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Demo in Cloppenburg: Bei der Geburtshilfe herrscht Einigkeit in der Unzufriedenheit

Ab sofort ist die Teilschließung des Cloppenburger Kreißsaals beendet. Trotzdem kamen am Mittwoch zahlreiche Bürger zu einer Kundgebung, um ihren Unmut auszudrücken.

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Zahlreiche Menschen versammelten sich in der Cloppenburger Fußgängerzone, um der Forderung einer wohnortnahen Geburtshilfe Ausdruck zu verleihen. Foto: Dickerhoff

Zahlreiche Menschen versammelten sich in der Cloppenburger Fußgängerzone, um der Forderung einer wohnortnahen Geburtshilfe Ausdruck zu verleihen. Foto: Dickerhoff

"Keiner hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass wir hier mal aus diesem Grund so stehen würden", meinte Landrat Johann Wimberg bei seiner Ansprache. Ob es sich wirklich niemand hätte vorstellen können, darf nach den Schilderungen seiner Vorrednerinnen aber zumindest angezweifelt werden. Denn bei der vom Hebammenverband Niedersachsen einberufenen Kundgebung für den Erhalt der Geburtshilfe im Cloppenburger Krankenhaus kamen viele zu Wort, die von schon länger schwelenden Problemen berichteten.

Die Teilschließung des Kreißsaals an den Wochenenden, die für die Monate Juli und August galt, hat offensichtlich viele Menschen auf die prekäre Situation der Geburtshilfe aufmerksam gemacht. Die Menschen drängelten sich um die kleine Rednerbühne vor der LzO in der Fußgängerzone. Transparente und Plakate wurden gezeigt, auf denen auch provokative Aussagen wie "Würden Männer die Kinder bekommen, wäre der Kreißsaal 24/7 geöffnet" oder "Energiepauschale für Kreißsäle" standen. 

Etwas ausführlicher holten die Rednerinnen – das Mikrofon gehörte aus ersichtlichen Gründen überwiegend Frauen – bei ihren Ansprachen aus. Hilke Schauland, stellvertretende Vorsitzende des Hebammenverbands Niedersachsen und Moderatorin der Kundgebung, verglich die Teilschließung des Kreißsaals mit einem bekannten Spiel: "Es ist wie 'Reise nach Jerusalem'. Schau, wo du unterkommst." Ein Vergleich, der viel Zustimmung und Applaus von den Teilnehmern der Kundgebung einbrachte.

"Arbeit am und mit Menschen muss besser bezahlt werden."Doris Wieghaus, Kreisvorsitzende der Landfrauen

Die Cloppenburger Kreisvorsitzende der Landfrauen, Doris Wieghaus, formulierte eine klare Forderung: "Arbeit am und mit Menschen muss besser bezahlt werden." Beim Thema der wohnortnahen Geburtshilfe sieht sie die Politik gefordert. Denn dabei handle es sich um Grundversorgung. Ihrer Meinung nach dürften Krankenhäuser keine Wirtschaftsbetriebe sein. Von den umstehenden Menschen, darunter auch zahlreiche Landfrauen aus dem ganzen Kreisgebiet, gab es wieder klar artikulierte Zustimmung.

Ausführlich zu der Problematik sprach Regina Peters-Trippner, die Kreisvorsitzende der Hebammen. Seit sie 1997 mit ihrem Beruf angefangen habe, seien im Landkreis Cloppenburg mit Barßel, Löningen und zuletzt Friesoythe 3 von 4 Kreißsälen geschlossen worden. Ein Problem, das sich im ganzen Nordwesten zeigt. Dadurch würden die Wege für werdende Mütter immer länger. "Das ist keiner Frau zuzumuten", so Peters-Trippner. Sie kritisierte, dass zwar Geburtsstationen geschlossen, aber keine neuen Räume geschaffen werden. Auch gebe es in den bestehenden Kreißsälen dafür nicht mehr Personal. Sie rief dazu auf, die Geburtshilfe in Cloppenburg auf den neuesten Stand zu bringen, das hiesige Krankenhaus müsse bei der Bevölkerung wieder "erste Wahl" sein.

Für die Elterninitiative "Motherhood" sprach Elli Kowert und berichtete unter anderem von jungen Müttern, die sich bei ihr gemeldet hätten, weil sie während der Wehen aufgrund einer Spontanschließung des Kreißsaals das Krankenhaus wechseln mussten. So etwas dürfe nicht wieder vorkommen, so die Osnabrückerin. "Wir brauchen ein klares Konzept und den Willen, dafür richtig Geld in die Hand zu nehmen", sagte sie. Denn gute Geburtshilfe sei zwar kurzfristig teuer, zahle sich aber langfristig aus. Der Applaus ließ nicht lange auf sich warten.

