Er war das prominenteste Opfer: Friedrich Graf von Galen, Reichstagsabgeordneter aus Dinklage, starb am 10. November 1918 „nach kurzer, schwerer Krankheit“. Wie sehr viele andere Menschen im Oldenburger Münsterland – vom Kleinkind bis zum Greis – erlag er im Alter von nur 54 Jahren der Spanischen Grippe. Wie eine Seuche war sie über das Land gezogen. Die Ärzte standen ratlos vor den Erkrankten; niemand wusste, womit er es hier zu tun hatte.
Heute wissen wir, dass es sich – wie die Forschung formuliert – um die „Mutter aller Pandemien“ handelt. Das grassierende Coronavirus ist quasi ein Verwandter des letztlich erst im Jahr 2005 diagnostizierten Influenza-A-Virus des Typs H1N1, der im Frühjahr 1918 erstmals auftrat. Alle später entdeckten globalen Grippewellen bis zum heutigen SARS-CoV-2 sind, so erklärt es der Virologe Jeffery Taubenberger, auf diese erste Pandemie zurückzuführen.
Unser großer Vorteil heute: Die Wissenschaft kann das Virus beschreiben, sie kann Gegenmittel finden und mit der Politik Wege beschreiten, um eine massive Verbreitung, die alle Gesundheitssystem überfordern würde, zu verhindern.
All das fehlte vor gut 100 Jahren. Hinzu kam: Die Krankheit fiel zusammen mit dem I. Weltkrieg. Nach heutigem Wissensstand hatte sich im März 1918 in einer Garnison im US-Bundesstaat Kansas ein Koch infiziert; er gab die Viren an andere Soldaten weiter, bei allen verliefen die Erkrankungen aber recht mild. Das Fatale war, mit den Soldaten, die gegen das Deutsche Reich kämpfen sollten, erreichte die Virusinfektion auch Europa und entwickelte sich zur todbringenden Seuche.
Hier traf die „Grippe“ auf dicht gedrängte Soldaten, auf miserable hygienische Zustände in den Schützengräben. Sie übersprang die Fronten und verbreitete sich in den Herkunftsländen der Soldaten, wenn sie in die Heimat zurückverlegt wurden. Viele kamen ja aus Asien oder Afrika. Innerhalb weniger Monate war die Krankheit aus dem Ruder gelaufen: Letztlich fanden in Afrika und Asien mehr Menschen den Tod als im sogenannten Westen. Heute schätzt man, dass zwischen 50 und 100 Millionen Erkrankte starben.
Etwa ab September/Oktober 1918 traten auch im Oldenburger Land die ersten Fälle auf. Betroffen waren zum Beispiel junge Soldaten, die in Oldenburg auf ihren Kriegsdienst vorbereitet wurden. Viele kamen nicht mehr an die Front, sie erlagen schon in den Oldenburger Lazaretten der Krankheit.
Schnell verbreitete sich das Virus auch auf dem Land. In den Kirchenbüchern der Region finden sich viele entsprechende Todeseinträge, ohne dass man wirklich wusste, um was für eine Krankheit es sich handelte. In den Todesanzeigen der örtlichen Zeitungen hieß es in der Regel, die Tochter, die Mutter, der Großvater seinen „nach kurzer, schwerer Krankheit“ verstorben. Hilflos blieben die Angehörigen zurück. Passende Medikamente gab es einfach nicht.
Erst im Frühjahr 1919 ebbten die Erkrankungen so langsam ab. Die eigentliche Ursache blieb aber für lange Zeit unerkannt. Damit fehlte auch das Verständnis dafür, in Zeiten einer Pandemie möglichst schnell die Übertragungswege dicht zu machen. Was heute passiert, ist also eine Lehre aus allen bisherigen globalen Virus-Erkrankungen, die die Welt nach 1918 bedrohten – auch wenn sie nicht diese Ausmaße angenommen haben; zuletzt gab es im 21. Jahrhundert zum Beispiel regional begrenzte Ausbrüche der Vogelgrippe (H5N1).
Zum Schluss: Warum heißt die Pandemie vor 100 Jahre Spanische Grippe? Das ist ein Resultat der Zensurpolitik der am Krieg beteiligten Mächte. Niemand sollte erfahren, dass es in den eigenen Reihen massive Probleme mit den Erkrankungen gab. Erst als die Grippe auch in Spanien auftrat, berichtete die dort freie Presse über den Seuchenzug – prompt kamen die Viren damit für viele andere aus diesem Land. „Fake-News“ in historischer Form.