Fahne in Südoldenburg hatte was mit Schluck und Bier zu tun. Wir hängten aus dem Fenster keine Flagge, befestigten sie nicht an unseren Autos und schwenkten sie nicht, wie und wo und wann und sowieso. Weil wir ja keine Nationalisten sein wollten. Weil wir ja eine schlimme Vergangenheit haben. Und was unsere Väter und Großväter unter dieser Fahne alles ausgefressen haben. Da bleibt die Flagge schön im Schrank.
Alle, die schon damals in den 60er und 70er Jahren bei unseren Nachbarn in Dänemark urlaubten oder die wie Theo dorthin nach Kirsten freite oder wie Hoppmann den schönen Mädchen der Randers Statsskole nachreisten, nur weil die 3 Tage in Bösel waren, sie alle wunderten sich nur einmal, wenn sie die Grenze passiert hatten. In den Gärten, vor den Häusern, in den Anlagen drumherum flatterte der Dannebrog, das „dänische Tuch“ übersetzt, also die offizielle dänische Nationalflagge. Nach der ersten Visite gehörte es zum dänischen Alltag für jeden Besucher. Wir, die wir mit der schweren Schuld unserer Eltern zu kämpfen hatten, waren beeindruckt von der Unbefangenheit der Nachbarn und der Leichtigkeit ihres Seins. Manchmal diffamierten wir ihre Unbefangenheit als Unbedarftheit.
Das änderte sich erst mit dem Sommermärchen 2006. Offensichtlich hatte Deutschland lange genug auch symbolisch Schuld abgetragen, dass es sich zu dieser Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land eine neue, eine eigene Unbefangenheit leisten konnte und durfte. Das Land erlebte ein nie zuvor gekanntes Glücksgefühl und fand zurück zu unverfälschtem Patriotismus. Poldi, Klinsi und Co. und mit ihnen Hunderttausende feierten in Schwarz-Rot-Gold.
„Doch was sagen uns die Flaggen in den Oldenburger Münsterländer Vorgärten, auf denen ein Adler abgebildet ist, Reichs-oder Bundesadler?“
Auch das Oldenburger Münsterland war übersät mit Flaggen und Fähnchen mit Nationalfarben. Autospiegelbezüge in Schwarz-Rot-Gold gehörten ebenso dazu wie T-Shirts, Unterwäsche oder Gesichtsbemalung. Man schämte sich für nichts.
Als der Rausch vorbei war und die Fahnen eingerollt, blieb dennoch etwas von diesem „Party-Patriotismus“ zurück. Man traute sich wieder, die deutschen Nationalfarben zu zeigen. Hatte der Fußball uns gereinigt von der Schuld?
Es gehört zum heutigen Bild des Oldenburger Münsterlandes, dass in den schmucken Gärten und gepflegten Anlagen die Nationalflagge neben Grün-Weiß oder Blau mit Raute im Winde weht. Ist die Unbefangenheit also Alltag geworden? Und ist es nicht „normal“, ein entkrampftes Verhältnis zur eigenen Nationalität zu haben und dies auch symbolisch zum Ausdruck zu bringen?
Doch was sagen uns die Flaggen in den Oldenburger Münsterländer Vorgärten, auf denen ein Adler abgebildet ist, Reichs- oder Bundesadler? In der Cloppenburger Orffstraße ebenso wie gleich doppelt an der Emsteker Straße wie auch in den meisten Orten Südoldenburgs weht diese Fahne im Wetterwind. Es handelt sich nicht um die Nationalflagge, sondern um die Reichsflagge, befreit vom Hakenkreuz.
„Vielleicht sollten einige der Verwender noch mal in sich gehen, um etwaigen nicht gewollten bösen Anschein zu vermeiden.“
Warum hisst man ein schwarz-rot-goldenes Stück Stoff mit einem Adler in seinem Garten oder vor seinem Ladenlokal? Verkaufen sich Fahrräder oder anderes damit besser?
Die Bundesflagge (ohne Bundesschild) darf von jedermann jederzeit und überall verwendet werden. Die Verwendung der Reichsflagge mit Hakenkreuz ruft den Staatsanwalt auf den Plan. Da die Verwendung ohne Hakenkreuz nicht strafbar ist, wird der Reichsadler gerne von Rechtsextremisten im Original oder in leicht abgewandelter Form benutzt. Vielleicht sollten einige der Verwender noch mal in sich gehen, um etwaigen nicht gewollten bösen Anschein zu vermeiden. Ansonsten kann natürlich jeder hissen, wen oder was er will. Wir leben in einem freien Land.
Zur Person: