Eine Literaturagentin aus Steinfeld erklärt, warum das Vorlesen für Kinder so wichtig ist
Friederike Fuxen ist eine Bücherbotschafterin. Die 30-Jährige wirbt fürs Vorlesen, den Besuch von Büchereien – und gibt zahlreiche Buchtipps, um die Jüngsten an die Literaturwelt heranzuführen.
Wenn Grolltroll, Neinhorn und Co. das Kinderzimmer erobern: Friederike Fuxen aus Steinfeld ist selbstständige Literaturagentin. Foto: Röttgers
"Vorlesezeit ist Kuschelzeit", sagt Friederike Fuxen. Die 30 Jahre alte Literaturagentin gab jüngst im Kunstraum Steinfeld hilfreiche Tipps zum Vorlesen. Warum das überhaupt nötig ist? Sie erklärt, dass heutige Eltern vielfach nicht mehr vorlesen, weil sie diese Erfahrungen selbst als Kind nicht gemacht haben. Fuxen bedauert dies und appelliert an die Verantwortung der Eltern. Denn Vorlesen ist laut ihrer Aussage der "bestmögliche Start vor der Schule", den Eltern ihrem Kind überhaupt geben könnten.
Bereits im Alter von 12 bis 18 Monaten, gegebenenfalls sogar schon früher, kann das Ritual des Vorlesens als Einschlafhilfe eingeführt werden. "Dreijährige saugen praktisch jedes neue Wort dankbar in ihren Wortschatz auf", erläutert die Literaturexpertin.
So entstehe eine "Einschlaf-Beruhigung", die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen helfe. "Im besten Fall schlafen die Kinder schnell ein und träumen etwas Schönes." Die Nähe der Eltern stärke dabei die Bindung und gebe dem Nachwuchs ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
"Ein Kind, das liest, wird ein Erwachsener, der denkt."
Friederike Fuxen, selbstständige Literaturagentin aus Steinfeld
"Ein Kind, das liest, wird ein Erwachsener, der denkt", sagt Fuxen mit Blick auf die Entwicklung des Heranwachsenden. "Der Einfluss des Leseverhaltens auf die Intelligenzentwicklung hatte vielleicht noch nie eine so große Bedeutung wie in der aktuellen Zeit, die nicht nur Kinder vor viele Herausforderungen stellt."
Die Steinfelderin kündigt an: "Um möglichst viele Kinder mit in die Bücherwelt zu nehmen und das Tor zu einer Reise in die Fantasie aufzumachen, werde ich zukünftig das Bücherei-Team in Steinfeld unterstützen." Durch Veranstaltungen, die über das Angebot der Einrichtung hinausgehen, so hofft die Bücherbotschafterin, möchte sie möglichst viele Familien für das Vorlesen und Bücher gewinnen.
Fuxen möchte das Bewusstsein fürs Vorlesen fördern
Sie verweist auf die Rolle der Eltern als Vorbilder. "Etwa 39 Prozent der Kinder zwischen 1 und 8 Jahren sind wegen seltenem oder ausbleibendem Vorlesen bereits vor Schuleintritt benachteiligt", zitiert sie aus Untersuchungen. "Frühe Impulse für das Lesen zu setzen, kostet weder viel Zeit noch Geld. Nur das Bewusstsein für die Bedeutung des Vorlesens muss geschaffen werden."
Die Frage klingt zunächst banal, aber: Wie geht eigentlich Vorlesen? "Das ist ein Kinderspiel", sagt Fuxen. „Eltern können mit ihrem Kind in eine Bücherei gehen und es einfach ein Buch auswählen lassen. Und dann geht's los." Sie rät: "Beim Vorlesen sollte es gemütlich sein."
Entscheidend sei nämlich nicht, dass man geübt im Vorlesen sei, sondern dass man seinem Kind die nötige Aufmerksamkeit schenke und so gemeinsam in die Welt der Bücher abtauche. "Es geht darum zu zeigen, wie toll Bücher und das Zuhören sein können."
"Kinder lieben es, Geschichten zu hören und sich das Erzählte im eigenen Kopf vorzustellen."
Friederike Fuxen, selbstständige Literaturagentin aus Steinfeld
Die Vorlesegeschichten müssten gar nicht lang sein. "3 bis 5 Minuten jeden Abend reichen", erklärt Fuxen. "Kinder lieben es, Geschichten zu hören und sich das Erzählte im eigenen Kopf vorzustellen." Ein weiterer Tipp lautet: Ab auf die Bühne! „Egal ob Traumreise, Abenteuer oder Krimi – es ist wichtig, dass das Kind die Geschichte fühlt“, sagt Fuxen. Die Imitation von Figuren in Dialogen regt die Fantasie an: Ein Bösewicht klingt schaurig, eine Katze miaut und vielleicht spricht der Bär gar Plattdeutsch.
Warum hat das fehlende Vorlesen so große Auswirkungen auf den Schulalltag? "Ohne ein grundlegendes Textverständnis hängen Kinder in der Schule hinterher", warnte sie. "Kleinkinder lernen nicht, sondern begreifen. Fähigkeiten fallen ihnen zu, so wie das Erlernen von Sprachen. Das Vorlesen kann also nicht nur im ersten Schritt das Einschlafen beschleunigen und Nähe in der Familie schaffen, sondern Kinder erlernen das Zuhören und können Texte verstehen", betont sie.
