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Auf Omas und Tante Lucies Stuhl

Gästebuch: Der Frisörbesuch in Emstek ist immer wieder eine wunderbare Reise in die Vergangenheit.

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Da bin ich endlich wieder bei meiner Lieblingsfrisörin in Emstek, mitten im Oldenburger Münsterland. „Setz dich mal hin“, sagte sie und ich durfte mich auf den Stuhl fallen lassen, auf dem früher schon Oma und meine Tante Lucie gesessen haben. Es ist jedes Mal eine wunderbare Reise in die Vergangenheit. Kaum saß ich, war sie wieder da, diese Vertrautheit, dieses Gefühl von zu Hause und die turbulenten Erlebnisse mit den Alten.

„Weißt du noch“, sagte meine Frisörin, „wie Tante Lucie immer ihr fahrbares Mobil – ihren „Onkel“ – auf der anderen Straßenseite geparkt hat?“ Sie habe sie jedes Mal über die Straße geholt. „Ich pass schon auf“, habe Lucie immer gesagt. Aber eigentlich ging es ohne Hilfe längst nicht mehr. Und heute? Heute gibt es Parkscheiben auf dem Marktplatz in Emstek – modernes Zeugs. Ob Tante Lucie wohl eine auf ihren Sitz gelegt hätte? Bestimmt nicht. Und dann dieser Satz, den unsere Frisörmeisterin immer sagt: „Das war aber auch eine Marke, deine Tante.“

Und Opa – er, der sein Auto natürlich immer direkt vor dem Haus auf dem Marktplatz parkte. Eine Parkscheibe in Emstek auf seinem Marktplatz für ihn unvorstellbar. Und meine Mutter saß immer genau hier auf diesem Frisörstuhl, auf dem ich jetzt einmal im Monat Platz nehmen darf. Ihre Haare mussten einen ganz bestimmten Farbton haben, da war sie eigen. Selbst im Seniorenheim habe ich diese bestimmte Farbe gemeinsam mit unserer Frisörin besorgt.

„Und jetzt redeten meine Frisörin und ich wieder so viel von früher, dass ich kaum auf meinen Haarschnitt achtete. Nur mein Wirbel – der muss sitzen.“

Für eine Mini-Minisekunde fragte ich mich, ob ich auch meine Haare mal färbe? Nee, auf keinen Fall. Aber aussehen wie Opa mit seiner weißen Tolle möchte ich ja auch nicht. Aber das kriegt unsere Frisörin hin. „Du hast ja deinen ganz eigenen Wirbel hinten rechts. Und außerdem, du bist ja noch jung“, tröstete sie mich.

Wie oft bin ich früher auf die Suche gegangen, wenn Oma und Tante plötzlich nicht zu Hause waren. Sie waren heimlich beim Frisör, egal bei welchem Wetter. „Wie könnt ihr mit 90 noch alleine gehen?“, habe ich geschimpft. „Wenn du keine schönen Haare mehr hast, hast du keine Disziplin“, sagte Tante dann, und ich setzte mich auf den freien Frisörstuhl daneben, bis sie mich wegschickte. „Kann wohl allein nach Haus, bin doch kein Kind.“

Und jetzt redeten meine Frisörin und ich wieder so viel von früher, dass ich kaum auf meinen Haarschnitt achtete. Nur mein Wirbel – der muss sitzen. „Den kriegen wir hin“, sagte die Lieblingsfrisörin. 30 Minuten vergingen wie im Flug. Ich ging hinaus und hoffte, dass meine Haare schnell wieder wachsen. Denn was ist schöner, als auf Omas und Tantes Stuhl zu sitzen und mit unserer Frisörin in Erinnerungen zu schwelgen, die meine Alten fast genauso gut kannte wie ich. Ich freue mich schon aufs nächste Mal.


Zur Person:

  • Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser. Er verkörpert das Vechtaer Original „Straßenfeger“ im Karneval.
  • Der Kontakt zum Autor ist möglich unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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