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"Die Toleranz hat schwer gelitten, das ist gefährlich"

Der ehemalige ZDF-Intendant Dr. Thomas Bellut war beim Abend der Caritas zu Gast. Er sprach über die Macht und Bedeutung der Medienlandschaft sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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Interessanter Vortrag: Dr. Thomas Bellut sprach über die Macht und Bedeutung der Medienlandschaft sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Foto: Hermes

Interessanter Vortrag: Dr. Thomas Bellut sprach über die Macht und Bedeutung der Medienlandschaft sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Foto: Hermes

Über den Wandel und die Bedeutung der Medienlandschaft in Deutschland hat Dr. Thomas Bellut am Donnerstagabend in Stapelfeld gesprochen. Der ehemalige ZDF-Intendant war zu Gast beim „Abend der Caritas“, Direktor Dr. Gerhard Tepe hatte die Gäste zu Beginn begrüßt.

"Die Macht der Medien ist nach wie vor sehr stark. Damit geht auch eine ethische Verantwortung einher", erklärte Bellut, dessen Wurzeln im Oldenburger Münsterland liegen. Aufgewachsen ist er in Neuenkichen-Vörden und sein Abitur hat er in Vechta absolviert. Wie der 67-Jährige weiter berichtete, konsumieren rund zwei Drittel der Bürger "seriöse Medien". Das größte Vertrauen herrsche laut Erhebungen in Öffentlich-Rechtliche Sender sowie Regionalzeitungen.

Ein Drittel der Gesellschaft wird nicht über Medien erreicht

Dennoch, so Bellut, gebe es eine große Gruppe, die nicht erreicht werde: "Und diese Gruppe beunruhigt mich sehr." Der Medienexperte sprach von AfD-Wählern, Reichsbürgern und Querdenkern. Die Skeptiker und Verweigerer habe es allerdings schon immer gegeben. Viele aus diesem Milieu würden zudem glauben, dass von Seiten der Politik direkte Anweisungen für die Berichterstattung kommen. "Es ist in den 40 Jahren meiner Tätigkeit nie passiert, dass jemand angerufen hat, um Berichte zu steuern. Es würde auch auffallen, wenn es eine vorgegebene Linie gibt", erklärte Bellut dazu. Einzig in Krisenzeiten können Bundeskanzler ein Rederecht beanspruchen, um eine Ansprache ans Volk zu senden.

Foto: HermesFoto: Hermes

Auch zu den eher traditionellen Medien habe es in den vergangenen Jahren einen Wandel gegeben, immer mehr verschiebe sich ins Internet. Das Vertrauen in die sozialen Netzwerke sei gleichzeitig aber nicht sehr hoch, viele Fake-News würden dort verbreitet. "Ich selbst glaube fest an den Wert einer freien unabhängigen Presse", so der ehemalige Intendant. Diese abzuschaffen, sei immer der erste Schritt hin zu einer Autokratie. "Putin, Erdogan und Orban haben es vorgemacht", so Bellut.

Dennoch müssten sich die Medien jederzeit hinterfragen: Erreicht man noch alle gesellschaftlichen Gruppen oder ist man in den Redaktionen offen für alle Meinungen, die natürlich im Rahmen des Grundgesetzes stehen müssen? Bellut sieht hier Verbesserungsbedarf: "Medien müssen offen sein für Debatten, das ist unsere verdammte Pflicht". Viele Journalisten würden jedoch lieber so berichten, dass sie nicht anecken. Als aktuelles Beispiel nannte er die Waffenlieferungen an die Ukraine, die er für richtig hält. Aber: Auch hier müsse man sich die Kritiker anhören und andere Meinungen aushalten können. "Die Toleranz hat schwer gelitten, Urteile werden immer schneller gefällt. Das ist gefährlich", sagt Bellut. Zudem dürfte die Fähigkeit zur Selbstkritik ausgeprägter sein.

