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"Der Wettbewerb ist völlig verzerrt"

Friesoythes HGV-Chef Frank Hanneken ärgert sich über ungerechte Corona-Regeln. Sein Urteil: "Ein Schlag ins Gesicht der Familienbetriebe und der kleinen Fachgeschäfte."

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Lockdown falsch umgesetzt: Frank Hanneken aus Friesoyther ärgert sich über Wettbewerbsverzerrungen in der Corona-Pandemie. Foto: Franziska Wisgalle

Lockdown falsch umgesetzt: Frank Hanneken aus Friesoyther ärgert sich über Wettbewerbsverzerrungen in der Corona-Pandemie. Foto: Franziska Wisgalle

Ein Familienbetrieb, der 100 Jahre ein Fachgeschäft betreibt, muss im Corona-Lockdown schließen. Ein Discounter, der zum Teil Waren des täglichen Bedarfs verkauft, darf weiterhin sein gesamtes Sortiment anbieten, vom Parfüm, über Spielwaren bis hin zum Multimedia-Produkten. Frank Hanneken schüttelt den Kopf. „Wenn ich mir beispielsweise anschaue, was ein Drogeriemarkt alles verkaufen darf, nur weil der in seinem Regal auch Tagesbedarf führt, dann ist das ein Schlag ins Gesicht der Familienbetriebe und der kleinen Fachgeschäfte“, sagt der 47-jährige Kaufmann, der selbst sieben Einzelhandelsgeschäfte führt. Hanneken ist seit Herbst vergangenen Jahres wieder Vorsitzender des Handels- und Gewerbevereins Friesoythe und kennt die volle Bandbreite der Pandemie-Folgen.

"Der Handel braucht Liquidität für kommende Öffnungen und zeitgemäße Ware“Frank Hanneken, Vorsitzender des HGV Friesoythe

Dabei beeindruckt ihn am meisten, was er beim Vergleich mit Großstädten herausgefunden hat. „Der Handel leidet, aber Corona hat hier in Friesoythe noch keine tiefen Spuren hinterlassen. Die Läden sind noch bestückt und die Inhaber arbeiten Tag für Tag. Das beeindruckt mich sehr“, stellt der Familienvater fest. In Oldenburg dagegen seien in der Fußgängerzone schon etliche Geschäfte vollständig geräumt worden. In Friesoythe gebe es eine gut ausgebaute Innenstadt, erstklassige Fachgeschäfte und einen HGV, in dem die ehrenamtliche Arbeit für die Geschäftswelt und die Stadt wirklich Freude bereite. „Wir sind uns hier einig, dass für eine gute Außenwirkung und für eine große Anziehungskraft ein bunter Strauß an Eigenschaften wichtig ist. Kulturelle Angebote, tolle Events und eine vielfältige Geschäftswelt sind zusammen attraktiver als jedes Internetportal“, schwärmt der studierte Betriebswirt.

Das alles dürfe aber nicht über die innere Verfassung der Friesoyther Betriebe und ihrer Inhaber hinwegtäuschen. Immer wieder würden Hilfen in Aussicht gestellt und Versprechungen gemacht. Wer dann aber Anträge schreibe und Fragen stelle, mache vor allem eine Erfahrung: keine Zahlungen, keine Antworten. „Was macht das mit den Inhabern und ihre Familien?“, fragt Hanneken mit Nachdruck. Besonders belastend sei die Perspektivlosigkeit, die sich in einigen Branchen entwickele. Mit jeder neuen Mode und jedem Wechsel der Jahreszeit stelle sich die bange Frage nach dem Wohin für die „alte“ Ware. „Gerade den Textilisten fehlen nicht nur die normale Ladenöffnungen, sondern auch die sonst üblichen Abverkaufszeiten, wie Schlussverkäufe, verkaufsoffene Sonntage oder Rabattaktionen. Wie soll das gehen, wenn man monatelang nichts verkauft und sich die Ware stapelt?“

"Händler, die auf Portalen verkaufen, füttern den Wolf, der sie eines Tages fressen wird".Frank Hanneken, Vorsitzender des HGV Friesoythe

Das Wesentliche sei doch, dass die lagernde Ware zu Geld gemacht werden könne, und die Möglichkeit gebe es praktisch nicht. Der Handel brauche aber dringend Liquidität, um die Regale und Gondeln zeitgemäß bestücken zu können. Eine Liquidität, über die Discounter, Drogeriemärkte und sogar manche Sonderpostenmärkte lückenlos verfügen, weil sie den Verkauf von „täglichen Bedarf“ für sich in Anspruch nehmen. Und genau da, wo große Menschenmengen Zutritt hätten, sich lange aufhalten könnten und kaum kontrollierbar seien, könne pausenlos verkauft werden. Und dem kleinen Fachgeschäft, das seine Kunden zähle und mit einem sichtbaren Hygienekonzept begleite, werde der Schlüssel umgedreht. „Das ist der falsche Weg, damit kann die Politik Strukturen im Handel vernichten“, warnt der HGV-Chef energisch.

Natürlich würden derzeit auch viele Händler versuchen, ihre Waren über die bekannten Internetportale zu vermarkten. Der Erfolg sei gerade bei Textilisten eher mäßig. Entweder sei das Preisniveau niedrig oder die Kosten durch Versand und Retouren zu hoch. Abgesehen davon müsse man sehr vorsichtig bei jenen Portalen sein, die selbst auch aktiv verkaufen würden. „Für die spielen neben den Provisionen vor allem die generierten Marketingdaten eine große Rolle“, weiß der Kaufmann aus Friesoythe und ergänzt anschaulich: „Händler, die auf Zalando, Amazon & Co. verkaufen, füttern nur den Wolf, der sie eines Tages fressen wird“.

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