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Agrar-Experte Windhorst blickt ins Jahr 2030

Der Wissenschaftler entwirft zwei Szenarien: Eines für die beste zu erwartende Entwicklung, eines für die schlechteste.

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Fordert einen Masterplan: Professor Dr. Hans-Wilhelm Windhorst. Foto: Tzimurtas

Fordert einen Masterplan: Professor Dr. Hans-Wilhelm Windhorst. Foto: Tzimurtas

Vor welcher Zukunft steht die Agrar- und Ernährungswirtschaft des Oldenburger Münsterlandes? Welche Perspektiven hat die Branche angesichts des wachsenden gesellschaftlichen, ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Drucks? Mit diesen Fragen hat sich Hans-Wilhelm Windhorst beschäftigt, emeritierter Professor der Universität Vechta für Wirtschaftsgeographie und Strukturforschung. Zwei „sehr unterschiedliche“ Szenarien für das Jahr 2030 habe er ausgearbeitet, sagt der wissenschaftliche Leiter des Wissenschafts- und Informationszentrums für Nachhaltige Geflügelwirtschaft (Wing) der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Ein Überblick:

Die beste zu erwartende Entwicklung:

Windhorst geht bei diesem Szenario von gesellschaftlicher und politischer Stabilität aus. Es herrsche Frieden und es komme zu keinen einschneidenden Verwerfungen im Welthandel. „Trotzdem wird die Agrar- und Ernährungsbranche im Oldenburger Münsterland an wirtschaftlicher Bedeutung verlieren“, sagt Windhorst. Der Grund: Die Nutztierbestände würden wegen neuer gesetzlicher Regelungen beziehungsweise mangelnder Wettbewerbsfähigkeit abnehmen.

Dies werde sich auch auf die vor- und nachgelagerten Unternehmen auswirken. Vor allem auf die Mischfutterhersteller und die Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe. Es gehe aber auch eine Konsolidierung damit einher, „weil nur die landwirtschaftlichen Betriebe und Unternehmen bestehen bleiben, denen aus ihrer Größe Kostenvorteile erwachsen“. Außerdem: Der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch werde ab- nehmen. Exporte würden zwar weiterhin bedeutend sein, „aber ebenfalls zurückgehen“, wegen neuer globaler Mitbewerber.

Windhorst erläutert: „Der Zenit der Agrar- und Ernährungswirtschaft wurde in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts erreicht.“ Seitdem sei eine zwar langsame, aber dennoch deutliche Rückwärtsentwicklung zu erkennen. Einige Unternehmen hätten die Möglichkeiten erkannt, die sich aus der Erzeugung von alternativen Proteinen auf pflanzlicher Basis (Fleischersatz) beziehungsweise aus Zellkulturen (Labor-Fleisch) ergeben. Die Erzeugung solcher Ware habe bereits begonnen.

Fazit:

„Die wirtschaftliche Situation der Agrar- und Ernährungswirtschaft wird sich zwar verschlechtern, aber sie wird immer noch deutlich besser sein als in anderen ländlich geprägten Räumen“, lautet Windhorsts Fazit zum Szenario der besten zu erwartenden Entwicklung.

Die schlechteste Entwicklung:

Bei diesem Prognosemodell geht Windhorst vom Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Nutztierbeständen in Deutschland aus – samt des Importstopps der Drittländer. Das führe zu „beträchtlichen finanziellen Problemen“ bei den großen Schlachtunternehmen und zu Absatzproblemen bei Betrieben mit Schweinehaltung. Auch die Mischfutterindustrie gerate „in eine finanzielle Schieflage.“

Die Situation spitze sich zu, wenn es nach der Bundstagswahl 2021 eine Beteiligung der Grünen an der Regierung gebe. Absehbar seien dann eine Verschärfung der Umweltgesetze und der rechtlichen Bestimmungen zum Tierschutz. Zahlreiche Betriebe im Oldenburger Münsterland würden die Schweinehaltung aufgeben. Es komme zu einer „Unterauslastung der Schlachtunternehmen und der Mischfutterwerke“. Für die Geflügelwirtschaft verschärfe sich die Wettbewerbssituation wegen des Freihandelsabkommens der EU mit Südamerika (Mercosur). Und wenn die Geflügelpest aus benachbarten Ländern auf die Region übergreift, drohen massive Einbußen durch Einfuhrverbote von Drittländern.

Auch dies gehört zum Szenario: Bis auf wenige Ausnahmen hätten Unternehmen der Region die Dynamik in der Erzeugung alternativer Proteine unterschätzt. Vor allem die jungen Bevölkerungsgruppen würden aber die Produkte der konventionell erzeugten Ware vorziehen. In diesem zweiten Szenario habe sich die gesamtwirtschaftliche Situation der Agrar- und Ernährungsbranche gegenüber dem ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts deutlich verschlechtert. Eine Folge: Einige heimische Unternehmen betätigen sich deshalb verstärkt in Osteuropa, Asien und Afrika.

Fazit:

Das Oldenburger Münsterland wäre nicht mehr das Silicon Valley einer modernen Agrar- und Ernährungswirtschaft, sagt Windhorst. Die Position sei „durch eigene Versäumnisse und Unterschätzung der Dynamik“ an andere Regionen im In- und Ausland verloren gegangen.

Appell:

Die Agrar- und Ernährungswirtschaft vor Ort könne in einer Form weiterentwickelt werden, die von einem breiten Konsens der Menschen getragen werde. Alte Fehler seien zu vermeiden. Und es müsse einen Masterplan geben.

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