Fuxen wirbt für den Besuch von Büchereien
Sie ist überzeugt, dass Kinder benachteiligt sind, denen nicht vorgelesen wird. Ihre Textverständnis-Probleme begleiten die Heranwachsenden laut Fuxen über die gesamte Schulzeit und Ausbildung und bedeuten auch Angst vor Texten – und Bildung.
Fuxen wirbt für den Besuch von Büchereien. Dort warten die richtigen Bücher darauf, von kleinen und großen Helden entdeckt zu werden. "Mittlerweile gibt es für alle Lebenslagen einen Buchtitel", lobt sie das breit gefächerte Angebot.
Die Literaturagentin gibt Lektüretipps
Fuxen gibt den Zuhörern auch gleich einige Lektüretipps, die übrigens allesamt in der Steinfelder Bücherei ausleih- und verfügbar sind: "Fabers Schatz" von Deutschlands erfolgreichster Kinderbuchautorin Cornelia Funke sei aufgrund der einfachen Erzählweise "super geeignet zum Vorlesen" und motiviere sogar zum ersten Selberlesen. Lehrreich sei auch "Das kleine Wir" von Daniela Kunkel, bei dem aus Unterschieden in der Kindertagesstätte Gemeinschaftssinn geschöpft werden könne.
Luise Holthausens "Niko bei den Dinosauriern" regt laut der Literaturagentin bereits die Jüngsten aufgrund des Layouts dazu an, einzelne groß gedruckte Wörter oder ganze Passagen mitlesen und nachsprechen zu wollen. Das Papa-Tochter-Verhältnis werde in Sabine Bohlmanns "Du, Papa, ist zehn viel?" wunderbar herausgearbeitet.
"Ich liebe Möhren“ von Katy Hudson lasse die herrliche Leidenschaft zu, sich eine Lieblingssache bewusst aussuchen zu können, erzählt Fuxen. Jess French rege in "So viel Müll" zu Verantwortungsbewusstsein gegenüber Umwelt und Natur an.
Mit Lerneffekt: "Niko bei den Dinosauriern" von Luise Holthausen regt zum Mitlesen an. Foto: Röttgers
Über Vielfalt und Mut erfahre das Kind viel in "Raffi und sein pinkes Tutu" von Unicef-Sonderbotschafter Riccardo Simonetti. Klassisch zur guten Nacht bittet hingegen "Gute Nacht, kleiner Löwe" von Tanja Jacobs. Von der Dinklager Kinderbuch-Illustratorin Carola Sieverding und Katalina Bause hob Fuxen "Pfui Spucke, Lama" als tolles Tierbuch hervor. Aktuell angesagte Dauerbrenner in der Ausleihe seien darüber hinaus von Diana Amft "Die kleine Spinne Widerlich" für mutige Lesende und Vorlesende und "Der Grolltroll" von Barbara van den Speulhof sowie "Aprilkind für kleine Rebellen".
"Großen Sprachspaß" verspricht laut der Steinfelderin das Buch "Das Neinhorn" von Marc-Uwe Kling. Für Anspruchsvolle sei das künstlerisch aufwendig gestaltete Werk "Vielleicht – Eine Geschichte über die unendlich vielen Begabungen in jedem von uns" von Kobi Yamada etwas. Aufgrund der vielen actionreichen Illustrationen empfiehlt Fuxen für Grundschulkinder außerdem "Theo Piratenkönig" von Ursula Poznanski.
Die Stiftung Lesen macht zahlreiche Angebote
Die Literaturagentin weist auch auf das Angebot der Stiftung Lesen hin. Den "Lesestart 1-2-3" gibt es für Eltern kostenlos beim Kinderarzt. Ebenfalls von der Stiftung Lesen gebe es darüber hinaus die App "Einfach vorlesen" mit Angeboten für Kinder im Alter von 3, 5 und 7 Jahren, sagt Fuxen. Jeden Monat stünden hier jeweils vier Titel zur kostenfreien Auswahl, um den Zugang zum Lesen für möglichst viele Familien zu erleichtern.
Und wie war die Lesesozialisation bei Fuxen selbst? "Das Tor zur Welt der Bücher haben mir der wöchentliche Besuch in der katholischen Bücherei der Gemeinde nach dem Gottesdienst und meine Patentante aufgestoßen." Die Steinfelderin hat in den vergangenen 8 Jahren den Lizenzverkauf des Loewe-Verlags verantwortet. Nach der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr entschied sie sich dazu, als selbstständige Literaturagentin viele Verlage aus dem In- und Ausland zu vertreten.
Sie sagt: "Damit ist es mir auch möglich, noch mehr Autoren und Illustratoren zu unterstützen, für die ich eine breitere Zielgruppe und größere Bekanntheit schaffen möchte. Ich war immer schon eine bessere Assistentin als Schöpferin und sehe die Rechtevermittlung als für alle gewinnbringende Hilfe für Kreative, die sich für den Kinder- und Jugendbuchmarkt entschieden haben."
Kreative, die an Kinder- und Jugendbüchern arbeiten, leisten laut Fuxen einen großen Beitrag zur (früh)kindlichen Bildungsgerechtigkeit. "Durch ihre Bücher können Kinder am Lesenlernen Spaß haben und bestenfalls ein Leben lang Leser bleiben", sagt sie und beschreibt ihre Arbeit als "Herzensangelegenheit und Traumjob zugleich".