Die ersten (legalen) „Schlepper“ beschreibt Dr. Jürgen Vortmann in einem Beitrag für das Jahrbuch des Heimatbundes. Und er schildert, wie die Südoldenburger in der Fremde lange unter sich blieben.
Verheerender Brand: Das Feuer auf dem Ausflugsdampfer „General Slocum“ kostete 1021 Menschen aus deutschen Gemeinden in New York 1905 das Leben. Das Unglück leitete den Niedergang ihres Viertels „Lttle Germany“ in Manhattan ein. Fotos: Archiv Jürgen Vortmann
An ihrem Aufbruch aus der Not heraus verdienten andere: Als junge Bauern ohne Land das Oldenburger Münsterland scharenweise verließen, um in den USA ihr Glück zu versuchen, entwickelte sich ein Geschäft mit der Flucht vor der Armut. Deutsche Anwerber aus den USA organisierten einen regelrechten Pendelverkehr.
Beauftragt von den Kapitänen der Auswandererschiffe, tauchten in Südoldenburg Vermittler auf, die im Amtsdeutsch „amerikanische Boten“ genannt wurden, weil sie Briefe der Auswanderer an deren Verwandte persönlich überbrachten. Das Amt Damme schildert in einem Bericht vom 9. August 1845, wie solche Boten mit „viele Bekanntschaften ... einige Monate in hiesiger Gegend verweilen und in dieser Zeit soviel Auswanderer als möglich anwerben“. Die angeworbene Gruppe reiste dann gemeinsam ab. Der bezahlte Anwerber tauchte wenige Monate später erneut in Südoldenburg auf.
Das missfiel der Obrigkeit. Das Amt Cloppenburg beklagte 1832 in einem Bericht an die Regierung in Oldenburg eine Flut von Briefen aus den USA. Der Verdacht bestand, „daß die eingegangenen Nachrichten aus dem Staate Ohio kommen, und die Auswanderer nach Cincinnati dirigiert werden sollen“.
„Wir sprechen Deutsch“: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in der US-Metropole 60000 Einwanderer in einem Viertel zusammen.
Der Magistrat der Stadt Quakenbrück stellte am 6. März 1834 fest: „Günstige Nachrichten machen die Neigung zur Auswanderung gemeiner“. Das Amt Bersenbrück berichtete am 25. März 1834 von „schriftlichen Lockungen … und Aufreitzungen zur Unzufriedenheit“.
Der Lockruf der Freiheit und die Verheißung, eigenes Land beackern zu können, wirkten tausendfach. Zwischen 1815 und 1848 verließen 600000 Menschen das Gebiet des Deutschen Bundes. Zwischen 1816 und 1900 wanderten etwa fünf Millionen Deutschsprachige nach Amerika aus.
Auch illegale Auswanderer schmuggelten sich davon. Das vielleicht prominenteste Beispiel ist der Großvater des abgewählten US-Präsidenten Donald Trump. Friedrich Trump aus Kallstadt (Pfalz) wanderte 1885 mit 16 Jahren (wie viele Wehrpflichtige) aus, ohne sich abzumelden. Als er 1905 zurückkehren wollte, weil seine junge Frau unter Heimweh litt, scheiterte die Wiedereinbürgerung, weil er den Militärdienst nicht abgeleistet hatte: Trump senior wurde ausgewiesen.
Deutsche blieben in den USA unter sich
In den USA blieben die Deutschen unter sich, die Südoldenburger noch enger als andere: Die Brautpaare stammten in der Regel aus der gleichen Herkunftsregion. In Cincinnati haben im späten 19. Jahrhundert 72 Prozent der Oldenburger Auswanderer eine Frau aus dem Großherzogtum Oldenburg geheiratet, die anderen 28 Prozent Frauen aus dem Königreich Hannover.
Für die 1868 geboren Angela Hermina Gerhardina Paul aus Cloppenburg war es selbstverständlich, einen „Landsmann“ zu heiraten. Sie wanderte vor 1890 aus und heiratete 1893 in Kalifornien den aus Ellerbrock/Friesoythe stammenden Heinrich Nicolaus Peters. Die Familie lebte mit ihren sechs Kindern in Texas. Georg Heidgerken aus Stapelfeld kam um 1867 in Saint Cloud in Minnesota an und heiratete 1870 die ein Jahr zuvor angekommene Anna Kemper aus Garrel.
