Der Kulturtipp: „The Harmony Codex“ – ein musikalischer Hyperloop
Mittwochs gibt es ab sofort einen Kulturtipp aus der OM-Online-Redaktion. Max Meyer hat sich dem siebten Solo-Album von Steven Wilson gewidmet. Fazit: Schönheit ist mehr als die Summe der Bauteile.
Durch Raum und Zeit in 64 Minuten: Der „The Harmony Codex“: Die Summe ist mehr als ihre einzelnen Teile. Foto: M. Meyer
Progressiv, ungeniert, komplex in seinen Einzelteilen, aber als Summe ein Meisterwerk der Konzeptmusik, respektive Klangkunst: Mit seinem Rausch durch Genres und Zeit markiert das siebte Solo-Album „The Harmony Codex“ des Kopfes der Progressive-Rock-Band Porcupine Tree, Steven Wilson, einen Stilbruch.
Dass der Brite experimentierfreudig ist, stellte er schon auf „To The Bone“ unter Beweis. Das neue Album ist dennoch ein großer Wurf – als Resultat der blinden Wut auf die Musikbranche. Wilson hat ein Potpourri aus klassischem Progressive Rock, Elementen der New Wave, arabesken Bausteinen, gepaart mit Post Punk, jazzigen Noten, der charakteristischen Wilson-Melancholie, garniert mit Elektronik, entworfen, bei dem es sich lohnt, am Ball zu bleiben.
Der Brite geht seinen Weg aus der Progrock-Ecke in den gehobenen Mainstream weiter. Das neue Album „The Harmony Codex“ ist am 29. September 2023 erschienen. Foto: dpa
Nervöse Keyboardtöne werden von Floydesquen Klängen aufgefangen
Der Start ist holprig: Mit „Inclination“ droht der 55-Jährige den Zuhörer zunächst zu überfordern. Der enge, stakkatoartige Marschschritt, leicht verweichlicht durch Keyboardtöne und vokale Klänge – ein rhythmisches, melodisches und klangliches Experiment – wird wider Erwarten mit „What life brings“ durch Pink-Floydesque, sphärische Klänge aufgefangen.
Etwas nervöser, beziehungsweise rhythmisch beschleunigender geht es mit „Economies Of Scale“ weiter. Die elektronischen Beats haben teils einem Wecker ähnliche Wirkungen, werden aber durch arabeske Töne am Klavier und teils mit der Kopfstimme gesungenen Parts beschwichtigt.
In „Impossible Tightrope“ geht es wieder ins Eingemachte. Der 11-minütige Song, der mit Streichern eingeleitet wird, zündet wenig später das erste rockige Feuerwerk und läutet die Rückkehr zum Stakkato-Groove ein. Die Verrücktheit dieses Tracks ergibt sich durch die Jam-Abschnitte, wenn Wilson das jazzige Saxofon zur Sprache kommen lässt – Progressive-Rock à la Porcupine Tree.
„Der kaleidoskopische Hall des dem Album gleichnamigen Songs ,The Harmony Codex' (...) wird von einer weiblichen Stimme gebrochen, die szenisch das Band zwischen Globus und Kosmos zeichnet.“
Wer Wilson kennt, weiß, dass selbst auf einem Konzeptalbum eine tieftraurige Ballade nicht fehlen darf. In „Rock Bottom“ wird alles aufs Wesentliche reduziert: Gesang mit wenig Klang im Duett mit der israelischen Sängerin, Ninet Tayeb, die auch ohne Wilson ganze Hallen mit ihrer Stimme füllt. Das Wechselbad der Gefühle macht an dieser Stelle des Albums kurz Halt – die Schwere bleibt, aber „Beautiful Scarecrow“ reanimiert die Lebensgeister des Zuhörers. Der Titel des Songs verrät bereits, dass es schrecklich-schön zugeht: kaum Gesang, viel Bass. Bedrückend, aber melodisch.
Der Gang ins musikalische Nichts findet im Ausklingen von „Beautiful Scarecrow“ in einem Rauschen seine ersten „Töne“, bis kurz nacheinander einsetzende, sich verbindende Keybord-Klänge (Arpeggios) schwaches Licht ins Dunkel des intergalaktischen Raums bringen. Das Synthwave-Artige erinnert an die Musik, die von Film- und Videospielmusik der 1980er-Jahre inspiriert ist. Der kaleidoskopische Hall des dem Album gleichnamigen Songs „The Harmony Codex“, der über 10 Minuten die Stille nur leicht in den Hintergrund stellt, wird von einer weiblichen Stimme gebrochen, die szenisch das Band zwischen Globus und Kosmos zeichnet.
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Beinahe ernüchternd kommt der Folge-Song „Time is running out“ daher. Die Dreiklänge des Pianos und die unaufgeregten, digital erzeugten Töne bringen Struktur. Allerdings läuft lyrisch ein Countdown. Wie nach einem starken Gewitter lichten die Synthesizer den Himmel auf. Ein sanftes Gitarrenriff liefert Versöhnung ob der misslichen Lage des bevorstehenden Endes, das die „Actual Brutal Facts“ auf den Tisch legt.
Verhältnismäßig trifft kein Titel des Albums so sehr auf Ton, Melodie, Klang und Songtext zu. Ein an Rob D’s „Clubbed To Death“ erinnernder Schlagzeugrhythmus nimmt den Hörer an die Hand und führt ihn durch textlich harten Tobak, der mit einer dunkel-verzerrten Stimme in Sprechgesang vor sich hin gruselt. Quinten auf Keyboard und Gitarre bestärken das „auf den Boden der Tatsache“ kommen. Der Song wird von dissonanten, Wilson-typischen Gitarren-Scratches komplettiert, ehe der bedrückende Rhythmus langsam abklingt.
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Die Komplexität der Einzelteile provoziert
Das Überraschende: Das jüngste Studio-Album endet nicht unversöhnlich, sondern beinahe positiv. Obwohl die sich wiederholenden, leicht abgewandelten, mit dem Computer erzeugten Sounds und schweren Paukenschläge zunächst „Actual Brutal Facts“ ins Gedächtnis rufen, wirkt Wilsons einsetzende Stimme schiedlich. Abschließend baut er ein 9-minütiges Klanggebilde auf, das dem Namen „Staircase“ – zu Deutsch: Treppe – instrumental und gesanglich übergerecht wird. Das Gitarrenriff führt den Hörer; der instrumentale Break und eine markante Textpassage spiegeln die Abfolge der Lebenshöhen und -tiefen wider, die anschließend mit chorähnlichen Klängen und pathetischem Posaunensound stufenweise intoniert werden. Das darauffolgende Bass-Solo mit seinen verschlungenen Linien ist ein krönender Abschluss für die Vielseitigkeit des Albums.
Ein Decrescendo als Reprise des Albums gleichnamigen Songs und der Rausch durch Genres und Zeit findet ein Ende. Vorerst. Denn: Die Komplexität der Einzelteile provoziert, dass Songs umgehend für sich überprüft, überhört, nachgehört werden. Während zeitweilig Filet-Stücke ausfindig gemacht werden, gibt die Vielfältigkeit des Einzelnen in der Gänze das Verständnis für das Kaleidoskopische der Staircases, die zum „Harmony Codex“ führen. Die Formel lautet: Die Summe ist mehr als ihre einzelnen Teile. „The Harmony Codex“: ein musikalischer Hyperloop.
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