 600 Euro habe abgeschreckt und aktuell sei die entstandene Lücke nicht zu füllen.

War mit ihrer Praxis seit 2007 in Bösel: Helga Prante. Foto: privatWar mit ihrer Praxis seit 2007 in Bösel: Helga Prante. Foto: privat

"Ich habe über alle Kanäle nach Nachwuchs gesucht, aber der Markt ist leer", berichtet Briese. In der Cloppenburger Praxis seien zwei ihrer Mitarbeiterinnen schwanger geworden, nun könne sie nur noch den Standort in Edewecht offen halten. Dass die Logopädie ein "typischer Frauenberuf" ist, sei ebenfalls Teil des Problems, meinen die beiden Logopädinnen.

Logopädie bedeutet soviel wie Sprecherziehung

Dabei sei der Bedarf an Therapie nicht weniger geworden. Sowohl Sonka Briese als auch Helga Prante erzählen von langen Wartelisten. Kinder und Erwachsene wollen die Sprecherziehung (von altgriechisch logos „sprechen“ und paideuein „erziehen“) in Anspruch nehmen. "Wir behandeln Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen", erklärt Prante. Stottern, Grammatik, Aussprache, Zungenfunktionsstörungen – das Feld sei groß.

Bei Kindern gehe es oft um Sprachverständnis und Verzögerungen in der Entwicklung, so Prante. Bei Erwachsenen hingegen seien es eher neurologische Auffälligkeiten, die durch Schlaganfälle, Multiple Sklerose (MS) oder Parkinson auftreten können. In der Therapie werde individuell auf die Patientinnen und Patienten eingegangen. "Aus der Diagnose ergibt sich das Ziel", erläutert Prante.

"Die Kinder brauchen unser Mundbild."Helga Prante

Seit 2020 erschwere die Corona-Pandemie ihre Arbeit, die Warteliste werde dadurch noch länger. Denn Kinder hätten in der Zeit vermehrt Sprachstörungen entwickelt, beobachtet Prante, wichtige Entwicklungsfortschritte seien ausgeblieben. Die Maske sei in einer Therapie, in der es um den Mund geht, nicht förderlich. "Die Kinder brauchen unser Mundbild." Die Praxis habe schnell Trennscheiben aufgestellt und übergangsweise Videotherapie angeboten.

Bei der Therapie hilft Helga Prante neben vier Logopädinnen ein tierischer Mitarbeiter. Der Flat Coated Retriever namens Benny ist zum Therapiehund ausgebildet worden. "Die Patienten öffnen sich schneller und er dient als Motivator für die Kinder", erklärt die Logopädin, die selber von sich sagt, dass sie ihren Beruf mit Herz und Seele ausübt. Auch in der dazugehörenden Praxis für Ergotherapie kommt ein Hund zum Einsatz.

Beruhigt die Patienten: Benny ist als Therapiehund ausgebildet. Foto: privatBeruhigt die Patienten: Benny ist als Therapiehund ausgebildet. Foto: privat

Trotz der Verstärkung auf vier Beinen lässt der Fachkräftemangel Helga Prante keine Ruhe. Die Situation werde dadurch erschwert, dass die verschiedenen Verbände nicht an einem Strang ziehen würden, so Prante. Neben einer faireren Bezahlung hofft sie auf ein besseres Ansehen in der Politik. "Jetzt muss verstärkt Werbung für die Ausbildung gemacht werden. Anders kriegen wir das Loch nicht dicht." 

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