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Kreativ durch die Kurzarbeit

Beim Kunststoffverarbeiter Müller Technik in Steinfeld herrscht Kurzarbeit. Die Zeit nutzt der Automobilzulieferer, um seine Geschäftsfelder zu erweitern. Auch Nachhaltigkeit spielt eine Rolle.

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Blick in die Produktion: In der Halle 1 in Steinfeld werden im Spritzgussverfahren Automobilteile hergestellt. Foto: Müller

Blick in die Produktion: In der Halle 1 in Steinfeld werden im Spritzgussverfahren Automobilteile hergestellt. Foto: Müller

Das neue Herz von Müller Technik ist eine "Denkfabrik": In einem ehemaligen Lagerraum stehen jetzt Stühle für die Gruppenarbeit. An rund einem Dutzend großer Tafeln, die verschiedenen Unternehmensbereichen zugeordnet werden können, finden sich Ziele formuliert und die Schritte, die zu deren Erreichung führen sollen. "Hier kann man die beabsichtigten Veränderungen im Unternehmen ablesen", erklärt Frank Schlarmann, und weist auf die Tafeln. "Das wurde von uns allen, den Mitarbeitern, formuliert. Ohne deren Einbeziehung, deren Verständnis und Einsatz können wir planen was wir wollen – es würde nicht funktionieren."

Auf einer der Tafeln sind kreisförmig angeordnete Maschinen um einen Arbeitsplatz zu sehen. Diese Inselfertigung ist neu, sagt Schlarmann: "Die internen Beziehungen in der Firma werden neu definiert. Dem Inselpersonal wird zugeliefert und es wird so zum wertgeschätzten Kunden der zuarbeitenden Abteilungen."

Situation trifft Müller Technik hart

Schlarmann ist von Haus aus Maschinenbauingenieur und unter anderem für den Vertrieb zuständig. Als Mitglied der Geschäftsleitung hat er Einblick in die derzeitige wirtschaftliche Situation von Müller. "Natürlich ist die gerade nicht rosig", gibt er zu. "90 Prozent unserer Produkte gingen bisher in die Automobilindustrie. Wir sind dort gut aufgestellt. Aber erst kam die Krise bei den Automobilbauern, dann das Corona-Virus. Wir sind unverschuldet in die derzeitige Kurzarbeit gerutscht."

Ist der Vertriebsverantwortliche bei Müller Technik: Frank Schlarmann. Foto: KühnIst der Vertriebsverantwortliche bei Müller Technik: Frank Schlarmann. Foto: Kühn

Müller Technik ist seit 30 Jahren ein Allrounder in Sachen Kunststofftechnik, entwickelt und konstruiert in enger Zusammenarbeit mit seinen Kunden Neuheiten, übernimmt den Prototypen- und Werkzeugbau, die Montage und die Produktion von Kunststoffteilen. In sehr vielen in Deutschland hergestellten Fahrzeugen stecken Produkte aus Steinfeld, angefangen von der Schaltung über den Sitz und die Tür bis hin zum Seitenspiegel.

In Steinfeld arbeiten 300 Menschen für Müller Technik, darunter 22 Auszubildende. In weiteren Werken in Polen, Tschechien und Mexiko produzieren weitere rund 400 Mitarbeiter. Die Zeit der fast stillstehenden Produktion im Bereich Automobilbau hat Müller Technik genutzt, um eine neue Gesamtstrategie zu entwickeln, erklärt Schlarmann, "denn wir wollen ja auch in Zukunft Löhne und Gehälter zahlen". Eng begleitet wird der Prozess von einer Unternehmensberatung.

Firma will dank nachhaltiger Produkte weiter wachsen

Es sei schon länger klar gewesen, dass man sich von der großen Abhängigkeit vom Automobil würde lösen müssen, erläutert Schlarmann. "Das heißt aber nicht die Aufgabe des wichtigen Standbeins Automobil, sondern eine Diversifizierung, also die Schaffung weiterer Standbeine." Der Autoteilebereich bleibe wichtig, gerade dort ginge die Tendenz hin zum Leichtbau, weg vom Stahl.

Insbesondere mit Blick auf die E-Mobilität sieht Müller Technik Chancen auf Wachstum mit dem Bau von leichten Fahrzeugunterböden. "Wir wollen aber auch mit neuen Produkten in neue Branchen hineinwachsen und überhaupt noch dichter am Kunden sein. So orientieren wir uns gerade in Richtung weiße Ware, also Teilebau für Kühlschränke oder Waschmaschinen."

Bei Müller Technik Leiter des Projektmanagements: Jörg Sieverding. Foto: KühnBei Müller Technik Leiter des Projektmanagements: Jörg Sieverding. Foto: Kühn

Gegen das durchaus vorhandene Negativimage von Kunststoff – Stichwort Mikroplastik – positioniert sich Müller Technik auch mit neuen, biologisch abbaubaren Produkten. Unter Reinraumbedingungen werden in Kürze Kapseln für Heißgetränke aus abbaubarem Material auf Basis von Sonnenblumenkernen gefertigt. Die Produktionszahl wird in die Millionen gehen, weiß Jörg Sieverding, Leiter des Projektmanagements bei Müller. Weitere Produkte aus nachhaltigem Kunststoff sind kompostierbare Grablichter oder Teelichter. In Polen testet man gerade die Verarbeitung "marinefähiger Kunststoffe", die sich nach einiger Zeit in Wasser völlig unschädlich auflösen.

Mitarbeiter ziehen bei der Umstrukturierung mit

Trotz "durchaus schmerzhafter" Umstrukturierung sollen die Jobs bei Müller Technik gehalten werden, sagt Schlarmann. Die Mitarbeiter ziehen mit, bestätigt der gelernte Kunststoffformgeber Sieverding. "Wir sind ein Familienunternehmen, was wir in unserer künftigen Strategie auch deutlich herausheben wollen. Mit Ulrich Ehrenborg und Helmut Kohake haben wir Geschäftsführer und Inhaber, die diesen Gedanken auch leben." Würde er bei einem internationalen Großkonzern tätig sein, sagt Sieverding, wäre er bezüglich seines Jobs schon unsicher. "Aber unsere Gesellschafter wohnen in einem Umkreis von zehn Kilometern. Das bedeutet auch ein Mehr an Verlässlichkeit für die Mitarbeiter, was den Job angeht. Man tut hier viel, um den Betrieb am Laufen zu halten – wie man gerade sieht."

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