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Herausforderungen für Zukunftsmacherinnen

In Deutschland arbeiten 66,8 Prozent der Frauen in Teilzeit. Mehr Betreuungsangebote und flexiblere Arbeitszeitmodelle könnten sich positiv auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auswirken.

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Spätestens ab dem vollendeten ersten Lebensjahr gibt es für jedes Kind in Deutschland Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Foto: Uli Deck / dpa / dpa-tmn 

Spätestens ab dem vollendeten ersten Lebensjahr gibt es für jedes Kind in Deutschland Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Foto: Uli Deck / dpa / dpa-tmn 

Am 29. Juni hat OM-Medien zum 2. Mal den Award der Zukunftsmacherin verliehen. Erneut wurde eine Frau aus dem Oldenburger Münsterland ausgezeichnet, die in besonderer Weise die gesellschaftliche Entwicklung vorantreibt – die ein gutes Beispiel oder Vorbild für andere Frauen darstellt, dass vieles möglich ist. Mutter sein und trotzdem arbeiten, sich allein für Familie oder Karriere entscheiden – „Alles ist möglich!“ - das hat auch Jurymitglied Stella Böckmann im vergangenen Jahr im Rahmen der Berichterstattung über verschiedene Lebensentwürfe einiger Mitarbeiterinnen gesagt – und nicht nur positives Feedback für diese Aussage erhalten.

„Auf Instagram wurde meine Aussage ohne weiteren Kontext geposted – und prompt mit Kommentaren wie ‚alles ist möglich ist ein neoliberales Märchen‘, ‚wenn geklärt ist wer die Rentenkasse der Frau füllt‘, ‚das hat nichts mit mir zu tun, sondern mit meiner sozialen/gesellschaftlichen Herkunft‘, ‚Altersarmut ist für viele Frauen Realität‘, ‚der Satz stammt aus einer kleinen sorglosen Bubble‘ quittiert. Erst war ich zugegeben etwas irritiert, aber die Bemerkungen sind ja richtig. Für mich heißt Zukunft machen auch, dass wir uns differenziert und aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem Thema befassen. Natürlich ist es wichtig, dass wir Frauen sichtbar machen und zeigen, was für tolle Beispiele es schon gibt, von denen wir viele mehr brauchen. Aber wir müssen auch kritisch konstruktiv die Augen dafür öffnen, was es eben noch an zahlreichen Hindernisse auf dem Weg zu „alles ist möglich“ gibt“, erzählt sie im Gespräch mit OM-Online.

Traditionelles Rollenbild hält sich hartnäckig

„Heute würde ich sagen: Alles sollte möglich sein. Doch dazu gehören auch gesellschaftliche und strukturelle Voraussetzungen, die leider noch nicht überall erfüllt sind und an unterschiedlichen Stellen große Hürden für Frauen, Mütter und Familien aufstellen.“ Gerade deshalb sei das Projekt Zukunftsmacherin so wichtig. Zusammen mit Marketingleiterin Carolin Müller verweist sie auf die Ergebnisse der aktuellen Plan Internation Deutschland Studie. Es zeigt sich: Das alte und traditionelle Rollenbild hält sich hartnäckiger als gedacht. Jeder 2. der befragten Männer im Alter zwischen 18 und 35 ist der Meinung, dass für die Hausarbeit vor allem die Partnerin zuständig sei. 39 Prozent möchten zudem, dass ihre Partnerin für sein Vorankommen im Job ihre Wünsche zurückstellt und ihm den Rücken freihalten sollte. „Das ist meine Generation und jünger“, zeigt sich Carolin Müller sichtlich irritiert. „In diesem Umfeld sollen die Zukunftsmacherinnen von morgen selbstbestimmt ihren Weg gehen können?“ Zusätzlich stufen über 30% der jungen Männer gelegentliche Handgreiflichkeiten gegenüber Frauen als „ok“ ein. „Sieht so Fortschritt in der Entwicklung der Gleichberechtigung aus?"

Frauen sollten – unabhängig ob mit Kindern oder ohne – ihre Träume verwirklichen dürfen und sich nicht hinten anstellen müssen“, würden sich Stella Böckmann und Carolin Müller wünschen. Das Rollenverständnis, aber auch die Betreuungssituation könnten ihrer Ansicht nach Gründe dafür sein, dass in Deutschland 66,8 Prozent der erwerbstätigen Frauen mit mindestens einem Kind in Teilzeit arbeiten und wir damit weit unter dem EU-Durchschnitt von 33,9 Prozent liegen. „Müttern, die wieder in Vollzeit oder mit mehr als 20 Stunden arbeiten möchten, muss dies auch durch entsprechende Betreuungsangebote ermöglicht werden“, sagt Carolin Müller. Sie ist Mutter einer 2-jährigen Tochter und arbeitet Vollzeit als Leiterin des Marketings bei Böckmann. Aus Erfahrung weiß sie, dass ihr Wunsch, in vollem Umfang zu arbeiten, ihre Tochter aber gut betreut zu wissen, oft nicht ganz einfach sind. „Ein langfristiges Ziel sollten ausreichend Betreuungsangebote für alle Eltern sein“, sagt sie und richtet ihren Blick in andere Länder, in denen es bereits ein gut ausgebautes Netz an Ganztagsmodellen gibt.

