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Der Zuckertopf muss immer randvoll sein

Vor 50 Jahren wollte Roswitha Grave heiraten, brauchte das Geld und fing im Hotel "Seeblick" an. Seitdem ist sie aus dem Unternehmen nicht mehr wegzudenken.

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Der Gast ist König: Roswitha Grave arbeitet mit Leidenschaft als Service-Mitarbeiterin und erfüllt Wünsche. Foto: Claudia Wimberg

Der Gast ist König: Roswitha Grave arbeitet mit Leidenschaft als Service-Mitarbeiterin und erfüllt Wünsche. Foto: Claudia Wimberg

Gabriele Göken hatte sich bei ihrem Anruf gerade mal mit ihrem Namen gemeldet, da bekam sie mit einem „Gott sei Dank“ am anderen Ende bereits die Antwort auf ihre noch nicht gestellte Frage. Fast drei Monate musste Roswitha Grave seit März coronabedingt pausieren, jetzt öffneten sich die Türen des Hotels „Seeblick“ wieder.

Für die älteste Angestellte ein Segen. „Die Zeit konnte ich nicht gut aushalten“, gesteht die 69-Jährige, die dem Familienbetrieb direkt an der Thülsfelder Talsperre seit 50 Jahren die Treue hält. „Und ich kann einfach nicht loslassen“, fügt sie auch zur Freude von Heinrich Göken schmunzelnd hinzu, der ebenso wie seine Frau ihre Verlässlichkeit und ihren ungetrübten Tatendrang zu schätzen weiß. „Rosi bewahrt auch in hektischen Zeiten die Ruhe und ist da, wenn sie gebraucht wird“, lobt der Hotelchef.

Manch 20-Jährige kann mit ihrer Leistungsfähigkeit kaum mithalten, selbst wenn sie seit einiger Zeit das Tablett in beide Hände nimmt, „weil ich mich dann doch sicherer fühle“, sagt die Servicekraft aus dem Bakumer Ortsteil Hausstette.

Älteste Mitarbeiterin: Gabriele und Heinrich Göken danken Roswitha Grave für ihre Treue.  Foto: Claudia WimbergÄlteste Mitarbeiterin: Gabriele und Heinrich Göken danken Roswitha Grave für ihre Treue.  Foto: Claudia Wimberg

Über eine Freundin ist sie 1970 in den Hotelbetrieb gekommen. „Wir wollten heiraten und brauchten das Geld“, verrät Roswitha Grave, die neben ihrer Arbeit in einem Großhandel zunächst an den Wochenenden im schwarzen Rock, akkurat gebügelter weißer Bluse und Servierschürze für Heinrich Göken sen. und Ehefrau Margret tätig war. Im Laufe der Zeit dehnten sich ihre Einsätze dann immer weiter aus. 1988 ein Schicksalsjahr, als der Chef plötzlich starb und Sohn Heinrich „ins kalte Wasser geworfen wurde“, erinnert sich die Mitarbeiterin noch genau an unruhige Zeiten. Mit einem guten Team gelang der Generationswechsel, das Unternehmen wurde stetig weiterentwickelt und modernisiert.

Roswitha Grave hat daneben viele Kollegen kommen und gehen sehen, sie ist immer geblieben. Der Kontakt zu den Gästen beschreibt sie als Gewinn. Natürlich gebe es auch schwierige Charaktere, aber zum größten Teil sei es ein gutes Miteinander und das Wiedersehen mit Stammkunden aus ganz Deutschland bereite ihr eine besondere Freude. Immer unfallfrei zu servieren, „ist unmöglich. Wer das von sich behauptet, sagt nicht die Wahrheit“, weiß die Kellnerin, die schon mal den Kaffee auf der Hose verteilte und ihr humorvoller Gast froh war, „dass es keine Bierflecken gibt...“ Entspannt auch das Klima unter den Angestellten. „Jeder hat seine Allüren und meine kenne ich ganz genau“, erklärt sie augenzwinkernd und verweist beispielsweise auf den Zuckertopf, „der bei mir immer bis oben hin voll sein muss“.

Eigentlich soll mit 70 Schluss sein

Roswitha Grave behält im Restaurant den Überblick, aber genießt auch nach fünf Jahrzehnten den Blick auf den Stausee und „die wunderbare Natur“. Wie lange sie an ihrem idyllisch gelegenen Arbeitsplatz noch viele Kilometer zurücklegt, steht noch nicht fest. „Eigentlich habe ich gesagt, mit 70 ist Schluss“, betonte die zweifache Mutter und Großmutter, die am Wochenende genau diesen runden Geburtstag feiert und mit ihrem Ehemann, Familie und Freunden auf ihre goldene Hochzeit anstößt.

Die Leidenschaft für den Beruf sieht ihr Mann gelassen. „Er legt mir keine Steine in den Weg und hat nichts dagegen, dass ich noch arbeite“, dankt sie für Akzeptanz und Unterstützung. „Uns würde sie sehr fehlen“, sagen Gabriele und Heinrich Göken und „mir würde der Abschied sehr schwerfallen. Mal schauen, was kommt“, sagt Roswitha Grave. Dann nimmt sie sich ein Tablett, räumt im Frühstücksraum den Tisch vom Stammgast ab und serviert zwei Wasser auf der Terrasse.

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