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Das Beste aus beiden Kulturen

Viele Muslime im Oldenburger Münsterland feiern Weihnachten - vor allem der Kinder zuliebe. Andere genießen einfach die Ruhe.

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Sie lieben das Weihnachtsfest: Zülfü und Feride Taskesen mit den Töchtern Sara (links) und Lara. Foto: Freiwald

Sie lieben das Weihnachtsfest: Zülfü und Feride Taskesen mit den Töchtern Sara (links) und Lara. Foto: Freiwald

Ob der Weihnachtsmann den Weg durch den Kamin wirklich gefunden hat? Die 4-jährige Sara und ihre Zwillingsschwester Lara waren kurz vor Weihnachten zuversichtlich, dass er es schafft und am Heiligen Abend schöne Geschenke unter den Weihnachtsbaum legt. Wenn Mama nur die Glastür am Kamin geöffnet hat...

Die 39-jährige Muslima Feride Taskesen feiert schon seit ihrer Kindheit, seitdem sie in Deutschland lebt, Weihnachten. Jetzt, wo ihre Mädchen auch dem Fest entgegenfieberten, umso mehr.

„Wir nehmen uns das Beste aus beiden Kulturen“, sagt die Vechtaerin und schmunzelt. Während die Christen Weihnachten als Geburt Jesu groß feiern, stehen bei den Muslimen das Opferfest und das Zuckerfest als große Feiertage im Kalender. Die Taskesens feiern alles. Schließlich komme Jesus auch im Koran vor – wenn er auch längst nicht die Bedeutung hat wie bei den Christen.

Kleine Geschenke gab es immer 

Im Jahr 1988 zog die damals noch kleine Feride mit ihren Eltern und Geschwistern aus der Türkei nach Lutten. Ihrer Mutter wurde in Deutschland schnell klar, dass es ohne Weihnachten kaum geht. „Sie wollte nicht, dass wir als einzige in der Schule keine Geschenke bekommen“, erzählt Taskesen. Und so gab es immer eine Kleinigkeit. Ein Weihnachtsbaum wurde aufgestellt. Serviert wird seitdem stets Enten- oder Gänsebrust zum Festschmaus bei ihren Eltern.

Darauf muss die 39-Jährige mit ihrer kleinen Familie in diesem Jahr freilich verzichten. „Wir werden allein bleiben über die Feiertage“, sagt sie mit traurigem Blick. Aber dennoch sollen es ihre Mädchen schön haben. „Im Kindergarten fiebern sie schon seit Wochen auf den großen Tag hin“, berichtet die Mutter. Besonders Töchterchen Sara hat die Vorweihnachtszeit ausgekostet.

Im Kindergarten hat die 4-Jährige gebastelt und mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Plätzchen gebacken. Auch der Nikolaus war bei der muslimischen Familie. Gesehen hat ihn zwar keiner, Geschenke lagen aber vor der Tür. Und der Plätzchenteller, den sie ihm hingestellt hatten, war bis auf ein paar Krümel leergegessen.

Der Besuch des Weihnachtsmarkts ist ein Muss

Die Weihnachtsmärkte, die in diesem Jahr überall ausfallen mussten, lieben Feride Taskesen und ihr Mann Zülfü. Der Mathematiker und IT-Spezialist kann sich auch nicht ganz dem Zauber der Weihnacht entziehen, auch wenn er im Gegensatz zu seiner Ehefrau nicht damit aufgewachsen ist.

Bei Ferdi Karatas und seiner Familie in Oythe steht in diesem Jahr erstmals seit langer Zeit kein Weihnachtsbaum mehr im Wohnzimmer. Der Bruder von Feride Taskesen begründet das so: Die beiden Kinder seien nun alt genug, um auch ohne Baum auszukommen. Und das Jüngste sei mit rund einem Jahr noch zu klein dafür. Kleine Geschenke gibt es dennoch – ebenso wie ein festliches Essen. So würden es bestimmt 40 Prozent der Muslime in seiner Bekanntschaft machen, schätzt Karatas. Die anderen 60 Prozent hätten dagegen mit dem christlichen Fest wenig am Hut.

Die Ruhe genießen – auch das hat seinen Reiz

Für Ali Yilmaz und seine Frau sollen die Feiertage in diesem Jahr einfach zwei schöne ruhige Tage werden. „Wir setzen uns aufs Sofa und genießen die Ruhe“, kündigt der Werbetechniker aus Lohne an. Die Kinder sind bereits erwachsen und so gibt es auch keine Geschenke mehr wie früher.

Seinen deutschen Freunden hat der Lohner mit türkischen Wurzeln vorher natürlich Weihnachtskarten geschickt. Aber selbst feiern, das tut er nicht. Zumal große Familienfeiern wegen Corona ohnehin nicht möglich sind. „Sonst würden wir sicherlich auch ein paar Freunde besuchen“, sagt Yilmaz. Vielleicht sind größere Feste am 12. Mai wieder möglich. Dann feiern die Muslime das Ende des Fastenmonats mit dem Zuckerfest.


Fakten:

  • Im Koran stehen 2 Berichte über die Geburt Jesu. Das Jesuskind wird dort nicht in Bethlehem in einer Krippe, sondern an einem „fernen Ort“ unter einer Palme geboren, wo Maria – auf arabisch „Maryam“ – in völliger Einsamkeit und unter starken Schmerzen ihren Sohn auf die Welt bringt, erklärt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddo. Auf wunderbare Weise lässt Gott ihr zum Trost Datteln wachsen und eine Wasserquelle entspringen. Bis heute beten manche Musliminnen, wenn sie ein Kind auf die Welt bringen, die Sure „Maryam“ und essen Datteln zur Stärkung.
  • Jesus ist im Islam zwar ein besonderer Mensch, aber nicht Gottes Sohn, der am Kreuz gestorben ist.
  • Weitaus größere Bedeutung für die Muslime hat das Zuckerfest. Es markiert das Ende des Fastenmonats Ramadan. Familien kommen zusammen und feiern 2 Tage lang. Die Kinder bekommen Geschenke.
  • Das größte Fest im Islam ist aber das Opferfest. Es dauert 4 Tage und wird zum Höhepunkt des Haddsch gefeiert, der Wallfahrt nach Mekka – im kommenden Jahr im Juli. (dpa/stf)

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