Reaktionen: Ein Zitat von Stella Böckmann, das ohne weiteren Kontext in den sozialen Medien gepostet wurde, hat zu verschiedenen Kommentaren geführt. Quelle: InstagramReaktionen: Ein Zitat von Stella Böckmann, das ohne weiteren Kontext in den sozialen Medien gepostet wurde, hat zu verschiedenen Kommentaren geführt. Quelle: Instagram

Den skandinavischen Ländern wird beispielsweise eine weitgehend bedarfsdeckende, zumeist ganztägig angebotene öffentliche Kinderbetreuung attestiert. In Dänemark sind viel mehr Angebote von 6.30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Laut Studien werden hier die Kosten für die Betreuung überwiegend von der öffentlichen Hand getragen. Der Anteil der Elternbeiträge an den gesamten Betriebskosten lag im Nachbarland zwischen 1998 und 2015 konstant bei einem Fünftel. In Deutschland hingegen variieren die Höhe des Kindergartenbeitrags bzw. die Kosten einer Kindertagespflege je nach Bundesland, Kommune und Träger. Zusätzlich spielt das Alter des Kindes, die Betreuungsform und die Betreuungszeit sowie die Einkommen der Eltern eine Rolle bei der Höhe der Gebühren. „Schnell müssen im Monat mehrere hundert Euro aus der Familienkasse pro Kind bereitgestellt werden“, weiß auch Carolin Müller, die ihre Tochter derzeit bei einer Tagesmutter in guten Händen weiß. Auch der soziale Background fließt mit ein. Nicht jede Familie könne im Notfall auf Oma, Opa, Onkel oder Tante zurückgreifen.

Eine Herausforderung, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, sind folglich die Betreuungsangebote für Kinder. Denn obwohl in den vergangenen Jahren massiv Betreuungsplätze für Kinder im Krippen-, Kindergarten- und Grundschulalter ausgebaut wurden, übersteigt der Bedarf der Eltern vielerorts immer noch das Angebot, wie die aktuelle DJI-Kinderbetreuungsstudie zeigt. Demnach gibt etwa jede vierte Familie in Westdeutschland mit einem ein- oder zweijährigen Kind an, dass es derzeit nicht institutionell betreut wird, obwohl Bedarf bestünde (24 Prozent).

Zu wenige Tagesmütter oder Nachmittags- und Ganztagsangebote gehören für viele Familien zum täglichen Betreuungsspagat. Den Ergebnissen der DJI-Kinderbetreuungsstudie zufolge werden in Westdeutschland für alle Altersgruppen vor allem Plätze nachgefragt, die die Zeit bis zum frühen Nachmittag abdecken, sogenannte (erweiterte) Halbtagsplätze im Umfang von mehr als 25 und bis zu 35 Stunden in der Woche. Was dafür spricht, dass viele Elternteile auch mehr Stunden arbeiten möchten. Stella Böckmann fügt hinzu: „Auch im Hinblick auf den ja auch für uns heute schon spürbaren Fachkräftemangel müsste es Müttern möglich gemacht werden, so arbeiten zu können, wie sie es sich wünschen. Zahlreiche Studien zeigen, welch wichtiger Faktor dies wäre.“ Laut dem Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos: Wenn alle Frauen, die derzeit weniger als 28 Stunden pro Woche arbeiten, ihre Arbeitszeit um nur eine Stunde erhöhen würden, entspräche dies 71.000 Vollzeitkräften.

"Betriebe müssen mehr Flexibilität schaffen."Stella Böckmann

Stella Böckmann ist aber bewusst, dass auch die Unternehmen selbst noch „an der einen oder anderen Schraube drehen müssen“. „Betriebe müssen sich öffnen und mehr Flexibilität schaffen. Bei uns ist Elternzeit für Mütter wie auch Väter vorbehaltlos anerkannt. Die Betriebsferien legen wir grundsätzlich in die Schulferienzeit, um so der Betreuungsfrage Rechnung zu tragen. Wir bieten flexible Arbeitszeitmodelle und wenn beispielsweise der Abteilungsleiter und nicht seine Frau nachmittags mit seinem Kind zum Arzt fährt, dann ist er eben für 2 Stunden nicht erreichbar. Wir haben auch Kollegen, die, wo es geht, Home-Office-Möglichkeiten nutzen, damit an Nachmittagen, während die Frau arbeitet, die Kinderbetreuung geregelt ist. Man sollte an den Positionen, an denen es machbar ist, versuchen, seinen Mitarbeitenden diesen Freiraum einzuräumen“, gibt sie zu Bedenken. „Selbstverständlich muss das auf einer Vertrauensbasis funktionieren und die Arbeit muss an anderer Stelle erledigt werden“, fügt Carolin Müller hinzu. Ihr ist die Qualität der Zeit mit ihrer Tochter sehr wichtig. „Die gemeinsame Zeit, die wir haben, widme ich ihr sehr intensiv. Das kann ich mir aber einteilen und muss dann eventuell am Abend noch berufliche Dinge erledigen“, räumt sie ein. Natürlich sei es auch immer ein persönlicher Spagat, wenn man Karriere und Familie vereinen möchte.

Es gibt viele Gründe, warum sich Frauen und Mütter für eine Vollzeit- oder Teilzeitarbeit entscheiden wollen oder müssen. Politisch, wirtschaftlich, aber auch im Rollenverständnis zwischen Mann und Frau gibt es noch einige Herausforderungen, damit jeder Zukunftsmacherin der Weg ermöglicht wird, den sie gehen möchte.

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