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Die Meister von morgen lernen flachsend in der Online-Schule

In seiner Küche bereitet Lukas Bürmann (58) 25 Gesellen auf die Meisterprüfung vor. In der Online-Schule des Cloppenburgers gibt's kaum Regeln. Wie gehen junge Handwerker mit so viel Freiheit um?

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Mit Stift und Kamera online: 25 Gesellen lesen mit, was Lukas Bürmann  zeigt. Alle dürfen miteinander reden, ohne sich der Reihe nach zu melden. Foto: Kreke

Mit Stift und Kamera online: 25 Gesellen lesen mit, was Lukas Bürmann  zeigt. Alle dürfen miteinander reden, ohne sich der Reihe nach zu melden. Foto: Kreke

In der kleinen Küche von Ludger Bürmann geht‘s zu wie in der Klassenarbeit, wenn der Mathe-Lehrer kurz vor die Tür gegangen ist: 25 junge Männer werfen sich Lösungsversuche zu, tauschen echte und falsche Ergebnisse aus, nehmen sich gegenseitig auf die Schippe. Nur Papierkügelchen werden nicht geschossen: Die angehenden Meister sind online per Zoom-Konferenz verbunden, um einen typischen Handwerksauftrag zu kalkulieren. Ihr ungeniertes „Mogeln“ ist mehr als geduldet: Es ist Teil des Unterrichts.

"Ihr müsst nichts können, ihr müsst nur alles richtig machen."Diplom-Pädagoge Ludger Bürmann

Bürmann, der Diplom-Pädagoge und Chef des Kurses im kaufmännischen Rechnen, hört zu, greift aber erst ein, wenn‘s am Lösungsweg hapert. Mit 1, 3 Millionen Euro liegt einer der Schüler knapp neben den 3640,76 Euro, die der Meisterlehrer auf seinem Blatt notiert hat. „Ich bin ja beruhigt, dass ihr Millionäre im Handwerk werden wollt“, flachst der 58-Jährige, den alle Lukas nennen: „Aber vielleicht müsst ihr dafür heiraten.“

Der Cloppenburger, der sich zwischen Diät-Limo und Pfefferminz-Drops vor dem Monitor eingerichtet hat, korrigiert den mathematischen Irrweg und spendet Trost: „Ihr wisst ja: Ihr müsst nichts können, ihr müsst nur alles richtig machen.“

Das scheinbare Chaos in seinem Netzverbund trügt. „Wenn‘s ausartet, komm‘ ich schon auf den Punkt“, stellt er klar und bleibt doch seinem Credo treu: „Unterricht und Lernen muss Spaß machen.“ Das Durcheinander, das sonst in Digital-Konferenzen absolut verpönt ist, gehört zu diesem Prinzip. „Wenn die Schüler untereinander kommunizieren können, pushen sie sich gegenseitig“, sagt Bürmann. Denn die „Erfahrungsstufen“ der Teilnehmer zwischen 20 und 40 Jahren sind so unterschiedlich  wie ihr Temperament und ihre Berufe. Das treibe an und schweiße zusammen, sagt der Cloppenburger, der  im Auftrag des Bildungswerks Friesoythe die Handwerker schult.

Junge Handwerker unterstützen sich online gegenseitig

Kfz-Mechatroniker sind darunter, Zimmerleute, Maurer und Elektriker. „Die unterstützen sich alle gegenseitig“, sagt er. Der Ton ist rau wie auf einer Baustelle, aber herzlich. „Ist das deine Casting-Couch im Hintergrund?“, fragt einer. „Nee, das ist mein Wohnzimmer“, spricht eine Stimme aus dem Off ins Gelächter der Runde.

Die Aufgabenstellung, die Bürmann vorgibt, ist für alle Handwerker gültig und anwendbar: Wer ein Metallgeländer schweißen und montieren soll, muss genauso wie der Maler, der Tapeten und Quadratmeter ausrechnet, mit Lohn- und Materialkosten kalkulieren. Künftigen Meistern vermittelt der Pädagoge zudem das Rüstzeug, selbst Azubis anzuleiten. Bürmann hat damit reichlich Erfahrungen gesammelt und eigene Schlüsse daraus gezogen.

Von Vechta nach China: Im Ausland gelehrt

Lange arbeitete der Cloppenburger für die Kreishandwerkerschaft Vechta, ehe er sich 1998 mit seiner Idee vom „Lernentertainment“ selbstständig machte. Das Format sprach sich herum bis nach Fernost. Mit seiner privaten Firma „Meistermacher“ schaffte es Bürmann zweimal, Aufträge in China zu ergattern, Dolmetscher und Fahrdienst inklusive. Im Großraum Schanghai bildete der Cloppenburger Lehrer von Fachhochschulen in der praktischen Ausbildung weiter. Denn das duale System Deutschlands aus Praxis und Theorie zugleich ist ein echtes Exportmodell, das andere Länder so nicht kennen.

Als die Reisebeschränkungen der Pandemie den letzten Auftrag durchkreuzten, schaltete der Meistermacher routiniert auf die Online-Konferenz nach China um. „Ich hatte 2008 und 2009 schon im virtuellen Klassenzimmer gearbeitet“, erklärt er: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wenn sich etwas verändert: Entweder machst du mit oder lässt es bleiben.“

Whiteboard im eigenen Haus: Komplizierte Wege erklärt der Dozent online direkt. Foto: KrekeWhiteboard im eigenen Haus: Komplizierte Wege erklärt der Dozent online direkt. Foto: Kreke

Alle Befürchtungen, dass schweigsamere Typen online ins Hintertreffen geraten, kann Bürmann zumindest für seine erwachsenen Schüler nicht bestätigen. „Da ist keiner dabei, der nicht engagiert ist“, sagt er. Selbst wenn ein Schüler seine Kamera mal abschaltet, hat der Cloppenburger Vertrauen. „Da frage ich grundsätzlich nicht nach“, erklärt er: „Jeder hat ein Recht auf seine Privatsphäre.“ Zwischendurch wechselt der Dozent von der Küche ins Nebenzimmer: Auf einem noch größeren Monitor hat der Dozent ein modernes Whiteboard installiert: Auf der Oberfläche kann der 58-Jährige seine Zuhörer direkt durch Rechenwege führen und Formeln erklären. Die Runde ist live dabei.

„Ich finde überall tolle Leute im Handwerk. Die haben ihr Ziel und gehen ihren Weg. Was die für eine Dynamik in der Wirtschaft entwickeln, ist doch genial.“Lukas Bürmann

Die Klagen über die angeblich nachlassenden Fähigkeiten von Auszubildenden kann Bürmann „nicht mehr hören“. „Das wurde vor zehn Jahren schon genauso erzählt“, ereifert er sich: „Das macht doch depressiv!“ Seine Erfahrung ist eine andere: „Ich finde überall tolle Leute im Handwerk. Die haben ihr Ziel und gehen ihren Weg. Was die für eine Dynamik in der Wirtschaft entwickeln, ist doch genial.“

In Bürmanns Küche hat‘s keiner mitgehört: Der Dozent hat während seiner Lobrede auf die neue Generation der jungen Meister das Mikro stumm geschaltet. Vielleicht, weil er‘s diesmal ganz ernst meint, ohne jeden Flachs.

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