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Lkw-Fahrer leben auf 4 Quadratmetern

Mit einem modernen Fuhrpark locken die Logistikunternehmen Fahrer an. Wer bei der Ausstattung Mitspracherecht hat, bleibt der Firma treu. Oder er zahlt sogar freiwillig drauf.

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Hat den Dreh raus: Andreas Beck ist Verkaufsberater bei A+T Nutzfahrzeuge und demonstriert den variablen Beifahrersitz. Auch groß gewachsene Fahrer haben in den Kabinen Stehhöhe. Foto: Thomas Vorwerk

Hat den Dreh raus: Andreas Beck ist Verkaufsberater bei A+T Nutzfahrzeuge und demonstriert den variablen Beifahrersitz. Auch groß gewachsene Fahrer haben in den Kabinen Stehhöhe. Foto: Thomas Vorwerk

Lkw-Fahrer werden im Lockdown unter Umständen besonders hart getroffen. Raststätten hatten entweder geschlossen oder boten nur Essen zum Mitnehmen an. Die Situation hat sich zwischenzeitlich gebessert und Sanitäreinrichtungen nebst Duschen sind ohnehin erreichbar, aber wie lebt es sich in einem modernen Lkw?

Mit dem alten Mercedes NG 1632 von Franz Meersdonk aus der Fernsehserie „Auf Achse“ haben heutige Zugmaschinen bestenfalls noch gemein, dass es ein Lenkrad gibt. Dies muss allerdings nicht mehr mit kräftigen Fernfahrerarmen bewegt werden, der kleine Finger reicht dank elektrischer Unterstützung locker aus, um auch auf der Stelle zu rangieren, wie Andreas Beck meint. Er ist Verkaufsberater bei A+T Nutzfahrzeuge in Garrel und erklärt den Fahrern bei der Übergabe, was der neue Volvo alles zu leisten imstande ist.

Handbuch hat den Umfang eines Grisham-Bestsellers

Das Handbuch eines modernen Lkw kommt dem Umfang eines Grisham-Bestsellers nahe, denn die Basis-Version bestellt kaum jemand. Die Zubehörliste ist lang und reicht von der Standklimaanlage und dem Flachbildfernseher mit digitalem Empfang bis hin zum Alko-Lock, einer Sperre, die erst nach dem nüchternen „Pusten“ den Anlasser freigibt.

„Die Fahrer haben trotz aller Assitenzsysteme und elektronischer Helferlein immer noch einen harten Job. Da soll ihr Arbeitsgerät, in dem sie auch wohnen, möglichst viel Annehmlichkeiten haben“, weiß Beck. Sind die Fahrzeuge nur im täglichen Verkehr unterwegs und werden nicht zur Übernachtung genutzt, genießt eine Standklimaanlage keine so hohe Priorität. Wer aber im Fernverkehr fährt und auch tagsüber Pausen einlegen muss, der weiß die Abkühlung zu schätzen und bekommt einen erholsameren Schlaf, was wiederum der Fahrsicherheit zugutekommt.

Individuell: Auch die Lackierung wird nach Kundenwünschen besonders gestaltet. Foto: Thomas VorwerkIndividuell: Auch die Lackierung wird nach Kundenwünschen besonders gestaltet. Foto: Thomas Vorwerk

Der Fahrer hat bei den Speditionen ein gewisses Mitspracherecht, aber auch die Personaler achten darauf, dass die Lkw gut ausgestattet sind. Ein moderner Fuhrpark kann entscheidend sein, ob ein Fahrer überhaupt anheuert. Wer einen 40-Tonner fahren darf, ist immer noch eine begehrte Kraft auf dem Arbeitsmarkt. Bei einigen zusätzlichen Wünschen sind es aber auch die Fahrer selber, die – nach Rücksprache mit dem Chef – die Sonderausstattung bezahlen. Beck: „Sie leben für ihren Job.“ Dann darf es auch etwas kosten.

Mit Flüssiggas wird Lkw-Maut gespart

Die Alu-Felgen sind keineswegs reine Geschmackssache. Jedes Kilo, das am Fahrzeug gespart wird, darf zusätzlich geladen werden und bringt bares Geld. Gespart werden kann auch bei der Maut, denn wer mit Flüssiggas fährt, zahlt noch bis mindestens 2023 keinen Cent für jeden Autobahnkilometer. Die Anschaffung ist zwar erheblich teurer, kann sich aber durch geringere Verbräuche und gesparte Gebühren rechnen. Bei A+T in Garrel machen Gas betriebene Motoren bereits ein Drittel der Bestellungen aus.

Doch das hat nur bedingt Einfluss auf das Leben auf 4 Quadratmetern. Das Bett schon eher und je nach bestellter Kabinen-Variante kann dies über 80 Zentimeter breit sein. Die Matratzen gibt es in unterschiedlichen Ausführungen und Härtegraden und das Gestell lässt sich aufrichten, um noch zu lesen oder einen Film zu schauen. Per DVB-T kann auch Fernsehen empfangen werden. Mit dem Mobiltelefon vernetzt sind zudem Streaming-Inhalte abrufbar oder Musikabonnements. Standheizung und Klima können per Fernbedienung gesteuert werden, die Verriegelung des Fahrzeuges und das Licht ebenfalls.

Mikrowelle hat ebenfalls ihren Platz

Direkt unter der Liegefläche ist der geräumige Kühlschrank verbaut. Gleich daneben steht die Kaffeemaschine. Der Vollautomat für Espresso steht noch nicht auf der Zubehörliste, „mit einem Spannungswandler können aber auch 220-Volt-Geräte betrieben werden“. Die Mikrowelle im Fach über dem Beifahrersitz hingegen kann auf der Wunschliste angekreuzt werden.

Der drehbare Beifahrersitz ist keinesfalls ein komfortables Zugeständnis an den Co-Piloten. Den gibt es ohnehin eher selten. Für kurze Pausen oder auch das Ausfüllen der Frachtpapiere kann dort aber eine entspannte Haltung eingenommen werden.

Lkw werden vier bis sechs Jahre gefahren

Solide ausgestattet kommt so eine Zugmaschine auf rund 100.000 Euro ohne Mehrwertsteuer. Weitere Extras treiben auch den Endpreis nach oben. Allerdings hat der Fahrer dann auch mindestens 4 Jahre etwas davon. „Nach rund 600.000 Kilometern werden die Zugmaschinen umgesetzt. Diese Laufleistung wird in vier bis sechs Jahren erreicht. Wir haben aber auch Kunden, die eine Million Kilometer zurücklegen.“

Parkplätze sind an den Autobahnen Mangelware

Der beste Truck nützt aber nichts, wenn es dafür keinen geeigneten Parkplatz gibt. Und die sind an Deutschlands Autobahnen immer noch Mangelware. Das Bundesverkehrsministerium hat vor wenigen Wochen Pläne vorgestellt, wonach der Bau von Parkplätzen an Autobahnen vor allem durch private Investoren mit 90 Millionen Euro gefördert werden soll. Falls das Konzept aufgeht, können die Lkw-Fahrer noch etwas entspannter auf den Autobahnen unterwegs sein.

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