"Regelmäßig habe ich das Gefühl, einen Reißverschluss zu brauchen, damit ich mich aufteilen kann."Birte Sprock, Hebamme im Cloppenburger Krankenhaus

Als Hebamme, die selbst im Cloppenburger Kreißsaal arbeitet, stand Birte Sprock am Rednerpult. Sichtlich bewegt schilderte sie Arbeitsumstände, die nicht haltbar seien. "Regelmäßig habe ich das Gefühl, einen Reißverschluss zu brauchen, damit ich mich aufteilen kann", erklärte Sprock. Es gebe zu wenig Personal und zu viele Aufgaben. Aber sie kündigte auch an, dass sie weitermachen werde, "damit es in Cloppenburg eine gute Geburtshilfe gibt".

Schilderte die Zustände im Cloppenburger Kreißsaal: Hebamme Birte Sprock. Foto: DickerhoffSchilderte die Zustände im Cloppenburger Kreißsaal: Hebamme Birte Sprock. Foto: Dickerhoff

Im Anschluss kam mit Landrat Johann Wimberg zum ersten Mal ein Mann zu Wort. Er bekräftigte die Feststellung der Vorrednerinnen, dass ein durchgehender Betrieb des Kreißsaals notwendig sei. Ebenfalls bestätigte er: "Geburtshilfe ist Grundversorgung." Er spreche für alle 13 Bürgermeister, so Wimberg. Gemeinsam würden sie von der Politik auf Landes- und Bundesebene erwarten, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit die Gesundheitsversorgung sichergestellt werden könne. Auch stieß er Förderungen an, um den Berufseinstieg für Hebammen attraktiver zu machen. Konkreter wurde er hier aber nicht.

"Wir sind keine Gewinnmaximierer."Andreas Krone, Geschäftsführer des St.-Josefs-Hospitals

Nach dem Landrat kam mit Andreas Krone der Mann ans Mikrofon, der sich zuletzt vielen Angriffen ausgesetzt sah. Gleich zu Beginn wollte der Geschäftsführer des Cloppenburger St.-Josefs-Hospitals eines klarstellen: "Wir sind keine Gewinnmaximierer". Die niedersächsischen Krankenhäuser würden ums Überleben kämpfen, das Geld sei knapp. Offen gab er zu, dass man in den letzten 2 Monaten dem eigenen Anspruch eines durchgehend geöffneten Kreißsaals nicht gerecht geworden sei. Man wolle und werde die Abteilung aber nicht schließen, sagte Krone. Die Teilschließung sei wegen mangelnder personeller Besetzung aber notwendig gewesen. Diese konnte man jetzt durch Neueinstellungen entschärfen. An die anwesenden Politiker appellierte er, dass sich die Vergütung und Finanzierung der Geburtshilfe ändern müsse, sonst sei eine 1-zu-1-Betreuung nicht machbar.

Das Schlusswort gehörte bei der Kundgebung Veronika Bujny. Sie kritisierte, dass es nach der Schließung des Kreißsaals in Friesoythe keinen Plan gegeben habe. An dieser Stelle hätte der Cloppenburger Standort aufgestockt und Personal rübergeholt werden müssen. Auch sie mahnte an, dass die Fallpauschalen bei der Geburtshilfe angehoben werden müssten. Alternativ seien Extra-Subventionen für die Kreißsäle nötig. Cloppenburg sei ein Landkreis mit besonders vielen Kindern. Und Familienfreundlichkeit fange bei der Geburt an. 

Wir sind keine Initiative, die geht. Wir sind eine Initiative, die bleibt und beobachtet.Veronika Bujny, Vorsitzende der Hebammenverbands Niedersachsen

Auch wenn die Redebeiträge aller Rednerinnen und Redner beklatscht wurden und bei vielen Themen Einigkeit herrschte, wird die Problematik alle Beteiligten wohl noch länger beschäftigen. Ob der von einigen geforderte Runde Tisch zustande kommt, bleibt abzuwarten. Eines stellte Niedersachsens Hebammenvorsitzende zumindest klar: "Wir sind keine Initiative, die geht. Wir sind eine Initiative, die bleibt und beobachtet."

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