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Beklemmendes Theaterstück wird vom Dinklager Publikum gefeiert

Die Bühne Cipolla führte jetzt in der Aula der örtlichen Oberschule "Mario und der Zauberer" auf – nach der Novelle von Literaturnobelpreisträger Thomas Mann.

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Cavaliere Cipolla ist ein machtgieriger Krüppel, der sein Publikum manipulieren kann. Fotos: Heinzel

Cavaliere Cipolla ist ein machtgieriger Krüppel, der sein Publikum manipulieren kann. Fotos: Heinzel

Cavaliere Cipolla ist Hypnotiseur und versteht es, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Wortgewandt manipuliert der machtgierige Krüppel sein Publikum im italienischen Badeort Torre di Venere. „Ich bin ein Mann von einiger Eigenliebe“, sagt er an einer Stelle des Theaterstücks. Er reizt die Grenzen seiner Manipulation aus und beschwört so ein fatales Ende herauf.

Es handelt sich dabei um die Inszenierung von „Mario und der Zauberer“, und zwar nach einer Novelle von Literaturnobelpreisträger Thomas Mann. Das Figurentheater für Erwachsene mit Livemusik wurde von der Bühne Cipolla in der Aula der Oberschule Dinklage präsentiert. Das unglaublich intensive und durchaus beklemmende Bühnenerlebnis honorierte das Publikum mit begeistertem Applaus.

Zum Inhalt: Eine Familie macht Urlaub im faschistischen Italien im August 1930. So richtig wohl fühlen sie sich nicht. Es ist zu heiß, die Einheimischen regen sich über das Verhalten der 8-jährigen Tochter auf und sind dabei selbst rücksichtslose Strandbesucher. Bereits hier wird eine Atmosphäre kreiert, in der sich „Fremde“ nicht wohlfühlen, ja, eigentlich auch nicht willkommen sind. Letzteres lässt man sie auch spüren. Trotzdem bleibt die Familie.

Mit dem Auftritt des Cavaliere Cipolla wird es noch düsterer und verstörender. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass der Künstler beliebt bei seinem Publikum war“, schildert der Erzähler. Cipolla sagt, Freiheit und Wille existierten zwar, aber nicht die Willensfreiheit. Er spielt mit dem Publikum und lässt es nach seiner Pfeife tanzen. Er spricht die Besucher auf ihre Manipulierbarkeit direkt an: „Seid ihr noch eine reine Gemeinschaft oder schon schmutzig?“

Sebastian Kautz (Mitte) erweckt die Figuren zum Leben und verleiht ihnen durch sein intensives Spiel richtige Tiefe.Sebastian Kautz (Mitte) erweckt die Figuren zum Leben und verleiht ihnen durch sein intensives Spiel richtige Tiefe.

Cipolla treibt sein böses Spiel weiter und zwingt einen jungen Burschen, dem Publikum seine Zunge herauszustrecken. Seinen Höhepunkt erreicht das Ganze, als der Cavaliere beginnt, Mario zu demütigen und bloßzustellen. Der Kellner, von Cipolla scharfzüngig „Ritter der Serviette“ genannt, ist unglücklich in Silvestra verliebt. „Man kann sagen, dass das Missverständnis nirgend so zu Hause ist wie in der Liebe“, meint der Hypnotiseur ominös und gaukelt Mario nun vor, seine angebetete Silvestra zu sein und lässt sich von dem Kellner küssen. Damit überreizt er sein Blatt, denn Mario erschießt den dämonisch agierenden Cavaliere.

Es ist ein eindringlicher Theaterabend, der sich in die Erinnerung einbrennt. Das liegt vor allem an den beiden Akteuren Sebastian Kautz (Figurenspiel) und Gero John (Violoncello). Die beiden bilden ein kongeniales Duo und schaffen mit ihrem Spiel eine intensive, nahezu mit den Händen greifbare Atmosphäre. Sie ziehen damit die Besucher in ihren Bann. Gero John spielt virtuos auf seinem Violoncello und changiert zwischen unheilvoll düster, richtiggehend verstörend und eher angenehm hoffnungsvoll. Er schafft es damit, das hervorragende und äußerst intensive Spiel von Sebastian Kauz nicht nur zu unterstützen, sondern zu verstärken. Der klug gewählte und gekonnte Lichteinsatz von Frank Barufke tut sein Übriges dazu. Das Ganze hatten sie bereits in vergangenen Jahren mit ihrer Inszenierung der "Schachnovelle" schon einmal demonstriert.

Gero John sorgt für die passende Atmosphäre mit seinem Viloloncello. Er ist auch mit dem Bremer Kaffeehausorchester unterwegs.Gero John sorgt für die passende Atmosphäre mit seinem Viloloncello. Er ist auch mit dem Bremer Kaffeehausorchester unterwegs.

Das eindrückliche und zeitweise beklemmende Bühnenerlebnis baut sich langsam auf und strebt dabei unaufhaltsam seinem Höhepunkt entgegen. Letztlich dürften die Besucher dem Erzähler zustimmen, als er sagt: „Es ist ein Ende mit Schrecken. Ein höchst fatales Ende, aber auch ein befreiendes. Ich kam nicht umhin, es so zu empfinden.“ Stück und Inszenierung lassen den Besucher nachdenklich zurück: Wie leicht, wie schnell, wie umfangreich und mit welchen Zielen ist das Individuum oder die breite Masse manipulierbar?

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