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Der vergessene Krieg

Im Juli 1870 begann ein Krieg, der für Generationen das Verhältnis von Deutschen und Franzosen zerrüttete. Der Vechtaer Hermann Pölking legt zu den Geschehnissen ein Buch und eine TV-Serie vor.

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1. März 1871: Bayerische und preußische Truppen in Paris. Quelle: Polizeipräfektur Paris

1. März 1871: Bayerische und preußische Truppen in Paris. Quelle: Polizeipräfektur Paris

"Bald erreichten wir das mit Toten besäte Schlachtfeld von Vionville-Mars-la-Tour. Anfangs trafen wir nur auf zerstreut liegende Leichen; die Geschützführer versuchten, wo es ging, auszuweichen, aber der Hauptmann schalt und mahnte mit barscher Stimme, Intervalle und Richtung zu halten. Übrigens nahm auch bald die Anzahl der Toten zu, sodass ein Ausweichen mit dem Geschütz nicht mehr möglich war; wenn nun die Pferde sich bemühten, über die Seiten hinwegzutreten -ein Pferd tritt bekanntlich nicht gern auf einen am Boden liegenden menschlichen Körper -, so kamen doch die Geschütze und Fahrzeuge mit den Leichen in Berührung. Es war grausig, die Schädel unter den Rädern knirschen und Arme und Beine dumpf gegen die Speichen schlagen zu hören."

Es ist der Tag der Schlacht von Gravelotte, der 18. März 1870, als der aus Fallingbostel stammende Obergefreite im Schleswig-Holsteinischen Feldartillerie-Regiment Friedrich Freudenthal mit seiner Lafette über ein Schlachtfeld in Lothringen in den Kampf zieht, auf dem zwei Tage zuvor viele Oldenburger Infanteristen und Dragoner in der Schlacht von Mars-la-Tour ihr junges Leben lassen mussten.

Ab 1875 veröffentlicht Freudenthal Gedichte und Erzählungen in niederdeutscher Sprache. 1898 erscheint sein Buch "Von Stade bis Gravelotte" auf Hochdeutsch. Es ist einer der wenigen authentischen Berichte eines einfachen deutschen Soldaten aus dem Krieg von 1870/71, der zudem an keiner Stelle glorifiziert.

An den bildhaften Schilderungen, am Buchaufbau und den dramaturgischen Zuspitzungen kann man erahnen, dass Pölking und Sackarnd zugleich Dokumentarfilmer sind und nicht aus dem akademischen Lehr- und Forschungsbetrieb stammen.

Ihr Buch erscheint fast zeitgleich mit einer dreiteiligen Dokumentar-Serie, die Pölking und Sackarnd für den deutsch-französischen Sender Arte erstellt haben und die an einem Themenabend am Dienstag (18. August) um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird. In der Produktion wird der Krieg in jeweils einer Episode in der Länge von 52 Minuten aus hinterlassenen Tagebüchern aus Sicht einer Protagonistin oder eines Protagonisten erzählt.

Krieg bekommt ein Gesicht

Die zwanzigjährige Pariserin aus gutem Hause Genèvieve Breton, der 49-jährige britische Kriegsberichterstatter William Howard Russell und der 39-jährige Oberstleutnant im Preußischen Generalstab Paul Bronsart von Schellendorff machen ihre ganz eigenen, sehr unterschiedlichen Kriegserfahrungen und halten sie für die Nachwelt fest. Aus ihren Tagebuchnotizen, aus Interviews mit Historikern aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien, mit Aufnahmen von Kriegsschauplätzen, vor allem aber erstmals auch mit aufwendig recherchierten Aufnahmen von Pionieren der Fotografie wird ein Geschehen verständlich, das fast 100 Jahre Deutsche und Franzosen entzweit hat. Unbedingt sehenswert.

Ein verwundeter französischer Offizier, eine elsässische Bäuerin, ein freiwilliger preußischer Krankenpfleger, Wörth August 1870.
Quelle: Stadtarchiv Tübingen
Preußische und badische Soldaten in Straßburg, 28. September 1870.
Quelle: Bibliotheque nationale et universitaire Strasbourg
Sächsische Infanteristen als Plänkler bei la Moncelle, Sedan , 1. September 1870.
Quelle: Helden der Geschichte, Postkarten-Sammlung
Französische Marineinfanterie als Artilleristen auf einem Fort bei Paris, 1870.
Quelle: Brown University Library
Gräber der preußischen Garde bei Sainte-Marie-aux-Chênes bei Metz, September 1870.
Quelle: Bibliothèque-Médiathèques de Metz

"Verständlich machen" heißt auch helfen, dem militärischen Geschehen folgen zu können. Im Buch "Der Bruderkrieg" vermittelt das Autoren-Duo Militärkunde manchmal bis ins Detail, wenn es zum Beispiel die Unterschiede in der Kavallerie erklärt. Aber muss man heute noch wissen, was Jäger zu Pferde, Husaren, Ulanen, Kürassiere und Dragoner unterscheidet?

Hermann Pölking meint ja. Das Wissen sei der erwünschten Leserschaft durch den "Zivilismus" der bundesrepublikanischen Gesellschaft verloren gegangen. Und so weiß man dann nach drei Seiten Buchlektüre auch, dass Dragoner zur mittelschweren Schlachtenkavallerie gehörten und mit dem Pallasch auf den Gegner einhauten.

Oldenburger Dragoner reiten gegen französische Lanciers

Um 17 Uhr am 16. August 1870 entspinnt sich auf dem Schlachtfeld bei Mars-la-Tour die letzte große Reiterschlacht des europäischen Kontinents. Sie wird dramatisch geschildert. Mit Magdeburger Husaren, westfälischen Kürassieren, hannoverschen Ulanen und Dragonern reiten auch die zwei Eskadronen des Oldenburgischen Dragoner-Regiments Nr. 19 in den Kampf gegen französische Lanciers, Chasseurs, Husaren und Dragoner. Bei Oldenburgs Dragonern dienen zahlreiche Südoldenburger Bauernsöhne.

"Der Bruderkrieg" erzählt Geschichte anders als der Mainstream der historischen Sachbücher. "Geschichte nicht erklären, sondern aus der Erzählung verständlich machen", das sei der Ansatz von "Der Bruderkrieg" erklärt das Autoren-Duo. Das gelingt ihnen.


  • Info: Hermann Pölking, Linn Sackarnd: "Der Bruderkrieg - Deutsche und Franzosen 1870/71“; Herder Verlag, Gebunden, 688 Seiten, 38 Euro; "Der Bruderkrieg: Deutsche und Franzosen 1870/71"; TV-Dokumentation in drei Teilen; Regie: Hermann Pölking, Linn Sackarnd; Erstausstrahlung ARTE, Dienstag, 18. August 2020, ab 20.15 Uhr.

  • Info: Der Bruderkrieg - Deutsche und Franzosen 1870/71 (1/3) - ist jetzt auch in der ARTE Mediathek oder über Youtube abrufbar.


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