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Laurentius Siemer flieht eilends per Rad vor der Gestapo

ARD-Dokudrama über Dominikanerpater: Der Film „Mit Gott gegen Hitler“ wird erstmals am 4. Mai ausgestrahlt. Er ist christlichen Widerstandskämpfern gewidmet.

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Nikolaus Kühn ist Laurentius Siemer: In dem neuen Dokudrama verkörpert der Göttinger Schauspieler (links) den katholischen Widerstandskämpfer aus Südoldenburg. Foto: NDR / Bresinsky

Nikolaus Kühn ist Laurentius Siemer: In dem neuen Dokudrama verkörpert der Göttinger Schauspieler (links) den katholischen Widerstandskämpfer aus Südoldenburg. Foto: NDR / Bresinsky

Ein adrett gekleideter Mann – mit Anzug und Hut – ist mitten in der Nacht mit seinem Fahrrad vom Kreis Cloppenburg in den Kreis Vechta unterwegs und pfeift dabei das Volkslied „Alle Vögel sind schon da“. Fröhlich gestimmt ist der Radfahrer allerdings überhaupt nicht. Vielmehr ist er auf der Flucht, muss um sein Leben fürchten. Das Lied ist lediglich das Erkennungszeichen für seine Helfer.

Diese Szene ist Teil eines neuen Fernsehfilms, der vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) produziert wurde und in Kürze TV-Premiere feiert. Titel: „Mit Gott gegen Hitler“. Das 45-minütige Dokudrama läuft am 4. Mai (Montag) um 23.15 Uhr in der ARD und ist bereits ab 18 Uhr in der Mediathek abrufbar. Diese Zeitung konnte den Film – eine Mischung aus alten Aufnahmen, aktuellen Bildern und nachgedrehten Szenen mit Schauspielern – vorab sehen.

Siemer hatte das Glück, dass er in der Bevölkerung so beliebt war“Historikerin Dr. Maria Zumholz (Uni Vechta)


Bei jener Person auf dem Fahrrad handelt es sich um den südoldenburgischen Dominikaner-Provinzial Laurentius Siemer (siehe Fakten). Er und der evangelische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer sind die Hauptpersonen. Beide waren christliche Widerstandskämpfer. Anlass des Films ist der 75. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 2020.
Während Bonhoeffer internationale Berühmtheit erlangt hat, ist Siemer eher ein stiller Held, der jenseits Südoldenburgs weniger bekannt ist. Wie auch immer: Im Film stehen beide Persönlichkeiten auf einer Stufe.

Hochkarätige Schauspieler übernehmen die Rollen

Verkörpert werden die Widerstandskämpfer von hochkarätigen Schauspielern. Matthias Koeberlin („Die Toten vom Bodensee“) spielt Bonhoeffer, die Rolle des Laurentius Siemer übernimmt Nikolaus Kühn, der seit 2004 am Deutschen Theater in Göttingen engagiert ist.

Zurück zur Flucht per Fahrrad: Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat im Juli 1944 gerät auch Siemer ins Visier der Gestapo. Er sei in die Ereignisse „stärkstens verwickelt“, heißt es in einem Original-Telegramm, das im Oktober 1944 an alle Polizeistellen herausgeschickt wird. „Fahndung mit allen Mitteln fortsetzen“, lautet der unmissverständliche Befehl.

Doch Siemer kann, wie erwähnt, erfolgreich fliehen. Etwa, weil er gewarnt wurde, dass Männer mit dem Auto gekommen seien und ihn sprechen wollten. „Als er das Wort Auto hörte, wusste er Bescheid und hat schnell gehandelt“, erinnert sich seine Großnichte Angelika Wilma Ditscheid. Einer der Gestapo-Männer habe sogar noch die Hand auf Siemers eilig verlassenen Bett gelegt und gesagt: „Das Nest ist noch warm, doch der Vogel ist ausgeflogen“. Dass die Flucht gelang, kam offenbar nicht von ungefähr. „Siemer hatte das Glück, dass er in der Bevölkerung so beliebt war“, erklärt Historikerin Dr. Maria Zumholz von der Uni Vechta.

Fazit: „Mit Gott gegen Hitler“ ist ein lebendiges Stück Geschichte mit viel Lokalkolorit. Unbeantwortet bleibt – wie auch anderswo – allein die Frage, ob sich Bonhoeffer und Siemer in der Realität je begegnet sind.


Das Dokudrama in der ARD-Mediathek:


Fakten:

  • Laurentius Siemer wurde am 8. März 1888 in Elisabethfehn geboren.
  • 1908 legte er am Antonianum in Vechta das Abitur ab.
  • Anschließend entschloss er sich, in den Dominikanerorden einzutreten und nahm ein Theologie-Studium auf.
  • 1914 wurde er in Köln zum Priester geweiht.
  • Nach einem zweiten Studium in Münster – auf Lehramt – und dem Staatsexamen betraute ihn der Orden 1921 mit dem Posten des Rektors im Internatsgymnasium in Füchtel (Vechta).
  • Im September 1932 wählte ihn die Ordensprovinz Teutonia zu ihrem neuen Leiter, Provinzial genannt.
  • Ostern 1933, kurz nach der Machtergreifung Hitlers, kritisierte Siemer erstmals die Rassenideologie und rief seine Ordensbrüder zum Widerstand auf.
  • 1935 wurde er wegen Devisenvergehen verhaftet, 1936 aber in zweiter Instanz freigesprochen.
  • Nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Siemer per Steckbrief gesucht, konnte aber im Kloster Schwichteler und später bei einer Familie in Handorf untertauchen.
  • Nach dem Krieg versuchte er die Versöhnung von Christentum und Sozialismus, war Mitbegründer der CDU.
  • Laurentius Siemer starb am 21. Oktober 1956 in Köln an Herzversagen.
  • Er ist Namenspatron eines Gymnasiums in Ramsloh.

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