Keine Auftritte, keine Gage, alles "scheiße"
Dem Vollblutkünstler sind neben dem erzwungenen künstlerischen Stillstand auch seine Einnahmen weggebrochen. Doch der Dinklager gibt sich kämpferisch.
Christoph Heinzel | 07.06.2020
Dem Vollblutkünstler sind neben dem erzwungenen künstlerischen Stillstand auch seine Einnahmen weggebrochen. Doch der Dinklager gibt sich kämpferisch.
Christoph Heinzel | 07.06.2020

Zeit für neue Projekte: Florian Hinxlage hat viele Ideen für Kunst unter Corona-Bedingungen. Bislang fand sich kein Partner. Foto: Heinzel
"Ich möchte einfach nur meinen Job machen", sagt Florian Hinxlage. Doch genau das kann der Musicaldarsteller, Sänger und Regisseur seit dem Lockdown im März nicht mehr. Das hindert den Dinklager nicht daran, Ideen zu entwickeln und nach Wegen zu suchen, um auch während der Corona-Krise Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Leicht allerdings hatte und hat es der Mann aus der Bauerschaft Langwege nicht. Seine erste Idee, ein Musicalprojekt zum Einwerben von Spendengeldern für einen Künstlerhilfsfonds, scheiterte an rechtlichen Problemen. Auch für weitere Konzepte fand sich kein Partner. "Die letzten Wochen und Monate waren geprägt von großen Enttäuschungen", beschreibt Hinxlage auf Facebook den Ist-Stand. Es ist eine frustrierende Zeit. Denn der Stillstand hat natürlich finanzielle Folgen. Alle neun für dieses Jahr verabredeten Engagements, wie etwa die Regie bei den Hallenberger Festspielen, wurden abgesagt. Keine Arbeit, keine Gage. So gehe es vielen Kollegen. "Die Situation in Niedersachsen ist - gelinde gesagt - für Kulturschaffende scheiße!", sagt der 34-Jährige ganz deutlich. Soforthilfe bekommen Hinxlage, viele seiner Kollege und auch andere Solo-Selbstständige nicht. Der Grund: Sie erfüllen die Voraussetzungen nicht. Der Staat gibt seine Unterstützung zur Zahlung von Betriebskosten wie etwa der Miete. Dass die Einnahmen komplett wegfallen und dann die Lebenshaltungskosten zum Problem werden, ist in den Hilfsprogrammen nicht berücksichtigt. Er sei daher froh über den Rückhalt bei seinen Freunden und in der eigenen Familie, sagt Hinxlage. "Das ist unsere Arbeit, davon müssen wir uns nicht nur über Wasser halten, sondern leben." Von kostenlosen Online-Konzerten auf YouTube, Facebook oder via diverser Streamingdienste hält er nichts. "Das ist unsere Arbeit, davon müssen wir uns nicht nur über Wasser halten, sondern leben." Sein Appell lautet daher die "Kultur nicht zu verramschen". Eine Ausnahme seien natürlich Benefizkonzerte. Auch wenn die Regeln nun langsam gelockert werden, ist die Krise der Kreativen noch nicht vorbei, glaubt der Dinklager. So schrieb Hinxlage am 11. Mai ebenfalls auf der erwähnten Social-Media-Plattform mit Blick auf die Regelungen in Nordrhein-Westfalen: "Liebe Damen und Herren aus dem Ministerium, haben Sie mal eine vernünftige und qualitativ hochwertige Kulturveranstaltung organisiert und durchgeführt und dann auch noch FAIRE Gagen und Honorare bezahlt?? Nicht? Ah! Dann dürfte ihnen aufgefallen sein, dass wir bei 100 Gästen einen Ticketpreis von 188,75€ nehmen müssen, für JEDE einzelne Karte (...)." Dabei dürfe die wirtschaftliche Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht unterschätzt werden, sagt Florian Hinxlage. Laut Bundeswirtschaftsministerium setzte sie 2018 100,5 Milliarden Euro um und hatte damit einen Anteil von drei Prozent am Bruttoinlandsprodukt Deutschlands. Damit liege die Kultur im Branchenvergleich direkt hinter der Fahrzeug- (166,7) und der Maschinenbauindustrie (107,1), aber vor der Energieversorgungs- (47,9), der Finanzdienstleistungsbranche (75,2) sowie der chemischen Industrie (50,6). Zahlen, die durchaus ein starkes Argument dafür seien, warum Kunst und Kultur nicht vergessen werden dürften, sagt Hinxlage. Der Markt für Kulturschaffende werde nach der Krise sicherlich noch schwerer und umkämpfter sein, als er es bislang sowieso schon war, sagt Hinxlage. Er vermute, dass viele Spielstätten und Theater schließen müssen. Eine faire Gage zu erzielen würde dadurch nicht einfacher werden. Doch Florian Hinxlage, der für das Bürgerforum im Dinklager Stadtrat sitzt, will sich nicht beschweren. Er sei sich sicher, dass "die Menschen nach Live-Unterhaltung lechzen." Und da möchte er, unter Berücksichtigung aller Hygienevorschriften, ein Angebot schaffen, beispielsweise ein Musical-Festival, bei dem Publikum und Darsteller wieder direkt aufeinander treffen. "Lasst die Zuschauer entscheiden", meint Florian Hinxlage. Die Menschen brauchen Kunst, sie brauchen Kultur. "Und ich brauche das Publikum."Soforthilfe vom Staat? Fehlanzeige!


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