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Cloppenburger Ärzte behandeln Ukraine-Flüchtlinge: "Sie sind alle sehr belastet"

Viele dieser Patienten – meist Frauen und Kinder – klagten über Stresssymptome. Zudem sind nur wenige gegen Corona geimpft.

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Kümmerten sich bisher um 20 Geflüchtete aus der Ukraine: die Hausärzte Dr. Gregor Siemon (links) und Dr. Lisa Giller. Die Auszubildende Foza Kasem (rechts) unterstützt sie. Foto: Niemeyer

Kümmerten sich bisher um 20 Geflüchtete aus der Ukraine: die Hausärzte Dr. Gregor Siemon (links) und Dr. Lisa Giller. Die Auszubildende Foza Kasem (rechts) unterstützt sie. Foto: Niemeyer

Eine Schranktür reichte aus, um den Krieg wieder in seinem Kopf präsent werden zu lassen: Weil die Tür in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Gregor Siemon und Dr. Lisa Giller laut zugeknallt war, hatte ein geflüchteter ukrainischer Junge unter einer Liege Schutz gesucht, erklärt Giller. Die Tür muss ihn wohl an die Bomben aus dem Krieg erinnert haben. Wie viele andere Ärzte in Cloppenburg auch, behandeln Dr. Lisa Giller und Dr. Gregor Siemon in ihrer Gemeinschaftspraxis Ukrainer, die vor dem Krieg geflohen und in Cloppenburg untergekommen sind.

Etwa 20 seien es bisher gewesen, die meisten Frauen und Kinder. Nach den Erlebnissen aus dem Krieg, der tagelangen Flucht und auch wegen der ungewissen Zukunft hätten viele von ihnen Stresssymptome, sagt Dr. Giller. Dazu zählten zum Beispiel Magenschmerzen oder Bluthochdruck. „Die Flüchtlinge sind alle sehr belastet.“

Momentan hätten die Geflüchteten allerdings noch andere Sorgen, als mit einem Arzt über das Erlebte zu sprechen oder sich gar in eine Therapie zu begeben, berichtet die Allgemeinärztin weiter. Sie würden nur sehr wenig erzählen, sodass die Arztbesuche noch sehr pragmatisch abliefen. Die Flüchtlinge wünschten sich vor allem eine Behandlung der körperlichen Symptome, um sich erst mal um "die anderen Probleme" zu kümmern, wie Giller sagt. Zu den Geflüchteten mit psychischen Symptomen behandeln Giller und Siemon außerdem auch solche mit chronischen Krankheiten wie Rheuma oder Nierenschäden. 

Übersetzer erleichtert Verständigung

Die medizinische Versorgung für die ukrainischen Flüchtlinge sowie deren Lebensunterhalt sei über die örtlichen Sozialämter gesichert, teilt der Landkreis Cloppenburg auf Nachfrage mit. Bevor Geflüchtete sich ärztlich behandeln lassen können, bräuchten sie einen Krankenbehandlungsschein. Der Krankenschein solle möglichst vor der ärztlichen Behandlung beim Sozialamt angefordert werden. Im Falle eines medizinischen Notfalls könnten Geflüchtete allerdings auch direkt ein Krankenhaus aufsuchen. Die Kosten für eine Krankenbehandlung würden vom Landkreis übernommen, heißt es weiter. Die Kosten sämtlicher Sozialleistungen würden vom Land durch eine Pauschale erstattet.

Zwar müssten Geflüchtete den Behandlungsschein vorlegen, bevor Hausärzte wie Dr. Giller und Dr. Siemon sie behandeln können. Nicht immer haben sie den aber dabei, wie Giller sagt. In akuten Fällen verzichteten die beiden Ärzte daher auf die Vorlage. Zudem stünde die Gemeinschaftspraxis ständig in Kontakt mit dem Sozialamt, das ihnen die Scheine auch zuschicken kann. "Damit wir keinen wieder nach Hause schicken müssen", sagt Giller. 

Um sich mit den Ukrainern verständigen zu können, haben sich Siemon und Giller eigens einen "Universalübersetzer" angeschafft. Wie in ein Mikrofon sprechen sie in das Gerät hinein, das das Gesagte anschließend in die jeweils gewünschte Sprache übersetzt - sowohl schriftlich auf einem kleinen Display als auch als Audioausgabe. "Das macht es sehr viel einfacher", sagen Giller und Siemon. Mit einigen Geflüchteten aus Kiew könnten sich die Ärzte aber auch auf Englisch verständigen.  

Nur wenige Ukrainer sind geimpft

Ein weiteres Problem stellt die niedrige Corona-Impfquote unter den Ukrainern dar. Die Lage sei "schwierig", sagt Giller. Lediglich 35 Prozent wurden laut Weltgesundheitsorganisation zweimal geimpft. Viele von ihnen mit dem chinesischen Impfstoff. "Sie gelten hier in Deutschland als überhaupt nicht geimpft", betont Giller. Noch sei nicht abzusehen, wie hoch die Bereitschaft unter ihren ukrainischen Patienten sei, sich impfen zu lassen, erklärt die Ärztin. Auch, da viele erst seit einigen Tagen in Cloppenburg seien. Einige hätten zudem angenommen, dass sie in 2 Wochen schon wieder zurück in ihre Heimat könnten. Wie der Landkreis auf Nachfrage mitteilt, werde derzeit geprüft, ein regelmäßiges Impfangebot in der im Aufbau befindlichen Notunterkunft in Lastrup einzurichten. 

Aktuell habe die Gemeinschaftspraxis von Dr. Siemon und Dr. Giller kaum Probleme, die Geflüchteten aus der Ukraine zu behandeln.  Giller wünscht sich allerdings, dass die Flüchtlinge eine Krankenkassenkarte bekommen, um der Praxis Bürokratie zu ersparen. Mit der aktuellen Zahl an ukrainischen Patienten kämen sie gut zurecht.

Bei den Meldeämtern der Städte und Gemeinden waren bis zum vergangenen Dienstag 1488 Vertriebene aus der Ukraine erfasst, 461 davon wurden in der Stadt Cloppenburg registriert. Laut Landkreis ist die Dunkelziffer als "nicht erheblich" einzuschätzen, "da es den Vertriebenen und ihren Gastgebern erhebliche Vorteile bringt, sich bei den Städten und Gemeinden zu melden".

Wie sieht es mit einer Haftpflichtversicherung aus?

Zudem weist der Kreis darauf hin, dass im Falle der Bewilligung von Sozialleistungen auch Kosten für eine angemessene Privat-Haftpflichtversicherung der Flüchtlinge übernommen werden. Für andere Fälle verweist das Kreissozialamt auf die Versicherungsanbieter. Hier gebe es unterschiedliche Angebote für Geflüchtete sowie auch für deutsche Gastgeber. 

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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