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Der Impfbus rollt seit Samstag durch den Landkreis Vechta

Das "mobile Impfzentrum" wird rund zweieinhalb Wochen unterwegs sein und Wohnheime mit Flüchtlingen und Migranten ansteuern. "Fake News" über die Impfstoffe schrecken potenzielle Impflinge ab.

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Die mobile Impfstation des Landkreises Vechta: Der Bus wurde im Inneren zu einer Impfstraße wie im Lohner Impfzentrum umgebaut. Foto: Kühn

Die mobile Impfstation des Landkreises Vechta: Der Bus wurde im Inneren zu einer Impfstraße wie im Lohner Impfzentrum umgebaut. Foto: Kühn

Der Pressetermin im Flüchtlingswohnheim an der Oldenburger Straße in Vechta ist vor allem für die Schar der Kinder eine nicht alltägliche Gaudi. Kaum kommt jemand neu auf den Hof gefahren, wird er bestürmt und neugierig ausgefragt. Die Aufregung des Nachwuchses ist verständlich, macht doch gerade im Rahmen einer Sonderaktion der Corona-Impfbus des Landkreises Vechta am Heim Station. Von den 62 hier lebenden Flüchtlingen, darunter 29 Kinder, werden sich von den 33 Erwachsenen ab 18 Jahre heute 19 gegen das Virus impfen lassen.

Die Häuser an der Oldenburger Straße sind am Samstag die 5. Station in der Kreisstadt, an der das mobile Team um Mediziner Dr. Akram El-Harake aus dem Impfzentrum in Lohne Vakzine von Johnson&Johnson sowie Biontech verimpfen wird. Bis zum Abend werden es 19 Haltepunkte und rund 100 Impfungen gewesen sein, weiß der für den Fahrplan und die sächliche Ausstattung des Impfbusses verantwortliche Teamleiter, Obermaat Benjamin Burkhard.

Die organisatorische Leitung des Teams im Impfbus hat Obermaat Benjamin Burkhard inne. Foto: KühnDie organisatorische Leitung des Teams im Impfbus hat Obermaat Benjamin Burkhard inne. Foto: Kühn

Mit Beginn am Samstag wird der Bus rund zweieinhalb Wochen unterwegs sein, und nach und nach alle Wohnheime mit Flüchtlingen und Migranten in den Orten im Landkreis Vechta ansteuern. Dabei konzentriert sich der Kreis mit seiner Impf-Sonderaktion zunächst in der Regel auf die Wohnunterkünfte, in der nicht viel mehr als 50 Menschen leben, sagt der für die Gesundheitsdienste zuständige Erste Kreisrat Hartmut Heinen. Bei größeren Unterkünften, etwa denen für die Saisonkräfte der Landwirte, erwartet man, dass dort bald die zuständigen Betriebsärzte impfen werden. Vom Impftag in Vechta erhofft er sich eine "Signalwirkung" in die angesprochenen Bevölkerungsgruppen hinein.

Der Besuch des Impfbusses wurde durch "Handreichungen von Aufklärungsblättern in vielen Sprachen", so Heinen, "so gut wie möglich vorbereitet." Auch der Integrationsbeauftragte der Stadt Vechta, Ferdi Karatas, ist vor Ort. Er übersetzt für den Arzt und die Helfer im Bus und beantwortet neu auftauchende Fragen der Impflinge.

Viele Flüchtlinge fürchten nach einer Impfung die Unfruchtbarkeit oder missgebildete Kinder

Eigentlich sind 19 Impflinge angesichts möglicher 33 doch eher mau? Wohnheimleiter Bernhard Schwarting schüttelt den Kopf: "Nein, nicht mau, es ist im Vergleich zu anderen Unterkünften schon eine ganz gute Quote hier." Er wurde eng in die Vorbereitung der Impfaktion eingebunden und weiß, dass es unter den Bewohnern viele Vorbehalte gibt.

