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Das Spiel des Figurentheaters Cipolla beeindruckt das Dinklager Publikum

Die Inszenierung der "Schachnovelle" ist beklemmend und hoffnungsfroh zugleich. Musik, Licht und Schauspiel bilden eine Einheit. Das alles wird zum Blick in die menschliche Seele.

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Gero John (links) und Sebastian Kautz (rechts) verweben ihr jeweiliges Spiel effektvoll miteinander. Foto: Heinzel

Gero John (links) und Sebastian Kautz (rechts) verweben ihr jeweiliges Spiel effektvoll miteinander. Foto: Heinzel

Es war ein mitunter verstörender, aber genau deshalb auch faszinierender Theaterabend in der Aula der Dinklager Oberschule. Das Figurentheater Cipolla präsentierte die Schachnovelle nach Stefan Zweig. Sebastian Kautz (Figurenspiel), Gero John (Instrumentenspiel) und Frank Barufke (Lichtspiel) schufen ein beeindruckendes Bühnenerlebnis, welches die Zuschauer zu lang anhaltendem Applaus und teilweise Standing Ovations bewegte. Viele blieben nach der Vorstellung in der Aula und suchten das Gespräch mit den Künstlern. Organisiert wurde der Abend vom Bürger- und Kulturring Stadt Dinklage.

"Für Schach unentbehrlich, genau wie für die Liebe, ist ein Partner.""Schachnovelle" Bühne Cipolla

Der Inhalt: Der geldsüchtige Schachweltmeister Mirko Czentovic, der Öl-Millionär McConnor sowie Dr. B. befinden sich auf einer Schiffsreise von New York nach Buenos Aires. Ihr verbindendes Element ist das Schachspiel. Die beiden zuerst Genannten liefern sich Partie um Partie. Die angesagten Schachzüge sorgen für eine unangenehme Geräuschkulisse – eine ohrenbetäubende, fast körperlich belastende Kakofonie. Der 3. Reisende ist Dr. B., der mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hat. Er unterbricht die Abfolge der Schachpartien und erzählt seine Geschichte.

Sebastian Kautz schafft es, hinter seiner Figur zu verschwinden, sodass sich der Zuschauer ganz auf die Puppe – wie hier Dr. B. – konzentriert. Foto: HeinzelSebastian Kautz schafft es, hinter seiner Figur zu verschwinden, sodass sich der Zuschauer ganz auf die Puppe – wie hier Dr. B. – konzentriert. Foto: Heinzel

Die ist belastend, mit-leidend. Der Zuschauer bekommt am Anfang des Stückes zwei Hinweise auf diese Situation. „Warten Sie ab, was mit Ihnen geschehen wird.“ Zudem sagt Sebastian Kautz in einer seiner Rollen: „Für Schach unentbehrlich, genau wie für die Liebe, ist ein Partner.“

"Man bleibt mit sich rettungslos alleine. Wie ein Taucher im schweren Ozean des Schweigens."Dr. B. im Stück "Schachnovelle" der Bühne Cipolla

Dr. B. schält sich wie eine Zwiebel, verliert Hut, Brille, Bart und Haare. Er verwandelt sich in sein jüngeres Ich. Dann beginnt seine Schilderung. Als Anwalt verwaltete er einst die Finanzen größerer Klöster. Um an dieses Wissen zu gelangen, wird Dr. B. schließlich von den neuen Machthabern verhaftet, eingesperrt und vollständig isoliert. Eine Folter, an der der Zuschauer, ob er will oder nicht, teilnimmt.  

Dr. B. wird einfach mit sich alleingelassen. Er hat nichts, womit er sich beschäftigen kann. Niemanden, mit dem er reden kann. Niemanden, dem er zuhören kann. "Man bleibt mit sich rettungslos allein", so formuliert es Dr. B.. Er ist ein Gefangener der Stille, des Nichts und sagt dazu. "Wie ein Taucher im schweren Ozean des Schweigens." Die Schwere, das Schweigen: Sie sind für Menschen unerträglich. "Vieles spielt sich im Kopf der Besucher ab. Dort wird die Puppe lebendig", sagt Sebastian Kautz.

Sebastian Kautz erweckt seine Figuren durch sein physisches Spiel äußerst realistisch und intensiv zum Leben. Foto: HeinzelSebastian Kautz erweckt seine Figuren durch sein physisches Spiel äußerst realistisch und intensiv zum Leben. Foto: Heinzel

Und dann beginnen die Verhöre. Dr. B. begrüßt sie geradezu. Aus der Aufforderung „Nennen Sie uns Namen!“ wird erneut eine unerträgliche Kakofonie, wie schon bei den Schachzügen. „Das Schlimmste ist das Zurückkommen ins Nichts“, sagt Dr. B..

Sebastian Kautz schafft es, mit seinem intensiven Spiel der Figur des Dr. B. eine Verzweiflung zu geben, die beinahe körperlich zu spüren ist. „Ich spiele sehr physisch und versuche meine Energie in die Puppe zu geben“, sagt Kautz. Meisterhaft beherrscht er es, der Puppe Leben einzuhauchen. Von ihren Bewegungen über die Modulation der Stimme stimmt alles.

Das Zusammenwirken von Sebastians Kautz' Figurenspiel, dem Instrumentenspiel von Gero John, der gegen Ende den Rollstuhl und ein Sägeblatt als Musikinstrumente verwendet, sowie dem Lichtspiel von Frank Barufke schafft eine beeindruckende, intensive, wenn auch manchmal beklemmende Atmosphäre.

Die Bühne Cipolla kreiert ein Erlebnis, das den Besucher nicht mehr loslässt – und zwar über die eigentlichen 70 Minuten hinaus. Am Ende zeigt sich Dr. B. als gespaltene Persönlichkeit, deren einzelnen Hälften sich gegenseitig beginnen aufzufressen. Es bleibt die unerträgliche Stille. Aber auch Hoffnung.

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