Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Warum Roland Kaiser ein Phänomen ist

Kolumne: Batke dichtet – Ich auf einem Konzert von Roland Kaiser? Undenkbar. Das dachte ich zumindest, bis ich ihn leibhaftig in Berlin erlebt habe.

Artikel teilen:

Berlin-Reisen habe ich in den zurückliegenden Jahrzehnten aus den unterschiedlichsten Anlässen absolviert. Auch schon in Zeiten, als ein menschenverachtender Grenzzaun das Land und eine Mauer die Stadt durchschnitten.

Dass ich eines Tages die 400 Kilometer lange Strecke von Südoldenburg in die Hauptstadt zurücklegen würde, um dem Kaiser zu huldigen, hätte ich mir als junger Bursche nie ausmalen können. The Doors, Neil Young, Bruce Springsteen – okay, aber dieser Roland Kaiser, der mit den sieben Fässern Wein, zum Mitgrölen auf der Party in Ordnung, aber ein Konzertbesuch: nie und nimmer.

Weit gefehlt. Mein Freund Franz und ich haben unseren Frauen den Roland unter den Weihnachtsbaum gelegt. Im übertragenen Sinne natürlich, denn wir verschenkten Eintrittskarten zum Konzert auf der legendären Waldbühne am vergangenen Wochenende. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Wir beschenkten uns damit auch selbst.

Denn es war ein großartiges Konzert, knapp 3 Stunden Hit auf Hit, begleitet von einer exzellenten Band und 22.000 Fans, die aus dem Häuschen waren. Kaiser, in Berlin aufgewachsen, war ob der Zuneigung, die ihm entgegenschlug, sichtlich gerührt. Es fiel ihm schwer, die Bühne zu verlassen, während der letzte enthusiastische Applaus von den Rängen herniederprasselte.

„Kaiser ist ein Phänomen, eine integrierende Kraft des Landes.“

Roland Kaiser steht eigentlich für den Schlager der 70er Jahre. „Santa Maria“, „Joana“ oder „Dich zu lieben“ stürmten schon vor 50 Jahren die Charts. Seine Hits handeln von Leidenschaft und Verlangen, oft haben sie schlüpfrige Textpassagen. Verblüffend jedoch ist, dass Kaiser im fortgeschrittenen Alter (er ist 72) auf dem Höhepunkt seiner Karriere steht. So fällt ihm dann auch Selbstironie leicht: Bei einigen seiner vom Publikum textsicher mitgesungenen Lieder sieht man auf der riesigen Videowand Einblendungen seiner Auftritte in der legendären ZDF-Hitparade. Der junge Roland mit der Aufreißer-Föhnfrisur als Konserve, vorn auf der Bühne der ergraute und in einem Maßanzug gewandete Gentleman, der augenzwinkernd davon singt, wie es „nachts an den schneeweißen Stränden“ zuging.

Große Teile des Publikums sind mit Kaiser älter geworden, auch sie haben wie der Sänger selbst Lebenskrisen gemeistert und so eine emotionale Bindung hergestellt. Doch der Entertainer erreicht auch die jüngeren Leute, verliebte Paare, die jeden Zentimeter Freiraum zum schneidigen Discofox nutzen, den bezopften Altplayboy, der mit offenem Hawaiihemd seine beeindruckende Tattoo-Kollektion präsentiert, genauso wie die Kegelschwestern aus dem Westfälischen, die ihre putzigen pinkfarbenen Krönchen aufleuchten lassen, als sich die Dämmerung und der Abend über die Waldbühne legen.

Kaiser ist ein Phänomen, eine integrierende Kraft des Landes. Im Frühjahr gab es aus Anlass seines 50-jährigen Bühnenjubiläums eine Briefmarken-Sonderedition der Post, am vorvergangenen Donnerstag hielt er Einzug ins Berliner Wachsfigurenkabinett der Madame Tussauds Unter den Linden. Zurück zum Konzert: Spätestens, als Kaiser den Evergreen „Manchmal möchte ich schon mit Dir“ anstimmt, hält es auch zwei junge Männer mit der provokanten T-Shirt-Aufschrift „Ich musste mit“ nicht mehr auf den Sitzen. Oder um es mit einem anderen Kaiser-Hit auf den Punkt zu bringen: „Extreme“.


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 68-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

Danke, OM für 10.000 Digital-Abos! Lesen Sie jetzt OM-Plus ein Jahr lang für nur 8,99€ / Monat und sparen Sie so bis zu 40%. Hier geht es zum Angebot.

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Warum Roland Kaiser ein Phänomen ist - OM online