Bislang sei man gut durch die Corona-Pandemie gekommen, in den zurückliegenden Monaten habe es nur einen Corona-Infektionsfall gegeben – ihn selbst. Die Flüchtlinge aller Herren Länder, darunter aus Syrien, der Türkei, aus Pakistan oder aus Moldawien hätten sich allesamt strikt an die Corona-Vorschriften, besonders die Hygieneregeln und Ausgangsbeschränkungen, gehalten. Aber impfen, dagegen gäbe es massive Ängste. Unter den Frauen mehr als unter den Männern. Alle stünden unter dem Eindruck von "Fake News" über die Impfung und fürchteten Impotenz, Unfruchtbarkeit oder gar die Missbildung von Kindern.

"Es bedarf daher permanenter Ansprache der Menschen", sagt Heribert Mählmann, Vorstandsvorsitzender des Caritas-Sozialwerkes, das viele Flüchtlingsunterkünfte betreut. Auch das Heim an der Oldenburger Straße wird im Auftrag der Kreisstadt von der Caritas betreut und verwaltet. "Wir müssen angesichts von Unkenntnis und Unwahrheiten richtig dicke Bretter bohren". Die Caritas arbeite aber weiter an allen ihren Schnittstellen zu Flüchtlingen und Arbeitsmigranten intensiv daran, den Menschen die Angst vor der Impfung zu nehmen – das gelinge aber längst nicht in jedem Fall.

Vor der Impfung steht das Aufklärungsgespräch im Bus: (von links) Dr. Akram El-Harake, Vechtas Integrationsbeauftragter Ferdi Karatas und die Eheleute Akhamur. Foto: KühnVor der Impfung steht das Aufklärungsgespräch im Bus: (von links) Dr. Akram El-Harake, Vechtas Integrationsbeauftragter Ferdi Karatas und die Eheleute Akhamur. Foto: Kühn

Schwarting bestätigt die Unkenntnis und weiß, dass Verweigerung nicht immer den Glauben der Menschen als Ursache hat. Er betreut "Muslime, Yesiden und auch orthodoxe Christen – nein, Nichtimpfung ist keine Frage des Glaubens". Manche Osteuropäer wüssten gar nicht, was eine Impfung ist, "da müssen wir immer wieder ran und erklären, erklären". Und fügt dann doch bedauernd hinzu, dass er die Orthodoxen nicht erreicht, denn die stünden unter dem Eindruck von "Fake News", die ein unter ihnen beliebter Fernsehsender über bestimmte Impfstoffe verbreite.

Bus ist im Inneren wie eine Impfstraße im Zentrum in Lohne aufgebaut

2 von den 19 Impfwilligen an der Oldenburger Straße sind Ismail Akhamur und seine Frau Fatma. Der aus der Türkei stammende Kurde ist seit 5 Jahren in Deutschland und will sich jetzt impfen lassen. Er habe keine Angst vor Krankheiten, die durch den Impfstoff verursacht werden könnten, berichtet der Vater von 7 Kindern. Sehen das auch alle anderen Kurden so, die er kennt? Die Meinungen gingen schon auseinander berichtet Akhamur, etwa die Hälfte sei für, die andere gegen eine Impfung und besteigt nach seiner Antwort gemeinsam mit seiner Frau den Bus. Dort warten schon Dr. El-Harake mit einer Helferin und führt mithilfe von Karakas das vor jeglicher Impfung stehende Aufklärungsgespräch. Danach geht es in die Impfkabine zu Sanitäter Sven Jacobs. Nach wenigen Augenblicken ist es vorbei: Der lebensrettende Pieks ist gesetzt. "War doch nicht schlimm, oder?", fragt Jacobs. Akhamur, der vor der Impfung noch ein wenig skeptisch geschaut hatte, lächelt nun: "Nein!" antwortet er.

Sanitäter Sven Jacobs setzt die Impfspritze: Ismail Akhamur ist (noch) ein wenig skeptisch. Foto: KühnSanitäter Sven Jacobs setzt die Impfspritze: Ismail Akhamur ist (noch) ein wenig skeptisch. Foto: Kühn

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