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Wenn tipico, bwin & Co. nur noch nerven

Kolumne: "Kopfball zum großen Kick" – Thema: Die ausufernde Werbung von Sportwetten-Anbietern.

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Was für ein Powerplay mit dem großen Kick. Von Dienstag um 18.45 Uhr mit Galatasaray gegen Bayern bis Sonntag um 19.20 Uhr mit Leverkusen gegen Freiburg – täglich rollte das Geschäft. Kombiniert mit einem Powerplay der Sportwetten-Industrie. „NEO.bet. Pro musst du sein“, verspricht Laura Wontorra permanent mit ihrem Dauergrinsen. Im alten Spot strahlt Lothar Matthäus siegesgewiss: „Ich habe den sicheren Tipp für Euch. Interwetten“.

Wetten, dass die Sportwetten-Werbung, wenn sie einmal genervt hat, nur noch nervt. Omnipräsent in der Powerplay-Woche. Tipico präsentiert bei Sky alles, vom Countdown bis zum Topspiel. Bei DAZN macht dies bwin. In einer Halbzeitpause überbieten sich gleich vier verschiedene Anbieter, im Live-Spiel ploppt plötzlich ein dicker bet365-Streifen am Bildrand auf. Und in den Stadien rollen die riesigen Werbebanden. AdmiralBet, bet-at-home, Betano, oddset, DAZNbet, unibet.

Ein Milliardengeschäft. Allein bei der Katar-WM wurden weltweit 32 Milliarden umgesetzt, in der EU stieg der Umsatz in den letzten 20 Jahren von 250 Millionen auf 9,8 Milliarden jährlich. Online – geht easy mit Handy. Alle sacken Kohle ein: Glücksspielindustrie, Medienkonzerne, Staat, Verbände, Vereine. 24 Prozent des Sportsponsorings in Europa kommen über Sportwettenanbieter, 16 von 18 Bundesligisten haben Wettpartner. Dabei verkaufen tipico, bwin & Co. nicht Produkte wie Shampoos, Rasierer oder Autos, sondern sie ziehen Sportfans nur das Geld aus der Tasche. Legale Abzocke. Wo bleiben da Moral, sportliche Werte, gesellschaftliche Verantwortung?

"Zum Schutz der Kinder. Quasi modernes Moral-Washing."

Italiens Nationalspieler Nicolo Fagioli gestand im aktuellen Wettskandal seine Spielsucht, akzeptierte eine siebenmonatige Sperre und hat drei Millionen Euro Spielschulden. Weniger spektakulär sind die vielen kleinen Zocker, die ihre Existenz verspielen. Der Geschäftsführer des englischen Glücksspielverbandes gestand vor einer Parlamentsanhörung: „99 Prozent unserer Kunden verlieren. Je mehr sie spielen, desto mehr verlieren sie.“ Neue Studien belegen, dass in Deutschland mehrere Millionen ein Glücksspielproblem haben. Sie werden durch Dauerberieselung mit Werbung, Neukundenbonus, VIP-Status oder Boosts gelockt und gefüttert.

Als einziger Bundesligist kickt der VfB Stuttgart gar mit einem Wettpartner als Trikotsponsor. Winamax auf der Brust – Samstag kein sicherer Tipp, 2:3 gegen Hoffenheim. 8,5 Millionen kassieren die Schwaben jährlich dafür. Und haben wohl ein schlechtes Gewissen. Im VfB-Fanshop gibt’s die aktuellen Trikots mit Winamax, die Kids-Version nur mit dem Namen Stuttgart statt Winamax. Zum Schutz der Kinder. Quasi modernes Moral-Washing.

Sportwetten sind ab 18 Jahren legal, aber angesichts der Spielsuchtgefahr sollte Werbung durch diese suspekte Branche schon reguliert werden. Der Marlboro-Cowboy darf schon seit Jahrzehnten nicht mehr als rauchender Influencer für Freiheit und Abenteuer durch die Prärie reiten.

Bevor mit dem DFB-Pokal am Dienstag das nächste Sportwetten-Powerplay beginnt, mein Rat an Laura Wontorra: Nicht pro, sondern contra musst du sein. Gegen Tippen.

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