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Nur der modebewusste Trainer-Azubi kann Hansi Flick helfen

Kolumne: Kopfball zum großen Kick – Thema: Die Lage der Fußball-Nationalmannschaft nach dem 0:1 gegen Ungarn.

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Gut ein Jahr ist es her. Heiße Sommertage in München, dann ein plötzlicher Kälteeinbruch. Peitschende Regenschauer, orkanartige Winde, bibbernd im T-Shirt. Und ein Schock in der Allianz-Arena: Ungarns Fußballer feierten mit Horden von glatzköpfigen Neonazis der Karpaten-Brigade, die selbst im Fünfer-Pack im Hotel noch furchteinflößend waren. Und bei Jogi Löws Kickern, die mit dem späten 2:2 gerade noch den EM-K.o. verhindert hatten, regierte nach der hemdsärmeligen Leistung nur das Prinzip Hoffnung. Hoffnung, die gleich im ersten K.o.-Spiel zerbröselte.

Was ist in dem Jahr danach passiert? Nichts. Außer, dass es jetzt nicht mal zum Ausgleich gegen die Ungarn reichte. Nach sieben Siegen gegen Fußballzwerge in der WM-Quali glückte Hansi Flick nur ein Sieg in fünf Nations-League-Spielen. Gegen Ungarn? Erst eine Fehlpassorgie, dann ein mutloses Rück- und Querpassfestival. Null Inspiration, null Führung. Einzige Spielidee: Tiefenbälle, um die Tiefenläufe von Timo Werner zu nutzen. Der Ball fand manchmal die Tiefe, Timo Werner und Kollegen nicht.

Hansi Flick kündigte noch im vergangenen Herbst individuelle Hausaufgaben für seine Stars an, von denen er mehr erwarte als nur das Tagesgeschäft in ihren Klubs. Klang nach Jürgen Klinsmann, der seine Spieler auch jeden Tag etwas besser machen wollte. Philosophie zum Schmunzeln.

„Freundschaftsspiele, auch Nations League, waren für Deutschland schon immer Kokolores“Franz-Josef Schlömer

Die Ungarn-Pleite dokumentiert eine Machtlosigkeit des Bundestrainers. Klubkrisen wie in München oder Leipzig schlagen Flick nicht aufs Gemüt, aber sie torpedieren seinen Fußball. Dass die Bayern in den Seilen hängen, färbt ab. Angesichts des WM-Kaltstarts ohne Vorbereitung im November mutet es grotesk an, dass das Wohl und Wehe der Nationalmannschaft bei der WM von Julian Nagelsmann abhängt. Er muss bis dahin das nationale Bayern-Gerüst wieder in die Spur bringen. Ausgerechnet Nagelsmann, der gerade von Medien, Experten und Insidern als modebewusster Trainer-Azubi mit Bild-Freundin abqualifiziert wird.

Hansi Flick müssen im November formstabile und selbstbewusste Spieler zugeliefert werden, nur dann kann er seinen Part erfüllen, Leidenschaft und Teamspirit wecken. Was gegen Ungarn nicht gelang. Geschenkt. Freundschaftsspiele, auch Nations League, waren für Deutschland schon immer Kokolores. Erst im Turnier findet und entwickelt sich eine Mannschaft – oder auch nicht. Wir müssen auf Gedeih und Verderb den Menschenfänger-Künsten von Flick vertrauen – wie dieser ein Gottvertrauen in Timo Werner setzt. Amen.

Beängstigend, es bleibt nur das Prinzip Hoffnung. Wie vor einem Jahr. Für mich persönlich diesmal aber eine angenehmere Enttäuschung gegen Ungarn – nämlich in der eigenen warmen Stube und ohne glatzköpfige Stiernacken im Haus.

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