Ein paar Überlegungen nach einem Sofa-Abend
Gästebuch: Ein nostalgischer Abend mit Musik und Verpflegung in Kombination mit einem kritischen Zeitungsartikel über die „Baby-Boomer“ weckt Widerspruch.
Alfons Batke | 30.01.2026
Gästebuch: Ein nostalgischer Abend mit Musik und Verpflegung in Kombination mit einem kritischen Zeitungsartikel über die „Baby-Boomer“ weckt Widerspruch.
Alfons Batke | 30.01.2026

Letzten Samstag: Nette, entspannte Atmosphäre im Kleinkunstkeller „Chameleon“. Im Rahmen der „Sofa-Abende“ steht das viel beachtete, überaus gelungene und mit 1200 Exemplaren ausverkaufte Kneipenbuch „Lohner Lokalrunden – Gaststätten mit Geschichte(n)“ im Mittelpunkt. Wenn man so will: Das wuchtige Buch wird noch einmal mit Leben gefüllt. Ein launiger Abend, passend eingeleitet mit „Die kleine Kneipe“, die Lokalmatador Franz kl. Holthaus mit gebotener Emotionalität zum Besten gibt. Erinnerungen werden wach – und wachgehalten. Nicht nur von den Musikerinnen des Instrumental-Quintetts „Wie? . . . anders“, das mit großer Bandbreite von den „Caprifischern“ bis „Whisky in the jar“ aufspielt, sondern auch verpflegungstechnisch: Das verbale Kneipen-Hopping zwischen „Laubfrosch“, „Delirium“, „i-Punkt“, „Pillhuhn“ oder der „Bürgermeister-Kneipe“ Bünnemeyer und den Ausführungen des Co-Autors Gert Hohmann ist garniert mit Soleiern, Hackbällchen oder Käsetoast, zum Dessert wird der Fruchtlikör „Schwarzer Kater“ serviert. Ein nostalgischer Abend, 80 Baby-Boomer unter sich. Denn um diese Generation geht es hier. 2 Tage nach dem gemütlichen Event lese ich in dieser Zeitung einen ganzseitigen Artikel über die Kritik an uns Boomern, die häufig darin gipfelt, wir (damit sind die 60- bis 75-Jährigen gemeint) hätten es in unserer Jugend doch erheblich einfacher gehabt, würden jetzt das Rentensystem überlasten und verantwortlich für die Klimakatastrophe sein. Forderungen nach einem „Boomer-Soli“ werden laut, der Wirtschaftswissenschaftler Marcel Fratzscher fordert ein verpflichtendes soziales Jahr für alle Rentnerinnen und Rentner. „War es nicht unsere Generation, die beispiellose Umbrüche bewältigt und den Pfad ins digitale Zeitalter geebnet hat?“ Bei so viel Unsinn platzt mir als altem weißen Mann die Hutschnur. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn mir die monatliche Rente überwiesen wird, die unsinnigerweise auch noch zu einem Teil besteuert wird? Muss ich mich dafür schämen, damals in den Schulferien auf dem Bau als Handlanger gearbeitet zu haben, um mir selber ein paar Annehmlichkeiten zu leisten und den Eltern weniger auf der Tasche zu liegen? War es nicht unsere Generation, die beispiellose Umbrüche bewältigt und den Pfad ins digitale Zeitalter geebnet hat? Spürten nicht wir als junge Wehrdienstleistende in Zeiten des Kalten Krieges die reale Bedrohung durch Atomwaffen? Und waren nicht wir es, die gegen diesen Irrsinn auf die Straßen gegangen sind? Okay, ich will mich nicht aufregen, das tu’ ich bei den Handballspielen im Fernsehen schon genug. Aber eines sei euch jungen Leuten noch gesagt, bevor ihr eure Kids zur Schule karrt (wenn die gerade mal nicht ausfällt) und mehr Balance als Work verlangt: Ihr werdet wie selbstverständlich eines Tages unser Erbe einstreichen – das, wofür wir viele Jahrzehnte geknüppelt haben. Denkt mal drüber nach. Vielleicht nicht bei einem Latte mit Hafermilch oder einem Avocado-Toast. Sondern bei einem Solei und „Schwarzer Kater“ auf dem Sofa. Das entspannt.Zur Person:
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