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Pfiffig: Wie ein junges Unternehmen Corona trotzt

Was macht ein Digitaldrucker, wenn niemand mehr seine Plakate haben will? Für die Firma Gramann in Spreda war die Lösung die Produktion von Spuckschutzwänden und Visieren.

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Gramann-Vertriebschef Jan-Bernd Rolfes mit den "Krisenprodukten" der Digitaldruckerei: Spuckschutzwand und Schutzvisier. Foto: Kühn

Gramann-Vertriebschef Jan-Bernd Rolfes mit den "Krisenprodukten" der Digitaldruckerei: Spuckschutzwand und Schutzvisier. Foto: Kühn

Vor acht Jahren hat sich an der Straße Nerenwand in Langförden Antonius Gramann mit seinem Druckunternehmen niedergelassen. Jetzt steht dies kurz vor der Prämierung als „Wachstumschampion 2021“ durch das Fachblatt „Focus Money“ und den Informationsanbieter „Statista“.

Gramann Digitaltechnik ist auf Grundlage der steigenden Umsatzzahlen aus den Jahren 2017 bis 2019 eines der 500 wachstumsstärksten Unternehmen in Deutschland. Das steht bislang fest, erklärt Antonius Gramann, den aber natürlich "brennend interessiert, welchen Platz die Firma im Branchenvergleich erzielt hat". Bis er das erfährt, muss er aber noch ein wenig warten, diese Nachricht gibt es erst, wenn das Zertifikat überreicht wird.

Mit den Zahlen seines Unternehmens geht Gramann selbst nicht geheimniskrämerisch um: Mit 28 Mitarbeitern hat der Digitaldruckspezialist im Jahr 2019 einen Umsatz von 3,2 Millionen Euro erzielt. Gerade hat man rund 1,5 Millionen Euro in eine neue digitale Großformat-Druckmaschine gesteckt, mit der sich die bisherige Produktivität erheblich steigern lässt. Die wachsende Zahl der Kundenaufträge macht es zudem nötig, dass in laufender Produktion Räume umgebaut werden müssen, um die Bearbeitung  der Aufträge zu verbessern. Auch für eine neue Lagerhalle ist der Bauantrag längst gestellt.

Firmenchef Antonius Gramann. Foto: KühnFirmenchef Antonius Gramann. Foto: Kühn

"Kaum einer weiß wirklich, was wir hier machen", erklärt Gramann und erläutert, was der "Großformatdrucker" alles kann. "Viele denken immer noch, das Digitaldruck Spielerei, so etwas wie kopieren ist, und dass das jeder kann. Von den Offset- und Akzidenzdruckern werden wir nach wie vor auch noch belächelt – aber unser Markt wächst." Das Produktportfolio von Gramann reicht vom Plakat über Schilder, Displays und Verpackungen in Klein- und Großserien bis hin zu den zuletzt ebenfalls hier produzierten Spuckschutzwänden und Visieren. "Die Möglichkeiten unserer Fertigung sind fast grenzenlos. Wir bedrucken – fast – alles", freut sich Gramann über die Aufträge von namhaften Kunden aus vielen wirtschaftlichen Bereichen, auch von Bloggern und Parteien.

"Wir bedrucken alles, was größer ist als eine Schreibtischunterlage."Jan-Bernd Rolfes, Vertriebschef bei Gramann-Digitaldruck

"Wir sind im XXL-Druck zu Hause", sagt Gramann, was für ihn bedeutet, das eine Druckfläche von 80 mal 120 Zentimeter schon klein ist. Als Mann der ersten Stunde und Vertriebschef der Firma fügt Jan-Bernd Rolfes ein gut merkbares Bild an: "Wir bedrucken alles, was größer ist als eine Schreibtischunterlage." Visitenkarten oder Hochzeitseinladungen gibt es also nicht. "Aber wenn es um Großformatiges bis zur Größe von 1,60 mal 3,20 Meter auf der Platte oder auf der Endlosdruckrolle geht, dann ist man bei uns richtig", erklärt Rolfes. Bedruckt werden die verschiedensten Materialien wie Hohlkammerplatten aus recyclebarem Polypropylen oder Pappe, aber kein Papier. War Pappe im digitalen Druck lange Zeit nicht in Gebrauch, so wächst dieser Markt wieder. "Der braune Karton vermittelt Natürlichkeit, das wollen immer mehr Kunden", erläutert Gramann.

Nicht nur der Druck, auch die Zusammenstellung von Werbematerialien gehört zum Dienstleistungsangebot der Digitaldruckerei. Foto: KühnNicht nur der Druck, auch die Zusammenstellung von Werbematerialien gehört zum Dienstleistungsangebot der Digitaldruckerei. Foto: Kühn

Das flexible Unternehmen macht allerdings nicht mehr ausschließlich den Umsatz über Druckerzeugnisse, sondern insbesondere über die  Kommissionierung und Verpackung der Werbematerialien. So kommt es, dass zum Beispiel die nötigen Werbematerialien für die nächste Kampagne einer Parfümeriekette in Spreda zusammengestellt, in die bei Gramann selbst gestanzten Kartonagen verpackt und dann verschickt werden.

