Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

"Sind" Sie schon mit dem Lesen angefangen?

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Die deutsche Sprache ist mit ihrer Grammatik so tückisch, dass sogar Muttersprachler Probleme mit ihr haben. Erst recht diejenigen aus dem Oldenburger Münsterland.

Artikel teilen:

Deutsche Sprache, schwere Sprache: Lange Zeit war ich überzeugt, in Sachen Grammatik und Rechtschreibung macht mir so schnell keiner etwas vor. Tippfehler sind an dieser Stelle mal ausgeschlossen. Selbst bei Familie und Freunden ist bekannt, dass ich diesbezüglich "anstrengend genau" sein kann. Doch dann wurde ich auf einen gravierenden Fehler hingewiesen, den ich immer wieder gemacht habe, ohne von ihm zu wissen. Und: Dieser Fehler wird mich WOHL ein Leben lang begleiten. Dabei kann ich nichts dafür, es liegt einzig und allein daran, dass ich im Oldenburger Münsterland aufgewachsen bin.

Mit Anfang 20 saß ich während meines Germanistikstudiums an der Uni Göttingen in einem Sprachwissenschafts-Kurs bei Prof. Dr. Best. Er stellte eine Frage, ich antwortete. Soweit so gut. Dann drehte er sich zu mir, ging ein paar Schritte in meine Richtung, guckte mich lange an, legte seinen Kopf zur Seite und zog eine Augenbraue hoch: "Sagen Sie mal, Frau Hermes (mein Geburtsname), kommen Sie gebürtig aus der Nähe von Friesoythe?" Ähm, ich überlegte kurz. Joa. Garrel–Friesoythe, Friesoythe–Garrel, das sind etwa 12 Kilometer, eine gewisse Nähe ist da zu erkennen.

Leider war ich so perplex, dass ich nicht nachgehakt habe, warum er aufgrund meiner Antwort, meiner Sprache also, auf meine Heimatregion schließen konnte. Die Erkenntnis kam dann Jahre später während meines Radio-Volontariats in Hannover.

"Nachdem mir dieser Fehler in Hannover ausgetrieben wurde, stellen sich bei mir die Nackenhaare hoch, wenn jemand die Vergangenheitsform falsch bildet."

Sandra Hoff

Eines Morgens wurde ich nach der Früh-Sendung, ich hatte in dieser die Nachrichten gesprochen, ins Büro des Chefs zitiert. Ähnlich wie Prof. Dr. Best damals, saß er vor mir, guckte mich lange an, legte seinen Kopf schief und zog ebenfalls eine Augenbraue hoch. Oh, oh. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Ob ich wüsste, wie Verben richtig gebildet werden, fragte er mich ganz ruhig. Aber HALLO, das liegt mir im Blut, die 4 Semester Latein haben mich die deutsche Grammatik noch mal von der Pike auf lernen lassen und das Germanistik-Studium war jetzt auch nicht völlig sinnfrei, dachte ich selbstbewusst.

Worauf er hinauswollte: Ich machte ständig ein- und denselben Fehler. Für eine Nachrichtensprecherin fatal. So sagte ich seinerzeit morgens: "Die Schausteller sind mit dem Aufbau ihrer Buden am Maschsee angefangen." Autsch! Es musste natürlich "haben ... angefangen" heißen. Ein Fehler, der fast ausschließlich im Oldenburger Münsterland gemacht wird. Achten Sie mal darauf. Wie bilden Sie die Vergangenheitsform (Perfekt) von "anfangen"? Mit sein oder haben? Sagen Sie: "Wir haben mit dem Bau unseres Hauses angefangen? Oder: "Wir sind mit dem Bau unseres Hauses angefangen". Richtig ist, natürlich, der erste Satz.

Seitdem ich wieder in der Heimat bin und verstärkt darauf achte, weiß ich, es ist ein regionaler Fehler, den 95 Prozent der Menschen hier machen. Die, die das Verb richtig bilden, sind Zugezogene. Nachdem mir dieser Fehler in Hannover ausgetrieben wurde, stellen sich bei mir die Nackenhaare hoch, wenn jetzt jemand die Vergangenheitsform falsch bildet – also, nahezu jeden Tag.

Was aber noch typisch für unsere Region ist? Die Wörter "wohl" und "zufrieden". Auf die Frage: "Na, wie geht's dir?" kommt oftmals die Antwort "Ach, ich bin gut ZUFRIEDEN". Oder es wird auf die Frage: "Kannst du das Geburtstagsgeschenk besorgen?" entgegnet: "Ja, das kann ich WOHL machen."

Fallen Ihnen noch mehr sprachliche Besonderheiten des Oldenburger Münsterlands ein? Dann schreiben Sie mir.


Zur Person:

Danke, OM für 10.000 Digital-Abos! Lesen Sie jetzt OM-Plus ein Jahr lang für nur 8,99€ / Monat und sparen Sie so bis zu 40%. Hier geht es zum Angebot.

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

"Sind" Sie schon mit dem Lesen angefangen? - OM online