Angelina Knelange aus Krapendorf erreichte 1872 St. Louis in Missouri. Bereits drei Jahre später ehelichte sie Johann Hermann Heinrich Honkomp aus Brockdorf bei Lohne. Die jungen Leute hatten sich während der Überfahrt auf den Schiff „Leipzig“ kennengelernt. Das Ehepaar ließ sich in Florissant in der Nähe von St. Louis nieder und bekam acht Kinder.
Straßenszene in Manhattan im Stadtteil Lower East Side: Kinder beobachten das Treiben der Händler.
Franz Heinrich Ferdinand Thobe (*1829) aus Dingel heiratete in den Vereinigten Staaten dreimal; alle Ehefrauen waren deutschstämmig. Seine Schwester Anna Maria Elisabeth ehelichte in den USA Heinrich Hülskamp aus Sevelten.Auch die nächste Generation aus Süd- oldenburg folgte diesem engen Zusammenhalt und heiratete weitgehend unter sich.
Der deutsche Dichter Erich Limpach schrieb: „Es kann ein Wabenwerk aus Stein wohl Wohnung, doch nicht Heimat sein.“ Heimat im Ausland bedeutet offensichtlich ein emotionales Denken, ohne das der Verlust der ursprünglichen Heimat nicht zu ertragen ist. Dieses Gefühl bewegt auch andere Bevölkerungsgruppen dazu, ihre Bräuche mitzunehmen. Die Russlanddeutschen halten ihre Gebräuche und lieb gewonnenen Gewohnheiten aus der alten Heimat auch im Kreis Cloppenburg aufrecht.
Heimat bedeutet zugleich Sicherheit und Geborgenheit. Sie ist ein Ort, in dem wir nichts Ungewisses zu erwarten haben. Jean Amery beschrieb dies in seinem Essay „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ so: „In der Heimat leben heißt, das sich vor uns das schon Bekannte in geringfügigen Varianten wieder und wieder ereignet.“
„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen“
Viele der Auswanderer brauchten Jahrzehnte, um in ihrem neuen Wohnort den Heimatersatz zu finden. Theodor Fontane schrieb einst: „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“
Die Folge: In jeder größeren Stadt der Vereinigten Staaten bildeten sich deutsche Wohnviertel. Das erste deutsche Nachbarschafts- und Handelszentrum in New York City entstand bereits in den 1820er Jahren südöstlich des Rathauses von der Pearl Street bis zur Pine Street. In New York gab es in Brooklyn und in den angrenzenden Städten New Jersey und Hoboken solche ausschließlich von Deutschen bewohnte Viertel, besonders im „Little Germany“ in Manhattan im Stadtteil Lower East Side.
Unzählige Biergärten und Bierstuben entstanden entlang der Bowery Lane und sorgten für ein buntes öffentliches Leben. Bälle, Sänger- und Turnfeste wurden von den Deutschen mit Paraden auf den Straßen gefeiert.
1860 zählten die Deutschen in New York City mehr als 200.000
Auf dem Höhepunkt um Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in Little Germany 60.000 Deutsche. Das Gebiet umfassten 400 so genannte Blocks. Es war eine der am dichtesten besiedelten Stadtteile New Yorks. Einige schätzen, dass 30 Prozent von New York City aus deutschen Einwanderern und ihren in Amerika geborenen Kindern bestand. 1860 zählten die Deutschen in New York City mehr als 200.000. Das entsprach einem Viertel der Gesamtbevölkerung der Stadt. Die Deutschen bildeten die erste große Einwanderergemeinschaft in der amerikanischen Geschichte, die eine Fremdsprache sprach. Etwa vergleichbar mit den türkischstämmigen Berlinern.
Die Blütezeit endete durch eine Katastrophe. Beim Brand eines Ausflugsdampfers am 15. Juni 1904 kamen 1021 Menschen ums Leben. Sie gehörten der etablierten Oberschicht von „Little Germany“ an, die zu einem Picknick unterwegs war. Die Folgen waren verheerend: Geschäfte schlossen, Männer, die ihre Frauen und Kinder verloren hatten, nahmen sich das Leben. Die völlig erschütterte Gemeinschaft des Viertels zerbrach.
Info: Die ganze Geschichte steht im „Jahrbuch 2021“ des Heimatbundes für das Oldenburger Münsterland“, das für 12 Euro im Buchhandel und beim Heimatbund selbst erhältlich ist. Mehr Informationen unter: www.heimatbund-om.de