Zu ihm schauen die Menschen auf, auch wenn er im Alltag oft kaum Beachtung findet: An der Spitze der Kirche St. Gertrud thront seit fast zwei Jahrhunderten ein Hahn als Wetterfahne. Das aktuelle Exemplar ist bereits der dritte vorlaute Gockel. Die erste Ausführung ist im Magazin des Industriemuseums am Südring zu finden, der zweite Hahn ziert seit mehr als zwei Jahrzehnten den Garten im Innenhof des Altenheims St.-Elisabeth-Haus.
Doch was hat es überhaupt mit dem Federvieh auf dem Gotteshaus auf sich? Die Webseite katholisch.de gibt Auskunft. Demnach gibt es ganz unterschiedliche Symbole auf Kirchturmspitzen: Kreuze, Sterne, Erdkugeln, steinerne Rosetten oder eben Hähne. Schon in der altpersischen Religionsgemeinschaft der Parsen galt das Tier als Künder der göttlichen Morgenröte. Die griechische Mythologie kennt den Hahn als Boten des anbrechenden Morgens.
Das früheste Zeugnis eines Expemplars als Wetterfahne auf einem Sakralbau findet sich auf einem römischen Mausoleum aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. Der erste Hinweis auf einen Hahn auf einer christlichen Kirche stammt aus dem neunten Jahrhundert. Im Jahr 820 soll der Bischof von Brescia ihn auf seinem Kirchturm angebracht haben.
Das Tier ist auch ein Symbol der Wachsamkeit
Die Symbolik des Tieres auf die Religion übertragen: Der Hahn ist der erste, der das Ende der Nacht ankündigt – so wie Jesus Christus die Dunkelheit des Todes besiegt hat. Mehrfach findet sich ein Hahn auch in den Evangelien. Kurz vor seinem Tod prophezeit Jesus dem Petrus, dass er ihn drei Mal verleugnen wird – und zwar noch ehe der Hahn kräht. Und so ist es: Aus purer Angst dreht sich Petrus nach dem Wind – wie der Hahn auf dem Kirchturm, der damit als Mahner zu Reue und Glaubensstärke gedeutet werden kann. Auch als Symbol der Wachsamkeit taugt das Tier.
Und was ist jetzt mit den ersten zwei Hähnen auf dem Gotteshaus passiert? Benno Dräger weiß Bescheid. Der Vorsitzende des Heimatvereins Lohne und ehrenamtliche Museumsleiter berichtet, dass der Turmhahn im Magazin der Einrichtung die Jahreszahl 1837 trägt. „Er ist 1,13 Meter hoch, 1,08 Meter breit und wurde von der Schmiede Clemens Willenbink gefertigt. Das Gewicht beträgt 30 Kilogramm.“ Zur Vollendung des Westturms sei dieser Hahn am 15. September 1837 in einer Feier auf der Kreuzspitze angebracht worden.
Nach 121 Jahren musste er 1958 zur Reparatur von der Bedachungsfirma Behrend in Lohne demontiert werden, da er dringend reparaturbedürftig gewesen sei, sagt Dräger. „21 Schusslöcher wies er auf, die behoben wurden, dazu erhielt er eine neue Vergoldung.“ 1922 war schon einmal eine Reparatur vorgenommen worden. Am Fuß des Hahns ist deshalb die Gravur „Repariert Fritz von Husen“ zu finden.
Der erste Hahn ist heute im Museums-Magazin
1991 entschloss sich die heutige Pfarrei St. Gertrud, den alten Wetterhahn zu ersetzen, der in die Jahre gekommen war und den ein Sturm im Januar 1990 schwer beschädigt hatte. Die alte Wetterfahne kam ins Magazin des Industriemuseums, wo weitere Unikate der Lohner Geschichte aufbewahrt werden. So sind laut Dräger die alten Schränke der St.-Gertrud-Sakristei, das erste, nicht genehmigte Wappen der Stadt, die Bierzapfsäule aus der Gaststätte Haskamp oder die alte Schulglocke der Mittelschule für Jungen in dem Archiv zu finden.
Der zweite Hahn drehte sich nicht mit dem Wind
Der nächste Hahn – vergoldeter Chrom-Vanadium-Stahl mit einem Gewicht von 23,5 Kilogramm bei 1,18 Meter Breite und 1,59 Meter Höhe – verweilte nur kurz auf der Spitze des 52,8 Meter hohen Kirchturms. Schon 1993 musste er gegen ein drittes Exemplar ausgetauscht werden. Der Grund war laut Andreas kl. Bornhorst, Heimleiter des St.-Elisabeth-Hauses, dass die Gewichtsverhältnisse auf beiden Seiten des Tieres gleich waren. Deshalb drehte sich der Hahn – von der Firma Atka gesponsert – nicht mit dem Wind. Außerdem drohte der Gockel vom Kirchturm zu fallen. Seit der raschen Demissionierung steht er bei dem Alten- und Pflegeheim. „Wir sind stolz, dass wir ihn haben“, sagt kl. Bornhorst.
Der dritte Hahn steht auf einem Kreuz plus Kugel
1993 wurde der dritte Wetterhahn, von der Firma Wichelmann gefertigt und gespendet, auf dem Turm angebracht. Als Hinweis darauf, dass es sich um ein christliches Gotteshaus handelt, steht der Hahn auf einem Kreuz. Dieses fußt auf einer Kugel, die eine Turmzier darstellt und als Symbol für die Weltkugel gilt. Dräger sagt: „In dieser Kugel werden traditionell wie in einer Zeitkapsel in einem sicheren Aufbewahrungsort Dokumente zur Baugeschichte des Turms, Münzen, Briefmarken und die Tageszeitung als Zeitdokumente gesichert.“