Weite Wälder, klare Seen, kleine Straßendörfer. Eine der dünn besiedelten Gegenden Deutschlands. Ein Mann auf seinem Motorrad. Er fährt eine Allee entlang. Die Obstbäume blühen. Der Mann trägt einen schwarzen, etwas altmodischen Hut und eine stylische Motorradbrille. Der Fahrtwind bläht den schwarzen Talar, blühende Bäume ziehen vorbei. Es ist der Pfarrer, der hier fährt. Für sieben Gemeinden mit fünf Kirchen ist er seit 20 Jahren zuständig. Der Pfarrer sorgt sich um Leben, Lieben und Sterben. Um Taufen, Trauen und Trauern. Vom Anfang bis zum Ende und um das Schöne dazwischen. Und ist dafür immer unterwegs zwischen seinen Gemeinden.
Es ist ein Film. Ein Kurzfilm aus der Reihe „Land & Leute“ mit dem Titel „Der Landpfarrer“, Deutschland 2012. Altersfreigabe: FSK 12. Regie und Drehbuch: Andreas Voigt. Seit knapp 12 Jahren auf dem Markt. Wie oft Bernd Strickmann, Cloppenburger Pfarrer von St. Andreas, den Film wohl gesehen hat? Sich sah, radelnd durch die Dammer Berge, mit wehenden Rockschößen, den Fahrtwind spürend am Fünftagebart? Von Steinfeld nach Handorf-Langenberg, entlang saftiger Wiesen und grüner Weiden, auf denen langbeinige großrahmige Oldenburger friedlich grasen, schwarz- und rotbunte Paarhufer gemächlich wiederkäuen und Wegkreuze den Weg weisen. „Herr, erbarme Dich!“
Es ist die Heimat der weltberühmten Oldenburger Pferde rund um Mühlen, die Heimat von „Black Beauty“ oder „Dreamy“, der Heimat von endlosen meterhohen Maisfeldern, kleinen Bächen und des großen Dümmer. Und bald auch die Heimat von Bernd Strickmann. Denn da will er hin.
Bernd Strickmann will weg. Aufs Land will er. Wohin will er? Aufs Land? Wo ist er denn jetzt? So ein richtiger Landpfarrer will er werden. Kein Landei. Eher wohl wie Landarzt. Zwischen Steinfeld, Holdorf und Damme wartet Landleben pur auf ihn. Das sei schon immer sein Traum gewesen, erzählt er treuherzig in der Zuversicht, dass man ihm glaubt. Und da er ja ein Mann Gottes ist, erwartet man von ihm die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr ihm Gott helfe. „Sic me Deus adiuvet“, bekennt Lateinkenner Strickmann brav.
„Und die Schäflein? Was sollen sie schon tun? Bleiben zurück in der Stadt und harren dessen, was da kommen mag.“
Vielleicht hat aber auch sein „Chef“ ein bisschen nachgeholfen. Schließlich ist auch Bernd Strickmann Teil des monarchistischen Kirchensystems. Im Staub des Kirchenbodens liegend hat er einst wie andere Primizianten ewige Treue und Gehorsam geschworen. Die übliche 10-Jahres-Verweildauer in einer katholischen Pfarrei sind seit 3 Jahren überschritten. Verlängert habe er dem Bischof zuliebe, beteuert er. Nicht unseretwegen? Toll. Und jetzt wünsche der Bischof, dass er was Neues beginne. Und das wünsche er sich auch. Nicht unseretwegen? Noch toller.
Dann ist ja alles gut, mag man da nur sagen. Schöne Harmonie. Und was sollen die katholischen Kreisstädter sagen und mit ihnen all die Sonstigen, die er zurücklässt und die ihn vermissen werden? Der Hirte macht sich aus dem Staub. Und die Schäflein? Was sollen sie schon tun? Bleiben zurück in der Stadt und harren dessen, was da kommen mag.
Dennoch: Die Kreisstädter haben schon Schlimmeres mit ihren Hirten erlebt. Es gab viel auszumisten im Augiasstall St. Andreas. Dafür gebührt dem gebürtigen westfälischen Dickschädel Strickmann auf jeden Fall ein herzliches „Vergelt’s Gott“. Lassen wir ihn also in Frieden ziehen.
Vielleicht sind aber auch die Schäfchen in seiner neuen Herde etwas konservativer als wir Städter. In dem Fall muss wohl oder übel der Piuskragen, der ihn als katholischen Priester ausweist, wieder häufiger angelegt werden. Der Lieblings-Schlips bleibt dann im Schrank der Pfarrei. Schließlich ist man auf dem Land als Landpfarrer unterwegs und nicht mehr im städtisch urbanen Flair. Der Fahrradstadt wird der radelnde Gottesmann fehlen.
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