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Er ist weg

Meine Woche: Über den finalen Abgang von Vechtas einzigem Bierbrauer.

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Nun ist er wirklich und wahrhaftig weg. Pablo Meissner hat die Nevercomeback-Airline zurück nach Chile genommen. Fast 3 Jahre nach dem Aus seiner Stierbräu-Kneipe am Kreuzweg. Damals, am 1. Mai 2018, tranken wir dort unser letztes Stierbräu – gnädigerweise ohne zu ahnen, dass es das letzte sein würde.

Für alle, die nicht mitbekommen haben, was geschehen ist, hier in aller Kürze: 2017 erhielt Pablo die Kündigung für seine Location; das Gebäude am Kreuzweg sollte abgerissen werden (by the way, es steht immer noch). Und bei der Suche nach einem neuen Objekt haben ihn alle guten Geister verlassen. Denn in der Marschstraße, wo er schließlich begann, ein großes Haus zu Brauerei und Kneipe auszubauen, hagelte es nur Verdruss. Einige Anlieger überzogen ihn mit Klagen, und über dem ganzen Ärger erlitt Pablo einen Schlaganfall. Damit hatte sich das Projekt Stierbräu erledigt. Und auch da ahnten wir noch nicht, dass der Traum endgültig ausgeträumt sein würde.

Ein nostalgischer Blick zurück sei hier gestattet: Ich entdeckte das Stierbräu erst 2010; da verzapfte Pablo dort schon ein Weilchen sein Bier. Und ich kam, um zu bleiben – das Stierbräu wurde mein zweites Wohnzimmer. Nicht wegen des Bieres, sondern weil man dort fast immer auf dieselben Leute traf: die Stierbräu-Familie. Es war das rustikal-gemütliche Ambiente, aber auch der unkomplizierte Wirt, der Dinkel Dunkel und andere verrückte Biersorten kreierte und sich auch Persönliches seiner Gäste problemlos merken konnte. Und es waren die unfassbar netten Mädels, die hinter der Theke standen: Frauke, Valentina, Elwira, Saskia und Vanessa haben dem Stierbräu ebenfalls ihren Stempel aufgedrückt und es zu etwas ganz Besonderem gemacht.

Ich wurde versetzt und erlebte trotzdem einen der schönsten Abende im Stierbräu

Es gab unzählige denkwürdige Abende im Stierbräu, aber einen werde ich nie vergessen. Mein Begleiter hatte mich versetzt, und ich saß allein dort. Beleidigt nach Hause gehen oder trotzig bleiben – ich entschied mich fürs Bleiben und erlebte einen der schönsten Abende überhaupt im Stierbräu. Denn gegen 21.30 Uhr entschwand der Wirt plötzlich, um wenig später mit einer Tasche voller Baguette, Oliven, Käse und Tomaten wiederzukommen. All das wurde auf der Theke ausgebreitet und mit den verbliebenen 3 Gästen verköstigt. Bezahlen musste keiner von uns für das spontane Theken-Picknick. Südamerikanische Gastfreundschaft.

Nicht vergessen wollen wir auch die Kürbis-Wetten; bei der letzten durfte sogar die Feuerwehr ihr neues Einsatzfahrzeug präsentieren, denn der Kürbis auf dem Dach der Kneipe wog fast 180 Kilo und ließ sich nur mit entsprechendem Gerät abseilen. Dieser Kürbis fand sich später in Suppenform wieder im Stierbräu ein. Und wurde an die Gäste verfüttert – natürlich gratis. Manchmal nutzte Pablo eben auch die Gelegenheit, kein Geld zu verdienen.

Auf dem Stoppelmarkt machten wir bei Pablo Halt – und sahen sonst nichts vom Markt

Er ließ Bands live spielen in seiner kleinen Hütte, meist bei freiem Eintritt. Wir guckten dort Fußball, feierten Silvester, aßen Grünkohl. Und wir zelebrierten Stoppelmarkt im Stierbräu-Zelt. Oft genug sahen wir nichts vom Markt, weil wir bei Pablo einkehrten und blieben.

Und nun – alles vorbei! Der Wirt ist in die alte Heimat zurückgekehrt. Und die Anlieger der Marschstraße können erneut ihr juristisches Messer wetzen, denn auch der neue Pächter beschäftigt sich mit Alkohol. So schließt sich der Kreis.

Die Stierbräu-Familie bleibt nun wohl in alle Winde verstreut. Aber vielleicht kehrt Pablo ja eines Tages zurück und schenkt uns ein neues Stierbräu.

Ach, man wird doch noch träumen dürfen . . .

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