Abend der Caritas: (von links) Prof. Dr. Martin Pohlmann (stellvertretender Caritasdirektor), Christine Grimme (Caritasrat), Gastredner Dr. Thomas Bellut und Dr. Gerhard Tepe (Caritasdirektor). Foto: HermesAbend der Caritas: (von links) Prof. Dr. Martin Pohlmann (stellvertretender Caritasdirektor), Christine Grimme (Caritasrat), Gastredner Dr. Thomas Bellut und Dr. Gerhard Tepe (Caritasdirektor). Foto: Hermes

Neben seinem Vortrag gab Bellut kurze Einblicke in seine Treffen mit verschiedenen Bundeskanzlern. Helmut Kohl habe die Journalisten immer gleich mit einem Spruch klein gemacht. "Er war der erste Kanzler, den ich begleitet habe", erinnerte sich der 67-Jährige. Die berufliche Zeit mit Gerhard Schröder sei kurzweilig gewesen, früher habe er durchaus ein paar gute Dinge ins Rollen gebracht. Zu den heutigen Zeiten Schröders wollte Bellut lieber nichts sagen.

Und auch den aktuellen Amtsinhaber beschrieb er: "So, wie sie ihn sich jetzt vorstellen, so ist er auch." Olaf Scholz sei ein schweigsamer Mensch, der genau überlegt. Er sei aber auch selbstbewusst und klug, ein "immer Suchender". Hier mache sich der Wandel ebenfalls bemerkbar, denn das Risiko von Schnellschüssen sei in Zeiten des Internets gestiegen. Die Schnelllebigkeit und die extremen Reaktionen im Netz würden viele abschrecken.

Dr. Gerhard Tepe begrüßt zahlreiche Gäste

Die Einführung in den Abend hatte Dr. Gerhard Tepe, Direktor des Landes-Caritasverbandes, übernommen: "Es ist eine große Freude, den Raum wieder so gefüllt zu sehen". Auch wenn die Pandemie noch nicht vorbei sei, könne man die Veranstaltung in der Form verantworten. Tepe ging auch auf Spenden von Einzelpersonen, Firmen und Verbänden ein, in gemeinsamen Aktionen kam so eine höhere sechsstellige Summe zusammen.

Auch das Offizialat hatte über Caritas International für die Geflüchteten aus der Ukraine gestiftet. Neben vielen Freiwilligen brauche es auch professionelle Erfahrung und den Rat von Hauptamtlichen. "Gerade Caritas und Malteser haben dieses Know-How." Häufig werde man aber aber lediglich als Leistungsanbieter gesehen, der Kosten verursache. Vielmehr wolle man jedoch als Gestalter an konstruktiven und pragmatischen Lösungen mitarbeiten.

„Wir müssen aufpassen, dass wir keine Zweiklassengesellschaft unter Geflüchteten schaffen.“Dr. Gerhard Tepe, Landes-Caritasdirektor

Es gebe eine große Solidarität mit den Geflüchteten aus der Ukraine. Tepe warnte aber auch in diesem Zusammenhang: "Wir müssen aufpassen, dass wir keine Zweiklassengesellschaft unter Geflüchteten schaffen". Es brauche daher eine Anpassung, beispielsweise bei der Arbeitserlaubnis, die ab sofort nicht nur für Ukrainer, sondern für alle Geflüchtete gelten sollte. "Nur weil kriegerische Auseinandersetzungen im Jemen nicht auf unseren abendlichen Bildschirmen zu sehen sind, heißt es nicht, dass es dort weniger katastrophale Auswirkungen gibt für Männer, Frauen und Kinder", so Tepe weiter.

Die Veranstaltung stand unter dem Motto "Herz, Mut und Leidenschaft – 101 Jahre Caritas". Diese Tugenden brauche man laut Tepe für die zukünftigen Aufgaben. Er nannte die Änderung des kirchlichen Arbeitsrechtes, der Umgang mit steigenden Lebensmittel- und Energiekosten sowie die ökologische Sorge um die Zukunft des Planeten. Für Musik an diesem Abend sorgte Monika Zilke aus Diepholz, die in Usbekistan geboren ist. Anschließend besuchte sie die Grundschule in Luhansk in der Ostukraine und später studierte sie Musik in Russland. Aktuell habe sie als Kirchenmusikerin Friedensandachten und Gebete gestaltet.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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