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60 Jahre unter einer Decke

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben - Es sollte ein schönes, großes Fest werden - die Diamantene Hochzeit von Oma und Opa. Und dann kam Corona.

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"Das muss man erstmal schaffen, 60 Jahre verheiratet"! Diesen Satz hörte ich in den letzten Tagen öfter, wenn die Sprache auf die Diamantene Hochzeit meiner Eltern kam. 60 Jahre unter einer großen Bettdecke, Opa besteht darauf und Oma zuckt stets tolerant mit den Schultern. Es sollte ein schönes, großes Fest werden und dann kam Corona.

Was haben wir herumgeplant, zuerst mit 100 Gästen, dann mit 50, mit Gottesdienst in der Kirche, dann nur mit Segen zuhause ohne Kirche oder vielleicht ausfallen lassen und auf die Eiserne Hochzeit in fünf Jahren hoffen - und dann mit allem Brimborium feiern. Dieses blöde Virus gab den Takt vor. Übrig blieb der engste Familienkreis mit Kindern und Enkelkindern. Die Kirche zum Glück wieder offen, wenn auch ohne Gesang und mit Abstand. Und schmiss schon Corona den so verdienten Ehrentag durcheinander, zwickte ein paar Tage vorher auch noch Opas Magen gehörig. Doch auf den überaus engagierten Bauchdoktor war Verlass. Er orderte Opa zur Rettung der Diamantenen Hochzeit zwei Tage vorher ins Krankenhaus, räumte ihm ordentlich den Magen leer, fand als Trophäe im Bauch eine Schraube vom Hörgerät und verordnete ihm ein Glas Wein am Festtag.

Frisch renoviert lud ich Opa pünktlich zum Kränzchen der Nachbarn aus dem Auto und setzte ihn auf einen Stuhl vor die Haustür. "Dei häbbt 'ne Schruuwen in mien Buuk funnen", verkündete er noch etwas blass um die Nase, "Aower ick bün wedder hier". Den fleißigen Nachbarn, alle im Seniorenalter, hatte ich aus Vechta zur Belohnung ein Stoppelmarktsherz mitgebracht und zur Stärkung bei Scheele in Langförden auch Fischbrötchen geordert. "Willst du mit oder ohne Auspuffreiniger?", wurde ich erstmal gefragt. Bei der Antwort musste ich passen und beließ es bei den Lebkuchenherzen. Der Kranz hing flott, Oma und Opa waren stolz.

"Der ganze Kirchplatz stand voller Menschen - schön auf Abstand, aber rappelvoll."

Antonius Schröer

Die Festwoche konnte dank Opas Ärzten weitergehen und Oma grübelte, welches Kleid sie am Samstag dem Familienkreis zeigen sollte. Die Besucher aus Köln, Berlin und Magdeburg rauschten an, die Sonne stach und die Kirchenglocken läuteten. Würde Opa den Gottesdienst schaffen? Den Rollator lehnte er wie immer energisch ab. In der Messe checkte ich den Rettungsweg, über den Altar durch die Sakristei ins Freie, das wäre ohne Aufsehen am schnellsten, falls Opa schwindelig würde. Dann polterte es auch schon, ich zuckte in Startposition, aber mein jüngster Bruder griff schon zu. Sein Sohn, der Enkel, mit durchtrainiertem 17-jährigen Body war in die Knie gegangen. Opa stand wie eine Eiche bis zum Schlussgebet.

Omas und Opas Gang durch die Kirche ohne Stock und Rollator, ab an den kleinen, begrenzten Festtagstisch - aber es wurde ganz anders. Der ganze Kirchplatz stand voller Menschen - schön auf Abstand, aber rappelvoll. Omas Sportfreundinnen mit roten Rosen, die Nachbarn, die Mitarbeiter, die Saunakumpels, der Handels- und Gewerbeverein mit Banner und überall Blumen ohne Ende. Wir waren platt, nur einen kleinen Korb voll Bier und ein paar Fläschchen Klopfer hatte ich im Gepäck. Das war viel zu wenig. Im Eilschritt Bierkisten angeschleppt und Schluck und Gerstensaft verteilt. Omas und Opas Augen glänzten, als auch noch die Nachbarn mit einem dicken Tau die Straße sperrten. Eingeladen war niemand, aber alle waren gekommen, direkt vor die Kirche. Die kleinen Enkel aus Köln, Berlin und Magdeburg blickten verdutzt. Sowas hatten sie in der Großstadt noch nie gesehen, sie leben eben nicht in Südoldenburg.


Zur Person:

  • Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser. Der 58-Jährige verkörpert das Vechtaer Original "Straßenfeger Martin" im Karneval.
  • Kontakt: info@ov-online.de

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