Rolfes nennt die Sendungen "Carepakete". Er erklärt: "Die Filialleitung erhält vom Präsenter bis zum Plakat alle nötigen Werbematerialien von uns in nur einem Paket." Groß im Geschäft ist die Firma auch mit den marktbeherrschenden Discountern in Deutschland. "Wir bekommen die Aufträge, da die Discounter ihre Werbung immer stärker regionalisieren, die Werbung auf den einzelnen Markt oder auf regionale Produkte abstellen. Da sind Plakate zum Beispiel keine Einheitserzeugnisse in großer Auflage mehr, sondern Kleinserien, die wir mit unseren digitalen Möglichkeiten kostengünstig und schnell drucken können", erklärt Rolfes.

Wegen der Coronavirus-Pandemie fielen plötzlich 90 Prozent des Umsatzes weg

Auch die Druckerei in Spreda ist von Corona betroffen – wenn auch nicht so stark wie andere Branchen. Rolfes und Gramann hatten zuletzt beide bei demselben renommierten Druckunternehmen gearbeitet, lernten dort die Möglichkeiten der digitalen Drucktechnik kennen und schätzen. Gramann hatte mit einem ehemaligen Chef sogar eine gemeinsame Firma gegründet und geführt – bis er sich selbstständig machte, brachte also die Leitungserfahrung mit. Doch auf so etwas wie die Coronakrise waren die beiden Macher nicht vorbereitet. "Wenn plötzlich 90 Prozent des Umsatzes wegbrechen wie im März, weil zum Beispiel keine Veranstaltungsplakate mehr benötigt werden oder der Lebensmitteleinzelhandel seine Werbung zurückfährt, weil er weiß, dass die Leute auch in der Krise zu ihm kommen, dann muss man pfiffig sein, um das Überleben des Unternehmens zu garantieren", erzählt Rolfes.

Ein Brainstorming brachte dann eine ungewöhnliche Lösung und ebenso ungewöhnliche Produkte hervor. "Wir haben uns die technischen Möglichkeiten und Materialien angeschaut, die wir im Unternehmen haben und sind schnell auf die Fertigung von Schutzvisieren und Spuckschutzwänden gekommen." Gedacht und umgesetzt: "Schon die ersten von uns zunächst kostenlos verteilten Visiere führten zu Rückfragen, ob wir nicht mehr davon produzieren könnten", sagt Rolfes. 

"Fast 60.000 Schutzscheiben für die Visiere haben wir hier geschnitten und mit zugekauftem Gummiband und einem Halter aus Kunststoff aus regionaler Produktion verbunden. Für einen großen Discounter wurden dann die Spuckschutzwände für 4.000 Kassen durch uns gefertigt", sagt Rolfes. Aufträge, die dem Unternehmen über die Produktionsausfälle im Hauptbereich so weit hinweghalfen, dass jeder Mitarbeiter maximal "eine Woche lang in Kurzarbeit war", ergänzt Gramann.

Schon im April lief die Produktion von Plakaten wieder an, "der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen sei Dank", berichtet Rolfes, "denn auf diese Art Werbung wollte auch in Coronazeiten keine Partei verzichten". Gerade werden wieder neue Plakate gedruckt, denn in vielen Kommunen des Landes stehen jetzt Stichwahlen an.

Langsam erhöht sich die Zahl der Aufträge wieder, sodass unter anderen auch die neue, 1,5 Millionen Euro teure Digitaldruckmaschine, wieder hochläuft. Hier werden gerade Hohlkammerplakate aus Polypropylen mit der Werbung eines Zirkus bedruckt. Foto: KühnLangsam erhöht sich die Zahl der Aufträge wieder, sodass unter anderen auch die neue, 1,5 Millionen Euro teure Digitaldruckmaschine, wieder hochläuft. Hier werden gerade Hohlkammerplakate aus Polypropylen mit der Werbung eines Zirkus bedruckt. Foto: Kühn

Dass die Druckerei im Kernbereich so schnell wieder hochlaufen konnte, ist für Gramann der Grund, optimistisch auf das Gesamtjahr zu schauen. Die Verluste habe man schon im Juli wieder aufgefangen, man sei also noch recht gut durch das Coronatal gekommen. Für 2020 ist der Chef jetzt hoffnungsvoll, dass das Unternehmen wieder ein wenig mehr an Umsatz im Vergleich zum Vorjahr drauflegen wird. Das wäre dann trotz aller Krisen eine schöne Bestätigung und die Fortsetzung des Wachstumskurses, der bald von Focus Online ausgezeichnet wird.

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